Bei der dies­jäh­ri­gen Zäh­lung der Gar­ten­vö­gel des NABU im Mai rück­te der Dis­tel­fink bzw. Stiglitz in der Häu­fig­keits­lis­te auf Platz 16 vor. Auch ich habe ihn noch nie so häu­fig gese­hen und foto­gra­fie­ren kön­nen. Die meis­ten Men­schen wer­den wohl höchs­tens ein Dut­zend Vögel erken­nen kön­nen. Und wie vie­le erken­nen wir am Gesang?

Es wird gesagt: Man schützt nur, was man kennt. Jeden­falls ist die Moti­va­ti­on sehr viel stär­ker, wenn wir wis­sen, was zu ver­schwin­den droht.

Erstaun­lich, wie vie­le Schrift­stel­ler sich orni­tho­lo­gisch betä­ti­gen und natür­lich auch für Vogel- und Natur­schutz ein­tre­ten: Jona­than Fran­zen berich­tet in sei­nen Essays Wei­ter weg u.a. über die Vogel­jagd im Mit­tel­meer­raum, aber von (Natur­zer­stö­rung und) Vogel­be­ob­ach­tung han­delt auch sein groß­ar­ti­ger Roman Frei­heit. Aus Richard Powers Das Echo der Zeit wer­den die Leser für immer die Kra­nich­schwär­me in Erin­ne­rung behal­ten. Und Vögel durch­zie­hen in ihrer Viel­falt und Frei­heit und Bedroht­heit Colum McCanns unglaub­li­ches Werk Apei­ro­gon, das vom Isra­el-Paläs­ti­na-Kon­flikt handelt.

Vom Dis­tel­fink han­delt der Best­sel­ler von Don­na Tar­tt, genau­er von den fik­ti­ven Gescheh­nis­sen rund um das Bild „Der Dis­tel­fink“ von Carel Fab­ri­ci­us von 1654. Die­ser Dis­tel­fink, der kei­nes­wegs natu­ra­lis­tisch dar­ge­stellt ist, scheint gleich­wohl den Betrach­ter anzu­schau­en. Tar­tt schenkt uns erst auf den Sei­ten 768f und 1014f schö­ne Beschrei­bun­gen (der gan­ze Roman lohnt gele­sen zu wer­den), etwa:

„Da ist nur ein win­zi­ger Herz­schlag, die Ein­sam­keit, die hel­le, son­nen­be­schie­ne­ne Wand und ein Gefühl der Aus­weg­lo­sig­keit. Zeit die sich nicht bewegt, Zeit, die nicht Zeit genannt wer­den soll­te. Und ein­ge­sperrt im Her­zen des Lichts – der klei­ne Gefan­ge­ne, reg­los.“ (S.1015 in der Gold­mann Taschen­buch­aus­ga­be von 2015)

Lan­ge vor Tar­tt hat Lau­rence Ster­ne in sei­ner Emp­find­sa­men Rei­se (A Sen­ti­men­tal Jour­ney von 1768) beschrie­ben, wie ein gefan­ge­ne Star den Ich-Erzäh­ler zutiefst anrührt. Der Star sagt immer, wenn er an ihm vor­bei kommt: „I can’t get out – I can’t get out“. Er ver­sucht ver­geb­lich, den Star aus dem Käfig zu befreien.

„Ich schwör’s, nie wur­de mein Mit­ge­fühl emp­find­li­cher geweckt; noch ent­sin­ne ich mich eines Vor­falls in mei­nem Dasein, wo mir die ver­spreng­ten Lebens­geis­ter, wel­che mei­ne Ver­nunft genas­führt hat­ten, so jäh zurück­ge­ru­fen wor­den wären.“ (Eine emp­find­sa­me Rei­se, Ber­lin: Galia­ni, 2018, S.118)

Auf sei­nem Zim­mer ver­sucht er sich in das Schick­sal der Skla­ven hin­ein­zu­ver­set­zen, merkt aber, dass ihm das nicht gelingt und malt sich in allen Ein­zel­hei­ten das Lei­den eines ein­zel­nen Gefan­ge­nen aus:  „ich konn­te das Gemäl­de der Gefan­gen­schaft, wel­ches mei­ne Phan­ta­sie ent­wor­fen, nicht ertra­gen …“ (S.121).

Dis­tel­fink / Stiglitz