Zitat der Woche

von Javier Marías
(20. Sept. 1951 – 11. Sept. 2022)

Der Lauf der Zeit kann in jedem Moment einen Sturm ent­fa­chen, ihn zusam­men­bal­len, auch wenn anfangs kein noch so win­zi­ges Wölk­chen am Hori­zont zu sehen war. Man weiß nicht, was die Zeit mit ihren fei­nen Schich­ten, die sich untrenn­bar über­ein­an­der­le­gen, mit uns anstel­len, in was sie uns ver­wan­deln kann. Ver­schwie­gen schrei­tet sie vor­an, Tag für Tag, Stun­de für Stun­de, Schritt für Schritt, und ver­spritzt unmerk­lich ihr Gift bei ihrer heim­li­chen Arbeit, die so takt­voll und vor­sich­tig ist, dass wir nie­mals einen Stoß spü­ren, nie einen Schreck bekom­men. Mor­gen für Mor­gen erscheint sie mit beru­hi­gen­der, unver­än­der­li­cher Mie­ne und beschwich­tigt uns mit dem Gegen­teil des­sen, was geschieht: Alles ist gut, nichts wan­delt sich, alles ist wie ges­tern – das Gleich­ge­wicht der Kräf­te –, nichts ist gewon­nen, nichts ver­lo­ren, unser Gesicht ist das­sel­be und auch unser Haar und unse­re Figur, wer uns hass­te, hasst uns noch, wer uns lieb­te, liebt uns noch. In Wirk­lich­keit geschieht das Umge­kehr­te, nur lässt sie es uns mit ihren ver­rä­te­ri­schen Minu­ten, ihren tücki­schen Sekun­den nicht mer­ken, bis der befremd­li­che, uner­denk­li­che Tag kommt, an dem nichts mehr ist, wie es war […].

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