Zitat der Woche

von Walther Rathenau
ermordet vor 100 Jahren, am 24. Juni 1922

„Der Mensch aber begehrt Glau­ben und Wer­te. Er fühlt, daß er Uner­setz­li­ches beses­sen hat; nun trach­tet er das Ver­lo­re­ne mit List wie­der­zu­ge­win­nen und pflanzt klei­ne Hei­lig­tü­mer in sei­ne mecha­ni­sier­te Welt, wie man Dach­gär­ten auf Fabrik­ge­bäu­den anlegt. Aus dem Inven­tar der Zei­ten wird hier ein Natur­kult her­vor­ge­sucht, dort ein Aber­glau­be, ein Gemein­schafts­le­ben, eine künst­li­che Nai­vi­tät, eine fal­sche Hei­ter­keit, ein Kraft­ide­al, eine Zukunfts­kunst, ein gerei­nig­tes Chris­ten­tum, eine Alter­tü­me­lei, eine Sti­li­sie­rung. Halb gläu­big, halb ver­lo­gen wird eine Zeit­lang die Andacht ver­rich­tet, bis Mode und Lan­ge­wei­le den Göt­zen töten.“

Walt­her Rathen­au 1867–1922: Zur Kri­tik der Zeit 1912

Peter Slo­ter­di­jk: „Jeden­falls ist es in der deut­schen Poli­tik seit Walt­her Rathen­au nicht wie­der vor­ge­kom­men, daß poli­ti­scher Ver­stand, ästhe­ti­sches Wahr­neh­mungs­ver­mö­gen, sozio­lo­gi­sche Ana­ly­se­fä­hig­keit und phi­lo­so­phi­sche Refle­xi­on sich in einem an hoher Stel­le Ver­ant­wort­li­chen ver­ei­nigt haben.“

Quel­len und mehr