Die selt­sams­ten Men­schen der Welt

Zum Glück ist Joseph Hen­richs Werk »The Weir­dest Peop­le of the World« nun auf Deutsch erhält­lich: „Die selt­sams­ten Men­schen der Welt“. „Zum Glück“, denn ers­tens ist unver­ständ­li­cher­wei­se sein letz­tes über­ra­gen­des Werk »The Secret of Our Suc­cess« nicht auf Deutsch erschie­nen und zwei­tens the­ma­ti­sie­ren Hen­richs Bücher die denk­bar grund­le­gends­ten Fra­gen. Han­del­te »The Secret« vom Erfolg der mensch­li­chen Spe­zi­es, so das »neue« Buch vom Erfolg einer Kul­tur, der soge­nann­ten west­li­chen: „Wie der Wes­ten reich­lich son­der­bar und beson­ders reich wur­de“ lau­tet der aus­sa­ge­kräf­ti­ge Untertitel.

Über­zeu­gend zeig­te Hen­richs frü­he­res Buch, dass die Spe­zi­es Homo sapi­ens sich durch hohe kul­tu­rel­le Lern­fä­hig­keit aus­zeich­net. Offen­kun­dig stell­te die­se Bega­bung in ent­schei­den­den Pha­sen der Huma­ne­vo­lu­ti­on einen natür­li­chen Selek­ti­ons­vor­teil dar. Natur steht hier nicht in einem Gegen­satz zur Kul­tur, son­dern sie hat die Nei­gung, kul­tu­rel­les Wis­sen durch Lern­wil­lig­keit zu nut­zen und damit zu bewah­ren, ent­schei­dend befördert.

Soweit die Essenz des sou­ve­rän argu­men­tie­ren­den und mit ein­drück­li­chen Bei­spie­len gespick­ten Buches vom Erfolg unse­rer Spe­zi­es, The Secret of Our Sucess.

Vom Erfolg der Spezies zum Erfolg der westlichen Kultur

Nun könn­te man ver­mu­ten, dass auch die beson­ders „ent­wi­ckel­ten“ und domi­nan­ten Kul­tu­ren ihren Erfolg der gene­ti­schen Aus­stat­tung ihrer Mit­glie­der, also eben­falls einem natür­li­chen Selek­ti­ons­pro­zess ver­dan­ken. Genau dies aber ist nicht der Fall.

Hen­rich knüpft an die Ein­sich­ten des bedeu­ten­den Öko­lo­gen Jared Dia­mond an. In sei­nem inzwi­schen klas­sisch zu nen­nen­den Werk „Guns, Germs and Steel. The Fates of Human Socie­ties“ leg­te Dia­mond dar, dass Gesell­schaf­ten lan­ge davon pro­fi­tier­ten, wenn sie einen Start­vor­teil hatten.

Wor­in lag die­ser Vor­teil? In den öko­lo­gi­schen Gege­ben­hei­ten, die eine frü­he Sess­haf­tig­keit nach dem Ende der Eis­zeit mög­lich mach­ten. Im Nahen Osten konn­ten früh (ab ca. 11000 vor heu­te) Pflan­zen und Tie­re domes­ti­ziert wer­den, schlicht weil es die geeig­ne­ten Pflan­zen und Tie­re gab. Das waren ins­be­son­de­re Emmer, Ein­korn, Gers­te, Fei­ge und Erb­se und an Tie­ren Schaf und Zie­ge und bald dar­auf Rind und Schwein.

Süd­lich der Saha­ra fehl­te es dage­gen völ­lig an domes­ti­zier­ba­ren Tie­ren wie auch in Aus­tra­li­en und Mit­tel­ame­ri­ka. In Süd­ame­ri­ka waren allein Lama und das Meer­schwein­chen als Haus­tie­re nutz­bar (ab 6000 vor heu­te), aber nicht als Arbeits­tie­re. In Eura­si­en dage­gen konn­ten Och­sen, Pfer­de, Was­ser­büf­fel oder Esel „Pflü­ge zie­hen, schwe­re Las­ten tra­gen oder Müh­len ankur­beln“ (Hen­rich S. 668). Hen­rich resü­miert: „Dia­monds Argu­ment erklärt vie­les von der glo­ba­len Ungleich­heit, die wir in der Welt des Jah­res 1000 nach Chris­tus beob­ach­ten.“ (S. 670) Nach etwa dem Jahr 1200 aber schwächt sich die Erklä­rungs­kraft die­ses Fak­tors jedoch deut­lich ab: die füh­ren­den Volks­wirt­schaf­ten waren danach an Orten ange­sie­delt, wo Land­wirt­schaft rela­tiv spät auf­kam, „näm­lich in Eng­land, Schott­land und den Nie­der­lan­den“ (S. 670). „Dia­monds bio­geo­gra­phi­scher Ansatz hilft uns … weder dabei, zu erklä­ren, war­um die Indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on in Eng­land begann, noch, war­um die Schot­ti­sche Auf­klä­rung zuerst in Edin­burgh und Glas­gow auf­flamm­te.“ (S. 671)

Nicht alle sind WEIRD

Der Grund für die neue kul­tu­rel­le Dyna­mik liegt nach Hen­rich in der kul­tu­rell fest ver­an­ker­ten west­li­chen Psy­che und Denk­wei­se („mind“).

Schon in einem Arti­kel von 2010 hat Hen­rich (zusam­men mit Ste­ven J. Hei­ne und Ara Noren­za­y­an) auf die Beson­der­hei­ten im Ver­hal­ten und Den­ken einer ziem­lich gro­ßen Grup­pe von Per­so­nen auf­merk­sam gemacht, näm­lich der Men­schen, die in WEIRD-Gesell­schaf­ten leben: Wes­tern, Edu­ca­ted, Indus­tria­li­zed, Rich, and Democratic.

Dies ist aus zwei Grün­den wichtig.

  1. Psy­cho­lo­gi­sche Stu­di­en, die mit Stu­die­ren­den (und meist dazu noch in west­li­chen Gesell­schaf­ten) durch­ge­führt wur­den und schein­bar kla­re Ergeb­nis­se zeig­ten, ver­führ­ten dazu, die­se in unzu­läs­si­ger Wei­se als all­ge­mein mensch­lich zu betrachten.
  2. Womög­lich wird aus die­sem Grund im Wes­ten die Denk­wei­se in ande­ren Gesell­schaf­ten als „selt­sam“ oder erklä­rungs­be­dürf­tig ange­se­hen, wäh­rend doch die eige­ne erklä­rungs­be­dürf­tig und sekun­där ist – dies jeden­falls machen die Stu­di­en von Joseph Hen­rich plausibel.

Menschen aus WEIRD-Gesellschaften

  • zei­gen eine gerin­ge­re Kon­for­mi­tät und weni­ger Ehr­er­bie­tung gegen­über der Tra­di­ti­on und Älte­ren (S. 282ff)
  • ver­fü­gen über mehr Geduld
  • ver­su­chen Zeit zu spa­ren und wert­schät­zen har­te Arbeit
  • ach­ten unpar­tei­ische Prin­zi­pi­en höher als (ins­be­son­de­re ver­wandt­schaft­li­che) Bezie­hun­gen (mora­li­scher Uni­ver­sa­lis­mus) (S. 292ff)
  • ver­trau­en stär­ker auch Frem­den und koope­rie­ren mit ihnen, sie ach­ten eher anony­me Insti­tu­tio­nen (Regie­rung, Geset­ze, Steu­er) (S. 288ff)
  • nei­gen eher zu Schuld­ge­füh­len als zu Scham­ge­füh­len (S. 284ff)
  • schrei­ben mehr dem Cha­rak­ter zu als einer Situa­ti­on bzw. Rollenerwartung
  • haben weni­ger Rache­ge­dan­ken, aber sind bereit auch Frem­de für Ver­ge­hen zu bestra­fen (S. 303ff)
  • hal­ten viel von Auto­no­mie und indi­vi­du­el­ler Entscheidung
  • ach­ten mehr auf vor­der­grün­di­ge und zen­tra­le Akteu­re oder Objek­te (statt auf den Kon­text bzw. Hintergrund)
  • ver­fü­gen eher über ana­ly­ti­sches als ganz­heit­li­ches Wahr­neh­men und Den­ken (S. 311ff).

Warum sind WEIRD-Menschen so?

Die Ant­wort über­rascht, um nicht zu sagen: ver­blüfft. Und wür­de Hen­rich sie nicht so akri­bisch bele­gen, wür­de man befrem­det den Kopf schüt­teln und auf ande­re Erklä­run­gen zurückgreifen.

Viel­leicht ist hilf­reich, zunächst dar­an zu erin­nern, dass wir Men­schen (wie ande­re Tie­re auch) eine natür­li­che Nei­gung haben, nicht nur für unse­re Kin­der, son­dern auch für unse­re Ver­wand­ten zu sor­gen oder für sie ein­zu­tre­ten. Auch WEIRD-Men­schen leuch­tet das noch ein, obwohl genau die­se Nei­gung sich in ihren Gesell­schaf­ten kul­tu­rell bedingt deut­lich abge­schwächt hat.

Die grö­ße­re (Groß-)Familienbezogenheit, die west­lich gepräg­te Men­schen in ande­ren Kul­tu­ren so bemer­kens­wert fin­den, geht ein­her mit einem genaue­ren Wis­sen um Ver­wandt­schafts­be­zie­hun­gen. Uns leuch­tet sofort ein, dass dies mit gegen­sei­ti­gen Hil­fe­leis­tun­gen ver­bun­den sein kann, viel­leicht wird es aber über­ra­schen, dass Ver­wandt­schaft kei­nes­wegs mit einer Tabui­sie­rung im Blick auf Ehe­schlie­ßun­gen ver­bun­den ist. All­ge­mein beschrän­ken sich Inzest­ta­bus nur auf Ver­wand­te ers­ten und 2. Gra­des (und kul­tu­rell sehr unter­schied­lich auf wei­te­re Ver­wandt­schafts­be­zie­hun­gen). Schon Vet­ter­n­ehen 1. Gra­des wer­den in vie­len Gesell­schaf­ten nicht nur tole­riert, son­dern sind gewünscht. Ohne­hin gilt dies für Vet­ter­n­ehen 2. Gra­des, bei denen die Partner*innen also ein Urgroß­el­tern­teil gemein­sam haben. Gene­rell haben die nicht-west­li­chen Gesell­schaf­ten eine viel höhe­re Ver­wandt­schafts­in­ten­si­tät. Die Fol­ge: „Man ver­lässt sich völ­lig auf die­je­ni­gen, mit denen man ver­bun­den ist, und fürch­tet alle ande­ren. Inten­si­ve Ver­wandt­schafts­be­zie­hun­gen füh­ren somit zu einer schär­fe­ren Unter­schei­dung zwi­schen Eigen­grup­pen und Fremd­grup­pen und zu einem all­ge­mei­nen Miss­trau­en gegen­über Frem­den.“ (S. 289)

Die Heiratsvorschriften der Kirche

Wie hat sich nun die­ser Nor­mal­zu­stand (bei allen kul­tu­rell beding­ten Fein­hei­ten und Varia­tio­nen) grund­le­gend ver­än­dert? Dies ist nicht etwa dadurch gesche­hen, dass sich die Mobi­li­tät erhöht hät­te oder die Fami­li­en­ban­de in die Kri­tik gera­ten wären, sondern:

Durch die Ehe- und Hei­rats­vor­schrif­ten der katho­li­schen Kirche.

Im Anhang lis­tet Hen­rich über 9 Sei­ten die Syn­oden­be­schlüs­se von 305/6 bis 1200 auf, die zuneh­mend Ehen in der Ver­wandt­schaft ver­bie­ten bis hin zur Ehe mit Cou­sins 6. Gra­des (Hei­rats­wil­li­ge dür­fen also kei­nen gemein­sa­men Urur­ur­urur-Groß­el­tern­teil haben). Auch Hei­ra­ten mit Paten­kin­dern, Stief­eltern, Wit­wen von Cou­sins oder Cou­si­nen wer­den ver­bo­ten sowie die soge­nann­te Levi­rats­ehe, die in der hebräi­schen Bibel noch gebo­ten war: die Ehe mit der Frau des ver­stor­be­nen Bru­ders. Auch mit der Schwes­ter einer ver­stor­be­nen Ehe­frau darf kei­ne Ehe ein­ge­gan­gen wer­den.[1] Poly­gy­ne Ehen wer­den miss­bil­ligt und nach einem lang­wie­ri­gen Pro­zess immer seltener.

Die Kir­che hat damit je län­ger je mehr die Bedeu­tung von Sip­pen, Clans, Ver­wandt­schaft ins­ge­samt mini­miert. War­um hat sie das getan? Die­se Fra­ge steht nicht im Fokus der Unter­su­chun­gen von Hen­rich, zumal die Kir­che sicher nicht die Inten­ti­on hat­te WEIRD-Men­schen zu bil­den. Hen­rich inter­es­siert aber pri­mär das Zustan­de­kom­men die­ses „Neben­ef­fek­tes“. Eini­ge mög­li­che Erklä­run­gen spricht Hen­rich gleich­wohl an.

Natür­lich konn­te sich die Kir­che auf die kras­sen Wor­te Jesu und ent­spre­chen­de Bibel­stel­len beru­fen wie z.B. „‘Wer ist mei­ne Mut­ter und wer sind mei­ne Brü­der?‘ Und er streck­te die Hand aus über sei­ne Jün­ger und sprach: ‚Sie­he da, das ist mei­ne Mut­ter und das sind mei­ne Brü­der! Denn wer den Wil­len tut mei­nes Vaters im Him­mel, der ist mir Bru­der und Schwes­ter und Mut­ter.‘“ (S. 756, Zitat von Mat­thä­us 12, 47–50)

Viel­leicht hat die Kir­che auch bewusst oder unbe­wusst erkannt, dass sie einer gro­ßer Kon­kur­renz zur emo­tio­na­len Bin­dung an die Kir­che und ihre Gemein­schaft begeg­nen muss, näm­lich der zur Verwandtschaft.

Durch ihr Ehe- und Fami­li­en­pro­gramm „schal­te­te die Kir­che einer­seits ihre Haupt­kon­kur­ren­ten um die Loya­li­tät der Men­schen aus und sicher­te sich ande­rer­seits auch noch eine bestän­di­ge Ein­nah­me­quel­le. Her­kömm­li­cher­wei­se stand die Loya­li­tät gegen­über der eige­nen Ver­wandt­schafts­grup­pe und Stam­mes­ge­mein­schaft an ers­ter Stel­le und erfor­der­te hohe Ein­satz­be­reit­schaft. Nach der Schwä­chung der Ver­wandt­schafts­be­zie­hun­gen und der Stäm­me wand­ten sich sicher­heits­be­dürf­ti­ge Chris­ten dann aber stär­ker der Kir­che und ande­ren frei­wil­li­gen Ver­ei­ni­gun­gen zu.“

Hen­rich führt als wei­te­ren Grund die gene­rel­le Sexu­al­feind­lich­keit der Kir­che an, die zu mehr Tabui­sie­run­gen als je zuvor geführt hat.

Die Kir­che brauch­te „nur“ die „ange­bo­re­ne Abnei­gung gegen den Inzest zu nut­zen“ (S. 113, kur­siv von mir, G.R.), um die­ses sexu­el­le Tabu über den klei­nen Kreis enger Ver­wand­ter hin­aus kul­tu­rell auszuweiten.

[1] Erst Papst Bene­dikt XV. lockert 1917 „die Beschrän­kun­gen und ver­bie­tet nur noch Ehen mit Cou­sins zwei­ten Gra­des“ und allen näher Ver­wand­ten (S. 702) und Papst Johan­nes II. „erlaubt die Hei­rat von Cou­sins und Cou­si­nen zwei­ten Grades“.

Was sich veränderte

Tat­säch­lich ver­än­dern sich mit den neu­en Rege­lun­gen die Sozi­al­be­zie­hun­gen und neue Insti­tu­tio­nen wer­den benö­tigt. Im Ein­zel­nen sind zu nennen:

  • Fami­li­en­grün­dung geschieht zuneh­mend weder matri- noch patri­lo­kal, son­dern neolokal.
  • Arran­gier­te Ehen sind nicht mehr die Regel: Braut und Bräu­ti­gam müs­sen öffent­lich in die Ehe einwilligen.
  • Grund und Boden gehört nicht mehr der Sip­pe, son­dern Ein­zel­per­so­nen und kann nun ver­kauft werden.
  • Strei­tig­kei­ten inner­halb der ver­wandt­schaft­lich orga­ni­sier­ten Grup­pen wer­den nicht mehr nach den inter­nen Bräu­chen geregelt.
  • Kran­ke, Ver­letz­te, Arme, Alte wer­den immer weni­ger vom Ver­wandt­schafts­netz ver­sorgt, son­dern durch kirch­li­che Institutionen.

Teil­wei­se wird damit das Indi­vi­du­um gestärkt (Erbrecht, Hei­rats­recht), teil­wei­se wird die Abhän­gig­keit von der Kir­che erhöht (Für­sor­ge) und ande­re Insti­tu­tio­nen wer­den benö­tigt (Recht­spre­chung).

All die­se Fak­to­ren unter­stüt­zen die Offen­heit für frei­wil­li­ge „Ver­ei­ni­gun­gen, dar­un­ter neue reli­giö­se Orga­ni­sa­tio­nen sowie neu­ar­ti­ge Insti­tu­tio­nen wie freie Städ­te, Zünf­te und Gil­den oder Uni­ver­si­tä­ten“ (S. 271). Es ist plau­si­bel, dass Men­schen, die nicht mehr so stark in Fami­li­en­netz­wer­ke ein­ge­bun­den waren, offe­ner für alle die­se Insti­tu­tio­nen waren und damit „die städ­ti­schen, wirt­schaft­li­chen und recht­li­chen Revo­lu­tio­nen des Hoch­mit­tel­al­ters“ einleiteten.

Konsequenzen für die Moralauffassung

Die unter­schied­li­chen kul­tu­rel­len Prä­gun­gen (tra­di­tio­nell bzw. weird) haben auch eine mora­li­sche Seite.

Wahr­schein­lich gibt es in tra­di­tio­nel­len Gesell­schaf­ten mehr Hil­fe­leis­tun­gen, aber Weird-Men­schen hel­fen häu­fi­ger auch Men­schen, die sie (bis­her) nicht kannten.

Eine Lüge, die Ver­wand­ten hilft, wird in tra­di­tio­nel­len Gesell­schaf­ten gera­de­zu für gebo­ten gehal­ten, aber auch Weird-Gesell­schaf­ten zwin­gen meist Ver­wand­te nicht, gegen nahe Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge aus­zu­sa­gen und ken­nen ein dies­be­züg­li­ches Zeugnisverweigerungsrecht.

Den­noch ist der Anspruch an Unpar­tei­lich­keit und Uni­ver­sa­li­tät deut­lich stär­ker aus­ge­prägt. In Weird-Gesell­schaf­ten respek­tie­ren Diplo­ma­ten eher Park­ver­bo­te, auch wenn Sie im Über­tre­tungs­fall nicht zur Rechen­schaft gezo­gen wer­den (S. 68ff).

Einige Einsichten

Was begrei­fen wir, wenn wir mit Hen­richs For­schungs­er­geb­nis­sen die Welt betrach­ten? (Mit „wir“ mei­ne ich „Weird-Men­schen“ und ich ver­mu­te, Sie gehö­ren dazu.)

  • Es ver­wun­dert nicht län­ger, mit wel­cher Opfer­be­reit­schaft vie­le geflüch­te­te Men­schen von auch kärg­li­chen Ein­künf­ten die Ver­wand­ten zu Hau­se unter­stüt­zen, und wie sehr sie sich schä­men, wenn ihnen das nicht gelingt.
  • Es ver­wun­dert nicht län­ger, dass demo­kra­ti­sche Struk­tu­ren in Gesell­schaf­ten mit star­ken Clan­struk­tu­ren, wie z.B. Afgha­ni­stan oder Liby­en sich nur schwer gegen die „natur­ge­ge­be­ne“ Loya­li­tät zur eige­nen Sip­pe durch­set­zen können.
  • Es ver­wun­dert nicht län­ger, dass der Impuls zur Soli­da­ri­tät mit Ver­wand­ten in vie­len Gesell­schaf­ten sich so beharr­lich über abs­trak­te Nor­men (wie z.B. Unpar­tei­lich­keit bei der Job­ver­ga­be) hal­ten kann.
  • Wir durch­schau­en, dass wir selbst teil­ha­ben an der „tri­ba­len Psy­cho­lo­gie“ („Stam­mes­psy­cho­lo­gie“) aller Men­schen, nur ist uns der „Stamm“ abhan­den gekom­men – und so nei­gen wir zu varia­blen For­men von „Wir-Die-Den­ken“ in der Poli­tik, im Sport und in allen Berei­chen, in denen sich Grup­pen bilden.
  • Wir begrei­fen, wie irre­füh­rend unse­re Nei­gung sein kann, Ver­hal­tens­wei­sen dem „zugrun­de­lie­gen­den“ „Cha­rak­ter“ zuzu­schrei­ben (S. 55ff), wäh­rend mensch­li­ches Ver­hal­ten sich in Wahr­heit vie­len Rol­len anpas­sen kann, eine Selbst­ver­ständ­lich­keit für die Men­schen vie­le Kul­tu­ren, in denen je nach Ver­wandt­schafts- und Bezie­hungs­grad sich ganz ver­schie­de­ne Ver­hal­tens­wei­sen emp­fah­len bzw. gefor­dert wur­den. (Zu erin­nern wäre hier an die dif­fe­ren­zier­ten Anre­de­for­men in vie­len Kulturen.)
  • In die­sem Zusam­men­hang führ­te unse­re Nei­gung, „wesen­haf­te Unter­schie­de dort zu sehen, wo es kei­ne gibt“ (S. 679) dazu, dass wir sogar gene­ti­sche Unter­schie­de für die Ver­schie­den­heit der Kul­tu­ren (und der Weird- oder Nicht­weird-Merk­ma­le) für plau­si­bel hiel­ten, mit der dro­hen­den Kon­se­quenz einer gefähr­li­chen Überlegenheitsideologie.

Je abhän­gi­ger eine Bevöl­ke­rung von ver­wandt­schafts­ba­sier­ten und damit ver­bun­de­nen Insti­tu­tio­nen war oder ist, des­to schmerz­haf­ter und schwie­ri­ger ist der Pro­zess der Inte­gra­ti­on in die unper­sön­li­chen Insti­tu­tio­nen von Poli­tik, Wirt­schaft und Gesell­schaft, die sich in Euro­pa im Ver­lauf des zwei­ten nach­christ­li­chen Jahr­tau­sends her­aus­ge­bil­det haben. (S. 686)

Mögliche Einwände

nimmt Hen­rich selbst vorweg.

Gibt es nicht inner­halb des Ein­fluss­be­reichs der katho­li­schen Kir­che gro­ße Unter­schie­de im Blick auf die „Selt­sam­keit“ der Bevöl­ke­rungs­grup­pen – man den­ke an Süditalien?

Hen­rich kann gel­tend machen, dass Süd­ita­li­en „erst nach den nor­man­ni­schen Erobe­run­gen des 11. und 12. Jahr­hun­derts … voll­stän­dig unter päpst­li­chen Ein­fluss“ geriet. „Davor stand Sizi­li­en etwa 250 Jah­re unter mus­li­mi­scher Herr­schaft und ein Groß­teil des süd­li­chen Fest­lan­des unter der Kon­trol­le des Ost­rei­ches und der ortho­do­xen Kir­che.“ (S. 333) Noch im 20. Jahr­hun­dert waren in Sizi­li­en über 4% aller Ehen Vet­ter­n­ehen (in Nord­ita­li­en weni­ger als 0,4%).

Haben sich nicht euro­päi­sche Herr­scher wenig um die Hei­rats­vor­schrif­ten der Kir­che geschert?

Dies trifft nicht zu. Ihnen muss­te viel an der Erlaub­nis der Kir­che zu Schei­dun­gen etc. lie­gen. Tat­säch­lich hat die Kir­che Dis­pen­se gegen ent­spre­chen­de Gebüh­ren erteilt. Eine Exkom­mu­ni­ka­ti­on konn­te sich aber kaum ein Herr­scher leis­ten, „denn Schul­den gegen­über einem exkom­mu­ni­zier­ten Gläu­bi­gen muss­ten nicht begli­chen wer­den. Das Kon­zil von Tri­bur im Jahr 895 ver­füg­te sogar, dass Exkom­mu­ni­zier­te straf­frei getö­tet wer­den durf­ten“ (S. 248). So haben die euro­päi­schen Köni­ge zwar ihr Bes­tes getan, um die Mono­ga­mie „zu umge­hen; den­noch waren sie dabei zuneh­mend auf eine Wei­se ein­ge­schränkt, die sich kein respek­ta­bler chi­ne­si­scher Kai­ser, afri­ka­ni­scher König oder poly­ne­si­scher Häupt­ling je hät­te vor­stel­len kön­nen.“ (S. 393)

Die deut­sche Aus­ga­be von 2022: Joseph Hen­rich, Die selt­sams­ten Men­schen der Welt

Die ame­ri­ka­ni­sche Aus­ga­be von 2020: Joseph Hen­rich, The WEIR­Dest Peop­le in the World