Wand­lun­gen: Ostern 1990

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Es war ein­mal vor lan­ger Zeit eine alte Stadt, in der die­se Geschich­te spielt.

Sie lag an einer gro­ßen Heer­stra­ße, hat­te hohe Mau­ern und zwei gro­ße ragen­de Wach­tür­me. Immer wie­der muss­ten die Bewoh­ner sie ver­tei­di­gen gegen Fein­de, die auf die­ser Stra­ße ins Land zogen.

Und so war es auch jetzt gewe­sen. Tote hat­te man begra­ben müs­sen, vie­le der Über­le­ben­den waren siech und geschla­gen … So hat­te die Stadt auch nur noch einen Turm­wäch­ter, einen alten, son­der­li­chen, der schon viel gese­hen hat­te und der Kämp­fe, Men­schen, des Wachens müde gewor­den war. Er leb­te auf sei­nem Turm, bewach­te die Stadt zu sei­nen Füßen, setz­te sei­ne Signa­le. Und die Men­schen wuss­ten: auf ihn ist Ver­lass. Es war beru­hi­gend, wenn am Mor­gen die Fah­ne mit dem Wap­pen der Stadt oben flat­ter­te: es bedeu­te­te Frie­den, kei­ne aus­bre­chen­den Feu­er, kei­ne schlim­men Wet­ter und kei­ne her­an­zie­hen­den Feinde.

Er da oben in sei­ner Turm­stu­be hat­te einen viel wei­te­ren Hori­zont als die Stadt­be­woh­ner hin­ter ihren engen Mau­ern. Er wür­de zuver­läs­sig war­nen und bei Gefahr die Sturm­glo­cke läu­ten. Nur eines woll­te er nicht mehr: mit den Men­schen stän­dig zusam­men sein. Sei­ne Zeit des Lachens, Scher­zens, Tan­zens war vor­bei. So konn­te er nun ganz allei­ne sein lan­ges rand­vol­les Leben hier oben ordnen.

Zur glei­chen Zeit nun gab es einen jun­gen Gefan­ge­nen in der Stadt; der war von sei­nem Heer zurück­ge­las­sen wor­den: sie lie­ßen ihn, schein­bar tot, ein­fach lie­gen auf der eige­nen Flucht. Eine mit­lei­di­ge Bür­ge­rin nahm ihn in ihre Obhut, um ihn gesund zu pfle­gen. Nur so auch konn­te sie ihren eige­nen, hef­ti­gen Schmerz besänf­ti­gen. Ihr eige­ner Sohn war bei die­sem Kampf getö­tet worden!

Die ver­blie­be­nen Män­ner murr­ten und berie­ten sich auf­ge­bracht, wag­ten es aber nicht, ihr den Ver­letz­ten gewalt­sam zu neh­men und zu töten wie sie es eigent­lich für nötig hielten!

Die alte Bür­ge­rin war ange­se­hen, wei­se und ihnen auch wegen ihrer Heil­küns­te unent­behr­lich. So wag­ten sie es nicht, sie ein­fach zu zwin­gen, wei­te­res Töten zuzu­las­sen. Sie sag­te, es sei nun end­lich genug Blut geflos­sen; man möge es dem Him­mel über­las­sen, ob er den Wel­schen neh­men oder auf der Erde las­sen wolle.

So geschah es also.

Nach eini­gen Tagen in einem Reich zwi­schen Höl­le und Him­mel ver­nahm der Gefan­ge­ne eine Frau­en­stim­me – sie war warm und lei­se – aber sie sprach die Wor­te sei­nes Fein­des! Hei­ße Kampf­be­reit­schaft tief in sei­ner jun­gen See­le ließ ihn die Augen mit zor­ni­ger Mühe öff­nen. Sie blick­ten in zwei müde graue, die vol­ler Trä­nen stan­den. Von Schmerz, Geduld und alles besie­gen­der Lie­be erzähl­ten sie. Er sah, noch stumm, in das Gesicht einer Fein­din, die ihm Mut­ter war. In die­sem Moment ging eine Wand­lung in ihm vor, die er jetzt noch nicht begriff Aber er soll­te dazu noch lan­ge Zeit haben …

Aus Jac­ques dem Feind wur­de Jakob, der Mit­bür­ger. Nur all­mäh­lich konn­te er gesund wer­den. Gro­ße Opfer hat­te er brin­gen müs­sen. Eine Nar­be trug er im schö­nen Gesicht. Und einer sei­ner Füße war so zer­schla­gen und ver­narbt, dass er damit nie zurück­wan­dern könn­te in sei­ne Heimat.

Nach vie­len Schmer­zen und Trä­nen, die er nur sei­ne alte Pfle­ge­mut­ter sehen ließ, beschloss er, nun ganz in die­ser Stadt zu bleiben.

Doch was soll­te er fort­an tun, um am Leben zu blei­ben? Er hat­te ja bis­her nur gelernt, Sol­dat zu sein. Fried­li­ches Tag­werk ver­rich­tet hat­te er bis­her nie.

Dem Rat der Stadt erschien er klug und ver­trau­ens­wür­dig – doch er erin­ner­te sie an ihre har­ten Kämp­fe mit dem Feind! Sie woll­ten den nicht all­täg­lich in ihrer Stadt sehen müs­sen! Sie ver­füg­ten also, dass er nun auf dem ver­wais­ten Turm wachen sol­le für sie, sei­ne Fein­de von ehemals.

So geschah es.

Sei­ne Auf­ga­ben wur­den ihm dort oben in der Ein­sam­keit oft schwer. Nur das war­me Geschenk sei­ner alten Pfle­ge­rin, der Bür­ge­rin die­ser Stadt bewahr­te ihn vor dem Ver­zwei­feln. Denn der noch so jun­ge Mensch war allei­ne mit sei­nen Träu­men. Er ver­miss­te sein son­ni­ges Land, die leb­haf­ten Men­schen dort. Wenn er die Augen schloss, sah und hör­te er die Üppig­keit und das Lachen deut­lich in sich.

Doch beim nächs­ten Schlag der Turm­uhr ver­sank sei­ne Heim­weh-Welt. Drau­ßen gurr­ten die Tau­ben am Fens­ter, der Him­mel hing vol­ler Regen­wol­ken – und er muss­te bald die Ves­per­glo­cke läu­ten. Wenn er das tat, lächel­te er oft unter Trä­nen: jetzt gab er sei­nen ehe­ma­li­gen Fein­den des Zei­chen zum Gebet. Es ergriff ihn Stolz, Hoff­nung und Weh­mut zugleich: Er wuss­te, dass der alte Tür­mer im zwei­ten Turm, den er noch nie gese­hen hat­te, ihm das Leu­ten ganz über­las­sen hat­te. Er, der Alte, hat­te zu vie­le Kno­ten und Schmer­zen in den Hän­den und den Her­zen: Zu vie­le Male zu unend­lich vie­len Anläs­sen hat­te er die Glo­cken­sei­le zie­hen müssen …

Am Abend gaben sich die bei­den Tür­mer Leucht­si­gna­le mit ihren Pech­fa­ckeln. Mit der Zeit wur­de das Schwen­ken der Fackeln län­ger und kunst­vol­ler: es wur­de hoch oben eine leuch­ten­de abend­li­che Spra­che ohne Worte.

Die Bür­ger unten wun­der­ten sich, freu­ten sich dar­über als ein für sie insze­nier­tes Schau­spiel. Aber sie begrif­fen es nicht. So ver­ging ja um Jahr.

Aus dem jun­gen, fröh­li­chen Jac­ques war ein rei­fer schweig­sa­mer Mann gewor­den. Sogar sei­ne dunk­len Augen hat­ten vom Spä­hen in den wei­ten Hori­zont etwas vom Licht des Him­mels und den stän­dig beweg­ten Wolken.

Sie hat­ten nicht mehr die­ses Fun­keln, mit dem sie frü­her den vie­len lächeln­den Mäd­chen­bli­cken geant­wor­tet hatten.

Eines Mor­gens – nach wie vie­len Jah­ren war es? – ver­miss­te Jac­ques am Turm des alten drü­ben die Fah­ne mit dem Wap­pen: den Mor­gen­gruß an die Bür­ger. Nach­dem er sei­ne Früh­glo­cke geläu­tet hat­te, stieg er vom Turm her­ab, was sel­ten genug geschah. Mit dem Rat der Stadt zusam­men bestieg er nun den Nach­bar­turm. Sie fan­den dro­ben den alten, wie er stein­alt, bär­tig und das graue Gesicht von tie­fen Fal­ten gefurcht, bereit zum Ster­ben auf sei­nem schma­len Bett lag.

Als Jac­ques sich über ihn beug­te, öff­ne­te der alte Tür­mer die Augen. Zum ers­ten Mal nach vie­len Jah­ren lächel­te er in das Gesicht eines ande­ren Menschen!

Sei­ne Augen erzähl­ten Geschich­ten von Zeit, dem Kna­cken des Glo­cken­stuh­les, von unzäh­li­gen Tau­ben in der Turm­stu­be, von Tau­trop­fen in den Net­zen der Spin­nen, von vie­len Son­nen­un­ter­gän­gen, vom ers­ten Schnee, von Miss­ern­ten und den Sor­gen der Men­schen tief unten, die zu ihm, dem Schweig­sa­men, her­auf­ge­schwebt waren in sein Gespür. Und Jac­ques ver­nahm es vol­ler Erstau­nen. Die Augen des Alten spra­chen von Dank­bar­keit an ihn, den jün­ge­ren Türmer.

Nach einer lan­gen Zeit des stum­men Abschied-Mit­tei­lens war der Abschied da.

Laut sag­te der Alte, noch immer Jac­ques mit den Augen umfan­gend, „die­ser da ist mein Freund gewe­sen, mein bester!“.

Als sich die Augen der Stadt­rä­te wie­der klar auf ihren alten Tür­mer rich­ten konn­ten (alle hat­ten sich mit ver­stoh­le­nen Trä­nen gefüllt), sahen sie, dass der Schei­den­de sei­nen Kör­per ver­las­sen hatte.

Stumm reich­ten alle nach­ein­an­der Jac­ques die Hände …

Aus dem Mär­chen über zwei „Ein­zel­gän­ger“ ist ein flam­men­der Appell gewor­den! Kei­nes, das ande­re ausschließt.

Die schmerz­stum­me „Mut­ter Elsass“ kam dazwi­schen, die mit­ten in Straß­burg sitzt, auf bei­den Knien je einen getö­te­ten Sohn – jeder muss­te unsin­nig als „Held“ sterben.

Mei­ne eige­nen Wur­zeln rei­chen über die Mut­ter­li­nie dort hin. Nun schen­ke ich sie allen, die den Segen der Wand­lun­gen erfah­ren, ihm ver­trau­en und an ihm wach­sen: wei­ter­ge­bend! PAX!