… in der Philosophiegeschichte

Bereits in der Anti­ke fin­den wir Rück­sicht und Ach­tung vor dem Leben von Tie­ren, und zwar vor allem aus drei Moti­ven heraus:

  1. wegen des Gedan­kens der See­len­wan­de­rung (Pytha­go­re­er und Empe­do­kles, mög­li­cher­wei­se waren sie aus Indi­en beein­flusst: das Per­ser­reich erstreck­te sich damals von Ioni­en bis zum Industal)
  2. aus empi­ri­schen Grün­den (Aris­to­te­les: Ähn­lich­keit zwi­schen Men­schen und Tie­ren z.B. im Schmerz­emp­fin­den, der Schü­ler von Aris­to­te­les, Theo­phrast, spricht sich gegen Tier­op­fer aus)
  3. aus phi­lo­so­phisch-spe­ku­la­ti­ven Grün­den (in sei­nem Werk gegen die Fleisch­nah­rung De absti­nen­tia beruft sich der Neu­pla­to­ni­ker Por­phy­ri­os im 3. Jh. auf die Tier-Vernunft)
Tierschutz als Konsequenz moralischer Intuitionen?

Wenn wir mit Jona­than Haidt davon aus­ge­hen, dass Men­schen über sechs mora­li­sche Sen­s­o­ri­en, Dis­po­si­tio­nen, Intui­tio­nen ver­fü­gen, dann kann man die auf­schluss­rei­che Über­le­gung anstel­len, ob die­se nicht auch zum Tier­schutz moti­vie­ren können.

  1. Mit­ge­fühl nicht nur für lei­den­de Men­schen, son­dern auch für lei­den­den Tiere
  2. Gerech­tig­keits­emp­fin­den auch gegen­über Tieren
  3. Gemein­schafts- und Loya­li­täts­emp­fin­den ihnen gegen­über
  4. Respekt für das Frei­heits­be­dürf­nis auch von Tieren
  5. Ein Sinn für Hei­lig­keit, sei es für bestimm­te Tie­re, sei es das Leben der Tiere
  6. Und schließ­lich kann die Wert­schät­zung der Fähig­kei­ten der Tie­re eine Moti­va­ti­on für ihren Schutz sein, wie auch das mensch­li­che Wis­sen über das Leben der Tie­re als Argu­ment für die Wür­di­gung des tier­li­chen Lebens die­nen können.

Tat­säch­lich kön­nen wir beob­ach­ten, dass Argu­men­te für den Tier­schutz und das Tier­wohl sich auf alle die­se mensch­li­chen Nei­gun­gen stüt­zen kön­nen und es auch fak­tisch längst tun:

Im Bereich der ers­ten Intui­ti­on wird an das Mit­ge­fühl appel­liert, das natür­lich durch das Kind­chen-Sche­ma eines Tierba­bys ganz beson­ders ange­spro­chen wird, aber auch durch jedes offen­kun­di­ge Tier­leid (das Schrei­en der Mut­ter­kuh, wenn sie von ihrem Kalb getrennt wird etc.). Schwie­ri­ger ist es ein sol­ches Mit­ge­fühl zu emp­fin­den, wenn Tie­re aus adap­ti­ven Ursa­chen gera­de kein Lei­den zei­gen (weil sie einen Beu­te­grei­fer nicht auf sich auf­merk­sam machen wollen).
Die­se mora­li­sche Intui­ti­on wird natür­lich auch ange­spro­chen, wenn auf die Abhän­gig­keit der Nutz­tie­re und das Gebot der Für­sor­ge hin­ge­wie­sen wird oder auch auf eine Unter­le­gen­heit der Wild­tie­re ange­sichts der Jagd­waf­fen der Menschen.
Natür­lich kommt hier der Fra­ge des Schmerz­emp­fin­dens von Tie­ren argu­men­ta­tiv und emo­tio­nal eine zen­tra­le Rol­le zu.
Ein Pro­blem liegt in der Wir­kungs­wei­se die­ser mora­li­schen Intui­ti­on. Sie setzt eine Nähe, eine Kennt­nis vor­aus, damit sie sich ent­fal­ten kann. Außer­dem kämpft sie mit dem glei­chen Pro­blem wie es auch in Situa­tio­nen hil­fe­be­dürf­ti­ger Men­schen auf­tritt, dass näm­lich der soge­nann­te Bystan­der-Effekt bzw. eine Dif­fu­si­on der Ver­ant­wor­tung ein­tritt: Wenn alle ande­ren nicht ein­schrei­ten, scheint es irgend­wie in Ord­nung zu sein. Zudem wür­de man eine beson­de­re Selbst­ex­po­si­ti­on (wie es Vege­ta­ri­er taten und heu­te viel­leicht Vega­ner tun) ris­kie­ren, wenn man ein­schrei­tet bzw. sich verweigert.

An die zwei­te Intui­ti­on wird appel­liert, wenn ein fai­res Geben und Neh­men ins­be­son­de­re im Zusam­men­le­ben mit Heim- und Nutz­tie­ren gefor­dert wird. So spricht etwa die Argu­men­ta­ti­ons­fi­gur „wir geben den Tie­ren ein gutes Leben, sie geben uns Nah­rung“ die­se Intui­ti­on an. Aber auch die Ver­pflich­tung, treu­en oder flei­ßi­gen Tie­ren, dank­bar zu sein, besitzt auf­grund die­ser mora­li­schen Intui­ti­on von vorn­her­ein Plausibilität.

Die drit­te Intui­ti­on setzt ein Wir vor­aus, das uns zur Soli­da­ri­tät moti­viert. Und tat­säch­lich kön­nen Tie­re in die­ses „Wir­ge­fühl“ mit ein­be­zo­gen sein, als treue Gefähr­ten, als Teil der Fami­lie oder auch – etwas abs­trak­ter – als Mit­ge­schöp­fe oder auch als Mit-Lei­dens-Fähi­ge. So ver­weist Chris­ti­an Adam Dann in sei­ner Schrift von 1822 auf Röm. 8, 20, wo vom Lei­den der Krea­tur die Rede ist mit den Worten:

„Ueb­ri­gens ver­meh­ren doch immer auch die­se den Thie­ren ver­ur­sach­ten Pla­gen die gro­ße Sum­me der Lei­den, denen die­se uns­re armen Mit­ge­schöp­fe wider ihren Wil­len (Röm. 8,20) und gegen ihre ursprüng­li­che Bestim­mung unter­wor­fen sind.“[1].

Damit ver­bin­det Dann die bei­den Aspek­te des Mit­ge­fühls und der Gemein­sam­keit der Leidensfähigkeit.

Peter Sin­ger hat mit der Kon­zep­ti­on des „Expan­ding Cir­cle“ Tie­re in der Sphä­re des „Wir“ zu ver­an­kern ver­sucht.[2]

Ani­mal libe­ra­ti­on, ein Buch­ti­tel von Peter Sin­ger aus dem Jah­re 1975[3] spricht die vier­te mora­li­sche Intui­ti­on an. Wir ertra­gen nur schwer, wenn Tie­re durch ihre Gefan­gen­schaft in ihren art­ge­mä­ßen Lebens­for­men ein­ge­schränkt wer­den. Wir wün­schen Tie­ren ihre natür­lich Frei­heit.

Dass Tie­re als hei­lig emp­fun­den wur­den, fünf­te Intui­ti­on, reicht weit in unse­re Stam­mes­ge­schich­te zurück. Die Tat­sa­che, dass Albert Schweit­zers For­mu­lie­rung von der Ehr­furcht vor dem Leben eine so enor­me Wir­kungs­ge­schich­te hat, dürf­te damit zu tun haben, dass sie an Intui­tio­nen anknüp­fen kann. Wir spre­chen in unse­rem Kul­tur­kreis meist von der „Ästhe­tik“ einer wil­den unbe­rühr­ten Natur, von Wun­dern der Natur, ver­mei­den dage­gen den Begriff der Heiligkeit.

Kann man schließ­lich von einem Exper­ten­tum von Tie­ren spre­chen, von dem wir ler­nen kön­nen? Tat­säch­lich erforscht die Wis­sen­schaft die Tier- und Pflan­zen­welt und Öko­sys­te­me und die­se Beob­ach­tun­gen und Erkennt­nis­se fas­zi­nie­ren die meis­ten Men­schen. Dar­über hin­aus über­trägt die Bio­nik Pro­blem­lö­sun­gen der Natur auf das Gebiet der Technologie.

Die Wirk­sam­keit der mora­lisch-sozia­len Intui­tio­nen auch für unser Ver­hal­ten Tie­ren gegen­über stützt die Plau­si­bi­li­tät ihrer Exis­tenz und Wirk­sam­keit: Immer sind Men­schen ansprech­bar auf den genann­ten sechs Kanälen.

[1]  Dann et al.: Wider die Tier­quä­le­rei: Frü­he Auf­ru­fe zum Tier­schutz aus dem würt­tem­ber­gi­schen Pie­tis­mus, Leip­zig 2002, S.21. Röm. 8,22 spricht davon, dass die gan­ze Krea­tur „mit uns seufzt und sich ängstet“.
[2] Peter Sin­ger: The expan­ding cir­cle. Ethics, evo­lu­ti­on and moral pro­gress, 2011.
[3] Peter Sin­ger: Ani­mal Libe­ra­ti­on. A new ethics for our tre­at­ment of ani­mals, New York 1975.

Jun­ger Schim­pan­se in der Wil­hel­ma Stuttgart

Die moralischen Intuitionen im Zusammenspiel

Ein Gedicht von Peter Roseg­ger spricht meh­re­re mora­li­sche Gefüh­le an: Es beginnt gleich mit dem Aspekt der hei­li­gen Pflicht, es folgt der Gedan­ke der Gegen­sei­tig­keit (sie wei­hen dir ihr Dasein – du musst ein güti­ger Schutz­herr sein), sodann „argu­men­tiert“ Roseg­ger mit der Gemein­sam­keit (wie du) und lässt die ers­te Stro­phe gip­feln im (Freiheits-)Recht zu leben, wobei die Wie­der­ho­lun­gen „wie du“ immer wie­der auf die Gemein­sam­keit Bezug neh­men. Die fol­gen­den Ver­se appel­lie­ren erneut an das Mit­ge­fühl und kul­mi­nie­ren in den Schluss­zei­len: o, sieh sein fle­hen­des Auge an, es blickt eine ver­wun­sche­ne See­le dich an! Sieht man eine „ver­wun­sche­ne See­le“, ist es tabu, böse und gefähr­lich, ihr ein Leid zu tun.

Es ist als Mensch dei­ne hei­li­ge Pflicht,
den Tie­ren, die dir ihr Dasein weihn,
ein güti­ger, mil­der Schutz­herr zu sein.
Das Tier hat ein füh­len­des Herz wie du,
das Tier hat Freu­de und Schmerz wie du,
das Tier hat ein Recht zu leben wie du.

Nicht viel sind dir, Mensch, der Tage gegeben,
doch kür­zer noch ist des Tie­res Leben.
Und muß es dein armer Skla­ve schon sein,
in dunk­ler Nacht wie im Sonnenschein,
und opfert es dir sei­ne Kraft und Ruh,
und wen­det dir all sei­ne Nei­gung zu,
oder flieht es dich angst­voll, weil es ihm scheint,
du sei­est sein aller­größ­ter Feind,
o, sei sein Schutzherr!

Es kann nicht kla­gen den Schmerz,
kann dir sei­nen Dank nicht sagen,
o, sieh sein fle­hen­des Auge an,
es blickt eine ver­wun­sche­ne See­le dich an!