Ist der Mensch von Natur aus eher gut oder eher böse? „Im Grunde gut“ sagt der Historiker Rutger Bregman in seinem aktuellen – und lesenswerten – Buch, das in der deutschen Übersetzung diesen Titel trägt. Er weiß, dass er damit unseren Intuitionen krass widerspricht.

Natür­lich lässt sich die Fra­ge, ob der Mensch eher gut oder böse ist, so nicht sinn­voll beant­wor­ten. Es geht aber genau­er. Die­se Inter­net­sei­te beleuch­tet Aspek­te einer evo­lu­tio­nä­ren Moral­psy­cho­lo­gie.

Was macht uns Men­schen zu mora­li­schen Wesen?

Wenn ich die­se Fra­ge frü­her als Reli­gi­ons­leh­rer, spä­ter als Lehr­be­auf­trag­ter für Ethik, Schü­ler bzw. Stu­die­ren­de gefragt habe, kam als Ant­wort kam fast immer:

  • durch die Erzie­hung, Sozialisation
  • „weil Zusam­men­le­ben sonst nicht mög­lich ist“
  • durch Reli­gi­on und ihre Gebote.

Aber ver­fügt der Mensch nicht natür­li­cher­wei­se über mora­li­sche Kompetenzen?

Der Sozi­al­psy­cho­lo­ge Jona­than Haidt meint ja und macht sechs mora­li­sche Intui­tio­nen aus, die Men­schen aus allen Kul­tu­ren ken­nen und die dar­um eine natür­li­che – evo­lu­tio­nä­re – Grund­la­ge haben werden:

  1. Wir kön­nen Mit­ge­fühl empfinden
  2. Wir haben einen grund­le­gen­den Sinn für Gerech­tig­keit bzw. Fairness
  3. Wir sind koope­ra­ti­ons­fä­hig und ‑freu­dig in „unse­rer“ Gruppe
  4. Wir lie­ben Freiheit
  5. Wir haben einen Sinn für Hei­lig­keit und Reinheit
  6. Wir ach­ten kul­tu­rel­les Wis­sen und per­sön­li­che Auto­ri­tät bzw. Kompetenz.

Wir ver­ste­hen viel davon, wie wir Men­schen ticken, wenn wir die­se sechs mora­li­schen Kom­pe­ten­zen ver­ste­hen. Wir begrei­fen dann aber auch, wo die Schwach­punk­te des Men­schen lie­gen, die wir nur durch Ver­nunft und Ethik über­win­den können.

Die Behaup­tung ist ziem­lich stark: Men­schen aller Kul­tu­ren haben sozu­sa­gen Rezep­to­ren für die­se sechs Bedürf­nis­se, Gefüh­le, Intui­tio­nen. Wir ver­fü­gen sozu­sa­gen über sechs Emp­fangs­ka­nä­le (ana­log zu den Geschmacks­emp­fin­dun­gen) für mora­lisch Relevantes.

Lite­ra­tur: Jona­than Haidt, The righ­tous mind. Why good peop­le are divi­ded by poli­tics and reli­gi­on, Lon­don: Allen Lane, 2012.


I. Erste Ebene: Moralische Intuitionen

Moral kommt dem­nach kei­nes­wegs nur und erst durch Kul­tur in die Welt. Aller­dings wer­den jene sechs Dis­po­si­tio­nen in jeder Kul­tur – zwei­te Ebe­ne – unter­schied­lich ver­stärkt oder gedämpft, spe­zi­fi­ziert oder ver­all­ge­mei­nert und vor allem auch durch Kom­bi­na­ti­on wech­sel­sei­tig ver­stärkt. Also ent­steht in jeder Kul­tur eine beson­de­re Matrix, die den Ein­druck erzeu­gen kann, Moral wäre kul­tu­rell bedingt. Das ist sie aber nur inso­weit als die Kul­tur mit einem vor­han­de­nen „Mate­ri­al“ krea­tiv arbeitet.

Auf einer drit­ten Ebe­ne schließ­lich kön­nen die bei­den ande­ren Ebe­nen, die über­wie­gend unbe­wusst und durch Gewohn­heit wirk­sam sind, kri­tisch beleuch­tet wer­den – sei es durch den Ein­zel­nen in Dilem­ma­si­tua­tio­nen oder durch phi­lo­so­phi­sche Refle­xi­on oder reli­giö­se Leh­re. Hier fin­det also wie­der­um eine Begrün­dung, Aus­ge­stal­tung, Gewich­tung statt, dies­mal durch sprach­li­che Aus­for­mu­lie­rung und/oder Argu­men­ta­ti­on. Es kön­nen auch ethi­sche Refle­xio­nen nötig wer­den, um auf neue Fra­ge­stel­lun­gen reagie­ren zu kön­nen; z.B. mögen Men­schen eine gewis­se Hem­mung haben, Tie­re zu töten, ver­fü­gen aber eher nicht über einen intui­ti­ven Sinn für Arten­schutz. Erst recht gibt es kei­ne Intui­tio­nen bezüg­lich des Kli­ma­schut­zes, und es ist eine offe­ne Fra­ge, ob wir unse­re ethi­schen Ein­sich­ten emo­tio­nal fun­die­ren kön­nen. Wir bedür­fen der phi­lo­so­phisch-ethi­schen Refle­xi­on.

Grafik: Intuition-Kultur-Reflexion

Gra­fik: Intuition-Kultur-Reflexion

Im Fol­gen­den geht es um nicht mehr und nicht weni­ger als eini­ger­ma­ßen plau­si­bel zu machen, dass es sich bei allen sechs oben genann­ten Aspek­ten um natür­li­che mora­li­sche Dis­po­si­tio­nen handelt.

1.     Mitgefühl/Fürsorge versus Schaden

Unstrit­tig dürf­te das Phä­no­men sein, dass Men­schen in der Lage sind mit­zu­füh­len. Die­se Fähig­keit lässt sich in ihrem Kern evo­lu­tio­när leicht erklä­ren. Dass wir  – wie ande­re Säu­ge­tie­re auch – Für­sor­ge emp­fin­den soll­ten für den Nach­wuchs, ist plau­si­bel. Da der mensch­li­che Nach­wuchs extrem lan­ge auf Für­sor­ge ange­wie­sen ist, ist dies beson­ders wich­tig. Der Für­sor­ge­im­puls ist tief in uns ver­an­kert, u. a. durch das von Kon­rad Lorenz so genann­te „Kind­chen­sche­ma[1] (Paus­ba­cken, gro­ßer Hin­ter­kopf etc.), das uns als „süß“ anrührt. Dies betrifft auch die Väter und auch wei­te­re Ver­wand­te und Bezugs­per­so­nen.[2]

Wir füh­len aber auch mit, wenn Men­schen, denen wir nahe­ste­hen, stür­zen oder sich ver­let­zen und ver­su­chen spon­tan, ihnen zu hel­fen. Bei frem­den Men­schen ist die­ser Impuls viel­leicht schwä­cher, aber vor allem, wenn wir einen Unfall­her­gang sehen, erle­ben, wie Men­schen (unver­schul­det) in eine Not­la­ge kom­men, dann reagie­ren wir mit­füh­lend, viel­leicht auch erschro­cken und ver­su­chen zu hel­fen.[3] Die The­ma­tik von Empa­thie, Mit­ge­fühl und Hil­fe­leis­tung ist sehr kom­plex und wird hier näher beleuch­tet.

Dass wir für unse­re Kin­der Für­sor­ge emp­fin­den, ist natür­lich evo­lu­tio­när plau­si­bel. Aber war­um soll­ten wir bei ande­ren Men­schen mit­füh­len? Hier kommt die 2. mora­li­sche Intui­ti­on ins Spiel. Wir sind als Men­schen näm­lich vir­tuo­se rezi­pro­ke Altru­is­ten. Von daher ist es evo­lu­tio­när vor­teil­haft, dass wir Mit­ge­fühl und Hilfs­be­reit­schaft auch für Erwach­se­ne emp­fin­den, ins­be­son­de­re für alle, die wir kennen.

[1] Kon­rad Lorenz: Die ange­bo­re­nen For­men mög­li­cher Erfah­rung. In: Zeit­schrift für Tier­psy­cho­lo­gie 5 (2), 1943, S. 235–409.
[2] Sarah Bluf­fer Hrdy: Müt­ter und Ande­re. Wie die Evo­lu­ti­on uns zu sozia­len Wesen gemacht hat, Ber­lin: Ber­lin-Ver­lag, 2009.
[3] Vgl. etwa Hans-Wer­ner Bier­hoff: Psy­cho­lo­gie pro­so­zia­len Ver­hal­tens. War­um wir ande­ren hel­fen. 2., vollst. überarb. Aufl. Stutt­gart: Kohl­ham­mer (Kohl­ham­mer-Urban-Taschen­bü­cher, 418), 2010.

2.     Fairness versus Ungerechtigkeit

In allen Kul­tu­ren gibt es die Bereit­schaft, ande­re, die zu unse­rem „Wir“ gehö­ren, zu unter­stüt­zen und ihnen zu hel­fen. Und es gibt zahl­rei­che Gele­gen­hei­ten zum Geben bzw. Hel­fen. Die­ses geschieht in dem mög­li­cher­wei­se unbe­wuss­ten, „impli­zi­ten“ Wis­sen, dass der oder die ande­re dies sicher bei Gele­gen­heit in der ein oder ande­ren Form erwi­dern wird. Wenn wir reich­lich Äpfel haben, ist es nicht nur nett, son­dern auch klug, sie in der Nach­bar­schaft zu ver­tei­len. Wenn in ursprüng­li­chen Samm­le­rin­nen-Jäger-Kul­tu­ren ein Tier erjagt wur­de, so wur­de die­ses geteilt. Noch bevor Men­schen sess­haft wur­den, haben sie zum Schutz ein­fa­che Hüt­ten gebaut, viel Gele­gen­heit sich aus­zu­hel­fen, genau­so wie bei der Kin­der­be­treu­ung, geschwei­ge denn bei Ver­let­zun­gen etc. Sie laden eine Bekann­te zu sich nach Hau­se zum Kaf­fee­trin­ken ein. Sie ver­brin­gen eine net­te Zeit. Wer­den Sie Ihre Bekann­te bei der nächs­ten Gele­gen­heit wie­der ein­la­den? Wer­den Sie nicht erwar­ten, dass sie jetzt mal „dran ist“? Wir haben einen natür­li­chen Sinn für ein Gleich­ge­wicht von Geben und Neh­men, von Gegen­sei­tig­keit, Reziprozität.

Do ut des. – Gibst du mir, gebe ich dir. – Wie du mir, so ich dir. – Tit for Tat.

Inter­es­san­ter­wei­se han­delt es sich hier nicht um mora­li­sche Auf­for­de­run­gen, son­dern eher um das Kon­sta­tie­ren des selbst­ver­ständ­li­chen Gebens und Neh­mens zwi­schen Menschen.

In allen Kul­tu­ren gibt es die Bereit­schaft, ande­re, die zu unse­rem „Wir“ gehö­ren, zu unter­stüt­zen und ihnen zu helfen.
Wie konn­te sich ein so sozia­les Ver­hal­ten evo­lu­tio­när her­aus­bil­den und sta­bil andau­ern? Hat­te nicht immer der, der zwar nimmt, aber nicht gibt, einen Vor­teil? Die Ant­wort liegt auf der Hand. Der- oder die­je­ni­ge bekam sozia­len Druck. Soll­te jemand nicht bereit sein zu fai­rem Aus­glei­chen, fin­det sich in allen Kul­tu­ren die Bereit­schaft, den „Betrü­ger“ zu bestra­fen, etwa durch Aus­gren­zung, die mit Klatsch und Tratsch begin­nen kann.[1] Wenn Sie sich prü­fen: Haben Sie nicht auch das Bedürf­nis, über irgend­ei­ne Rück­sichts­lo­sig­keit, die Ihnen wider­fah­ren ist, mit jeman­dem zu reden, um ihrem Ärger Luft zu machen?

Com­pu­ter­pro­gram­me erpro­ben Kooperation

In einem Koope­ra­ti­ons­spiel, das mit Hil­fe des Com­pu­ters in belie­big vie­len Run­den durch­ge­führt wer­den kann, lässt sich der Erfolg von Stra­te­gien simu­lie­ren. Neh­men wir eine Koope­ra­ti­ons­be­zie­hung an, in der zwei Per­so­nen immer wie­der aufs Neue ent­schei­den müs­sen, ob sie bereit sind eine Gabe oder Leis­tung erbrin­gen, noch nicht wis­send, ob der ande­re sich die­ses Mal auch für eine Gabe ent­schie­den hat.

Im Jahr 1979 ver­an­stal­te­te der Poli­to­lo­ge Robert Axel­rod ein berühmt gewor­de­nes Tur­nier, an dem 14 klu­ge Per­so­nen jeweils ein Com­pu­ter­pro­gramm ins Spiel brach­ten[2]. Es gewann das kür­zes­te Pro­gramm mit dem Spitz­na­men „Tit for Tat“, „Wie du mir, so ich dir“. Es stamm­te von einem Psy­cho­lo­gen und Phi­lo­so­phen, Ana­tol Rapo­port, und ist denk­bar sim­pel. Es sagt: Koope­rie­re beim ers­ten Zug, danach tu immer das, was der ande­re tut/im letz­ten Zug getan hat. Es beruht auf weni­gen Prin­zi­pi­en: 1. Betrü­ge nie als ers­ter, es beginnt mit Koope­ra­ti­on und bleibt so lan­ge bei der Koope­ra­ti­on bis der Geg­ner mogelt. 2. Sei pro­vo­zier­bar: Wenn dein Geg­ner mogelt, bestra­fe ihn. 3. Sei nicht nach­tra­gend, räche dich nur genau ein­mal. Wenn dein Part­ner zur Koope­ra­ti­on zurück­kehrt, tue es auch.

Das Ver­blüf­fen­de am Sieg die­ses Pro­gram­mes ist, dass es im Duell nie gewin­nen kann. Es betrügt den ande­ren ja nicht, es ver­sucht nicht, beson­ders cle­ver zu sein. Es gewinnt dadurch, dass es opti­mal mit ande­ren koope­riert, wäh­rend die ande­ren ver­su­chen sich gegen­sei­tig aus­zu­trick­sen und wäh­rend­des­sen selbst um den Ertrag brin­gen. Der wah­re Ego­ist kooperiert.

Wir schei­nen als Men­schen bes­tens ein­ge­rich­tet zu sein, um opti­mal zu kooperieren.

[1] Vgl. grund­le­gend: Robert Tri­vers: The evo­lu­ti­on of reci­pro­cal altru­ism. In: The Quar­ter­ly Review of Bio­lo­gy 46 (1), S. 35–57, 1971.
[2] Ich fol­ge hier der Dar­stel­lung von Dou­glas R. Hof­stadter: Die Evo­lu­ti­on koope­ra­ti­ven Ver­hal­tens. In: Spek­trum der Wis­sen­schaft 1983 (8), S. 8–14 und 1983 (9) S. 8–12.

3.     Loyalität/Kooperation versus Untreue/Verrat

Über die Koope­ra­ti­on bzw. gegen­sei­ti­ge Hil­fe­leis­tung zwi­schen Ein­zel­nen hin­aus, kennt jede mensch­li­che Gesell­schaft auch eine Koope­ra­ti­on in der Grup­pe. Für man­che Auf­ga­ben von der Mam­mut­jagd bis hin zu gemein­sa­men Fes­ten braucht es Koope­ra­ti­on, um ein gemein­sa­mes Ziel zu errei­chen. Hier geht es um Gemein­sinn, Koope­ra­ti­on, selbst­ver­ständ­li­che Soli­da­ri­tät. Selbst in unse­rer rela­tiv indi­vi­dua­lis­ti­schen Gesell­schaft gibt es das Bedürf­nis nach dem Erle­ben eines Wir­ge­fühls, sei es als Fan einer Mann­schaft oder Mit­glied eines Ver­eins oder einer Par­tei etc. Manch­mal wird uns das erst bewusst, wenn unse­re Grup­pe ange­grif­fen oder kri­ti­siert wird, sei­en es nun „die Schwa­ben“, „die Fuß­ball­fans“ u.v.m.

„Wir sind Grup­pen­we­sen. Wir gehö­ren nicht ein­fach zur Mensch­heit, son­dern geben unse­ren eige­nen Leu­ten den Vor­zug und las­sen uns leicht dazu über­re­den, uns gegen Außen­ste­hen­de zu wen­den.“[1]

Wäh­rend die bei­den erst­ge­nann­ten mora­li­schen Intui­tio­nen bei einer ethi­schen Refle­xi­on weit­ge­hend eine posi­ti­ve Wür­di­gung erfah­ren kön­nen, haben wir es bei der Loya­li­tät mit einer aus ethi­scher Sicht gera­de­zu gefähr­li­chen Nei­gung zu tun. Koope­ra­ti­on in der Grup­pe impli­ziert auch die Bereit­schaft, sich ggf. gegen eine ande­re Grup­pe zu behaup­ten, sich über sie zu erhe­ben, sie zu bekämp­fen.[2] Die all­ge­mein­mensch­li­che Ten­denz zur Iden­ti­fi­ka­ti­on mit einer Grup­pe macht z.B. natio­na­les, ras­sis­ti­sches, eth­no­zen­tri­sches Den­ken so stark und so gefähr­lich. Ich kom­me dar­auf zurück.

[1] Antho­ny Appiah: Iden­ti­tä­ten. Die Fik­tio­nen der Zuge­hö­rig­keit. Unter Mit­ar­beit von Micha­el Bisch­off. Mün­chen: Han­ser Ber­lin 2019, S. 58.
[2] Vgl. die umfas­sen­de Dar­stel­lung von David Ber­re­by: Us and them. The sci­ence of iden­ti­ty. Chi­ca­go: Uni­ver­si­ty of Chi­ca­go Press 2008.

4.     Freiheit versus Unterdrückung

Frei­heit ist ein gro­ßes Wort. Als ursprüng­li­chen mora­li­schen Reflex sehe ich zunächst die Bereit­schaft zum Wider­stand und Kampf bei lebens­be­droh­li­cher und lebens­ein­schrän­ken­der Bedrü­ckung. Natür­lich kann der Affekt, zu dem Men­schen dies­be­züg­lich geneigt sind, kul­tu­rell trans­for­miert wer­den und womög­lich dazu füh­ren, dass ich kei­ne Geschwindigkeits­begrenzung auf Auto­bah­nen akzep­tie­ren möch­te. Evo­lu­tio­när adap­tiv ist es hin­ge­gen, wenn irgend ver­meid­bar, nie­man­dem zu gestat­ten, mei­ne ele­men­ta­ren Lebens­be­dürf­nis­se einzuschränken.
Stam­mes­ge­sell­schaf­ten nivel­lie­ren auf­kom­men­de Macht­an­ma­ßun­gen durch Spott, Tratsch, Ver­wei­ge­rung oder dras­ti­sche­re Maß­nah­men. Soll­te es sogar zu offe­ner Repres­si­on kom­men, wird Wider­stand geleis­tet. Seit­dem Gesell­schaf­ten kom­ple­xer gewor­den sind, seit­dem – ins­be­son­de­re durch die Sess­haf­tig­keit – ein­zel­ne Per­so­nen Güter anhäu­fen kön­nen, sich Res­sour­cen sichern kön­nen, müs­sen Men­schen häu­fi­ger Unter­drü­ckung erlei­den, sich mit Aus­beu­tung und Drang­sa­lie­rung abfin­den, mit denen sie sich in einer Samm­le­rin­nen-Jäger-Gesell­schaft nie abge­fun­den hät­ten. Denn in die­ser gab es nicht nur (wenn über­haupt!) einen chief, son­dern auch einen bes­ten Jäger, eine Hei­le­rin, eine alte Auto­ri­täts­per­son – und die jun­gen Män­ner, die bereit gewe­sen wären zur offe­nen Rebellion.

5.     Heiligkeit/Reinheit versus Entehrung/Tabubruch

Nicht unmit­tel­bar ein­leuch­tend ist für WEIRD-Men­schen (Wes­tern, Edu­ca­ted, Indus­tria­li­zed, Rich and Demo­cra­tic[1]), inwie­fern Hei­lig­keit eine mora­li­sche Intui­ti­on sein könn­te. Haidt ver­sucht durch eini­ge Fra­gen plau­si­bel zu machen, dass auch „wir“ Rein­heit als Wert emp­fin­den und emp­find­lich nicht nur auf phy­si­sche, son­dern auch „mora­li­sche Ver­un­rei­ni­gung“ reagieren:

Wür­den Sie mit einer alten ame­ri­ka­ni­schen Flag­ge das Klo putzen?
Wür­den Sie Hit­lers Pull­over tragen?
Wür­den Sie aus Glä­sern Sad­dam Hus­seins trinken?

Die Ableh­nung offen­bart die Intui­ti­on eines mora­li­schen Ekels und ent­spre­chen­des lässt sich als Kehr­sei­te für die Exis­tenz des Emp­fin­dens für Rein­heit und Hei­lig­keit zei­gen.[2] Dies nur zur Illus­tra­ti­on, dass wir alle ein Sen­so­ri­um für Hei­li­ges, für Rein­heit etc. haben. Ich kom­me dar­auf zurück.

[1] Vgl. dazu jetzt das monu­men­ta­le Werk von Joseph Hen­rich: The WEIR­Dest peop­le in the world. How the West beca­me psy­cho­lo­gi­cal­ly pecu­li­ar and par­ti­cu­lar­ly pro­spe­rous. First edi­ti­on. New York: Farrar, Straus and Giroux, 2020.
[2] Vgl. Haidt, a.a.O. Der 5. Abschnitt des 7. Kapi­tels lau­tet „The Sanctity/Degradation Foundation“.

6.     Wissen/Kompetenz versus Ignoranz

In der Stam­mes­ge­schich­te des Men­schen hat die kul­tu­rel­le Lern­fä­hig­keit eine zuneh­men­de Rol­le gespielt. Men­schen sind bio­lo­gisch opti­miert, kul­tu­rell zu ler­nen und zu tra­die­ren.[1] Wir haben Respekt vor kul­tu­rel­lem Wis­sen. Seit der ers­ten Stein­be­ar­bei­tung waren Indi­vi­du­en im Vor­teil, die kul­tu­rell lern­fä­hi­ger waren. Je kom­ple­xer eine Kul­tur wur­de, um so vor­teil­haf­ter war es, kul­tu­rell lern­fä­hig zu sein, z.B. Din­ge nach­ma­chen zu kön­nen. Dazu war es übri­gens vor­teil­haft, sich in die Inten­tio­nen des Lehr­meis­ters hin­ein­ver­set­zen zu kön­nen. Damit sind wir bei einer grund­le­gen­den Fähig­keit auch für das Mit­ge­fühl: Sich-in-ande­re-Hin­ein­ver­set­zen-Kön­nen. „Er will offen­bar mit dem Pfeil­gift nicht in Haut­kon­takt kom­men“; „sie ach­tet genau auf die Blät­ter der Knol­len­pflan­ze“ usw. Das alles setzt vor­aus, dass es klü­ger ist, etwas so zu machen wie es die Erfah­re­nen vor­ma­chen und nicht ein­fach selbst aus­zu­pro­bie­ren (obwohl es dazu immer noch viel Spiel­raum gibt, Kin­der ach­ten dabei dar­auf, ob die Bezugs­per­son beun­ru­higt schaut oder nicht). Joseph Hen­rich bringt beein­dru­cken­de Bei­spie­le für kul­tu­rel­les Wis­sen: Z.B. ist Maniok/Cassava zunächst gif­tig; wird es zer­klei­nert oder geschabt, redu­ziert sich der Gift­ge­halt um 20%, wird es anschlie­ßend gewäs­sert, ins­ge­samt um 70%, aber erst wenn der Sud gekocht wird, ist er genieß­bar, und der Brei, wenn man noch drei Tage war­tet. Es gibt inter­es­san­te Nah­rungs­ta­bus ins­be­son­de­re für Schwan­ge­re, bei genaue­rem wis­sen­schaft­li­chem Hin­se­hen stellt sich her­aus, dass die­se Tabus sehr sinn­voll sind, weil die ent­spre­chen­den Lebens­mit­tel den Embryo schä­di­gen kön­nen. Es ist gut, wenn man Rein­heits­ge­bo­te und Tabus bei der Nah­rungs­zu­be­rei­tung beach­tet. Samm­le­rin­nen-Jäger-Gesell­schaf­ten spei­chern enorm viel Wis­sen in ihrer Kultur.

Frap­pie­rend sind Intel­li­genz­tests mit Klein­kin­dern und jun­gen Schim­pan­sen. Kin­der machen etwas genau nach, auch wenn sie sehen könn(t)en, dass es so nicht nötig ist. Schim­pan­sen wäh­len den kür­ze­ren Weg. Sie haben weni­ger Respekt vor dem Vor­ma­cher. Es erscheint para­dox, aber den Men­schen ist es natür­lich gewor­den, Kul­tur zu haben. Die Bio­lo­gie weist über die Bio­lo­gie hin­aus. Des­we­gen ist es auch so absurd, wenn mensch­li­che Natur und Kul­tur gegen­ein­an­der aus­ge­spielt werden.

Die­se sechs­te Intui­ti­on, soll­te sich in unse­rer wis­sen­schaft­lich gepräg­ten Kul­tur im Respekt vor Bil­dung und wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis wie­der­fin­den lassen.
Man kann fra­gen, ob es hier sinn­voll ist von einer mora­li­schen Intui­ti­on zu spre­chen. Denn es ist ja ein Gebot der Klug­heit, Gele­gen­hei­ten zu ler­nen wahr­zu­neh­men. Aber die Ach­tung gegen­über Exper­ten und fach­li­chen Auto­ri­tä­ten wird in der Regel in der Erzie­hung als Wert ver­mit­telt. Das Gebot der Klug­heit muss­te evo­lu­tio­när durch Emo­tio­nen abge­si­chert wer­den. Lehr­kräf­te, aber auch Ehe­part­ner kann es regel­recht aggres­siv machen, wenn etwas „falsch“ gemacht wird – und das klingt dann meist nach nichts ande­rem als mora­li­scher Empö­rung.[2]

[1] Vgl. die umfas­sen­de Dar­stel­lung von Joseph Hen­rich: The secret of our suc­cess. How cul­tu­re is dri­ving human evo­lu­ti­on, domesti­ca­ting our spe­ci­es, and making us smar­ter. Prince­ton, Oxford: Prince­ton Uni­ver­si­ty Press, 2015.
[2] An die­sem Punkt wei­che ich am stärks­ten von Haidt ab. Haidt über­schreibt die­se mora­li­sche Intui­ti­on mit Authority/Betrayal (Autorität/Verrat) und argu­men­tiert, dass Men­schen sich zu Loya­li­tät gegen­über Auto­ri­tä­ten ver­pflich­tet füh­len, auch wenn dies in west­li­chen Gesell­schaf­ten schwach aus­ge­prägt sei. Er the­ma­ti­siert hier Hier­ar­chien und Domi­nanz. Aller­dings ist dies als natür­li­che Intui­ti­on nicht plau­si­bel, da Samm­le­rin­nen-Jäger-Kul­tu­ren ten­den­zi­ell ega­li­tär orga­ni­siert sind.


Die fol­gen­de Tabel­le zeigt die sechs mora­li­schen Intui­tio­nen und ihre adap­ti­ven Funk­tio­nen. Dem­entspre­chend unter­schei­den wir Tugen­den und „Las­ter“.



Die hier refe­rier­te Hypo­the­se besagt, dass die­se sechs mora­li­schen Intui­tio­nen bio­lo­gisch-evo­lu­tio­när deut­bar sind, also einen Über­le­bens- (bzw. Fort­pflan­zungs­vor­teil) für die frü­hen Ver­tre­ter von Homo sapi­ens dar­ge­stellt haben. Und teil­wei­se ergän­zen sie sich perfekt:

Evolutionäre Interaktionen

So war die Aus­wei­tung des Mit­ge­fühls (Intui­ti­on 1) auf alle per­sön­lich bekann­ten Men­schen, evo­lu­tio­när vor­teil­haft, weil sich dadurch rezi­pro­ke Bezie­hun­gen ver­stär­ken (näm­lich: ande­re sich ver­pflich­tet füh­len und so Aus­tausch­be­zie­hun­gen ent­ste­hen) (Intui­ti­on 2). Wenn jemand das Kind der Nach­ba­rin ret­tet oder auch nur mal auf es auf­passt, „ern­tet“ sie Dank­bar­keit. Men­schen sind auf­fäl­lig hilfs­be­reit gegen­über allen Men­schen, die sie per­sön­lich ken­nen. Eine ande­re Inter­ak­ti­on hat­te ich ange­deu­tet im Blick auf das Mit­ge­fühl: Mich in einen ande­ren hin­ein­zu­ver­set­zen macht mich nicht nur hilfs­be­rei­ter, son­dern auch lern­fä­hi­ger, wenn mir jemand einen hand­werk­li­chen Vor­gang demons­triert (Intui­ti­on 6: Kul­tu­rel­le Kompetenz).

Um eine Ahnung davon zu bekom­men, wie auf­schluss­reich eine sol­che Betrach­tung sein kann, nen­ne ich ein Bei­spiel für mög­li­che Kom­bi­na­tio­nen unse­rer mora­li­schen Intuitionen.

Kombinationen von moralischen Intuitionen

Wir füh­ren in Soli­da­ri­tät (3) einen Befrei­ungs­kampf (4) für Gerech­tig­keit (2), die uns „hei­lig“ ist (5); dies tun wir aus mit­füh­len­der (1) Soli­da­ri­tät mit den Unter­drück­ten, die empö­ren­des Unrecht (2) erlei­den. Und ver­mut­lich ist ein ent­spre­chen­der phi­lo­so­phi­scher Über­bau mit von der Par­tie, in den wir uns inten­siv ein­ar­bei­ten müs­sen, um mit­re­den zu kön­nen (6), – und im Ide­al­fall auch ethi­sche Reflexion.

Micha­el Toma­sel­lo hat das Zusam­men­spiel ver­schie­de­ner mora­li­scher Moti­ve schön zusam­men­ge­fasst: Mensch­li­che Mora­li­tät ist kein Mono­lith, son­dern ein Patch­work. Men­schen gehen in jede sozia­le Inter­ak­ti­on mit ego­is­ti­schen Ich-Moti­ven, mit ein­füh­len­den Du-Moti­ven, grup­pen­be­zo­ge­nen Wir-Moti­ven, ega­li­tä­ren Moti­ven (Frei­heit!) und einer Ten­denz, allen kul­tu­rel­len Nor­men zu fol­gen, die gera­de gelten.[1] Es feh­len gegen­über Haidt nur die Aspek­te Heiligkeit/Reinheit, was ange­sichts der Beson­der­hei­ten die­ses Aspek­tes gut ver­ständ­lich ist, es fehlt aber auch der Aspekt der Gerech­tig­keit, also des rezi­pro­ken Altru­is­mus, was schwer ver­ständ­lich ist und sei­ne Rekon­struk­ti­on der Evo­lu­ti­on mensch­li­cher Mora­li­tät an einem sehr wesent­li­chen Punkt schwächt. Mehr dazu hier: Rezi­pro­ker Altruismus.

[1] „Human mora­li­ty is not a mono­lith but a mot­ley, patched tog­e­ther from a varie­ty of dif­fe­rent sources, under dif­fe­rent eco­lo­gi­cal pres­su­res, at dif­fe­rent peri­ods during the several mil­li­on years of human evo­lu­ti­on (Sin­nott-Arm­strong and Wheat­ley, 2012). Human bein­gs today thus enter into each and every social inter­ac­tion with sel­fi­sh me-moti­ves, sym­pa­the­tic you-moti­ves, ega­li­ta­ri­an moti­ves, group­min­ded we-moti­ves, and a ten­den­cy to fol­low wha­te­ver cul­tu­ral norms are in effect. In situa­tions of depri­va­ti­on, most of us would be sel­fi­sh. When someo­ne else is in dire need, most of us would be generous. In situa­tions of equal col­la­bo­ra­ti­on, most of us would be ega­li­ta­ri­an. […] All of the­se moti­ves are always in some sen­se alrea­dy the­re; the only ques­ti­on is which one, or ones, will win the day in par­ti­cu­lar situa­tions.” Micha­el Toma­sel­lo: A natu­ral histo­ry of human mora­li­ty, Cam­bridge (Mass.) – Lon­don 2016, S. 128.

Eine sol­che Sicht auf die Mora­li­tät der Men­schen hilft aber auch, ein paar Pro­ble­me in den Blick zu neh­men. Vor allem:

Loyalität und das Problem von Us and Them

Wir nei­gen dazu, zwi­schen Uns und Denen zu unter­schei­den. David Ber­re­by hat dazu ein fas­zi­nie­ren­des Buch geschrie­ben mit dem Titel „Us and Them“. Er meint, Men­schen sei­en “ama­zin­gly good”, bewun­derns- aber auch belus­ti­gens­wert gut dar­in, Grün­de dafür zu fin­den, dass wir nicht so sind wie sie.[1] Muza­fer She­rif führ­te gewag­te Expe­ri­men­te durch, indem er zwei unter­schied­li­che Jugend­grup­pen in benach­bar­ten Camps jeweils ein star­kes Grup­pen­ge­fühl auf­bau­en ließ und dann die bei­den Grup­pen in Kon­takt brach­te. Ich brau­che nicht aus­zu­füh­ren, wel­che Kon­kur­renz und auch Feind­se­lig­keit zwi­schen den Grup­pen ent­stand.[2] Loya­li­tät zur Wir­grup­pe bedeu­tet fast zwangs­läu­fig Kon­kur­renz oder mehr gegen­über den Ande­ren. Oft wird aller­dings das Expe­ri­ment von She­rif nur bis zu die­sen Feind­se­lig­kei­ten geschil­dert. Das war aber nur der ers­te Teil der Stu­die. She­rif gelang es im wei­te­ren Ver­lauf sehr schnell, durch gemisch­te Inter­es­sens­grup­pen (gemisch­te Musik­grup­pe etc.) völ­lig neue und bun­te Grup­pen­bil­dun­gen zu initi­ie­ren, so dass sich die Jugend­li­chen dann dar­über mokier­ten, wie undenk­bar es für sie noch vor einer Woche war, dass sie mal zusam­men Musik machen könnten.

Wen bezie­hen wir ins „Wir“ ein? Gehö­ren die fol­gen­den Per­so­nen­grup­pen für Sie per­sön­lich auch zum „Wir“ dazu oder nicht?

[1] Ber­re­by 2008, “Human bein­gs are ama­zin­gly good at fin­ding rea­sons to belie­ve that we aren´t like them.” (S. XXf)
[2] Muza­fer She­rif: The Rob­bers Cave expe­ri­ment. Inter­group con­flict and coope­ra­ti­on, Midd­le­town (Conn.) 1988. Vgl. aber dazu auch kri­tisch Breg­man 2020, S. 170–175.

DIE ZEIT hat das Bon­ner infas Insti­tut für ange­wand­te Sozi­al­wis­sen­schaft 2017 vor der Bun­des­tags­wahl mit einer Umfra­ge beauf­tragt, in dem es u.a. um fol­gen­de Fra­gen ging :

Wenn Sie von ‚Wir‘ spre­chen, was ver­bin­den Sie per­sön­lich damit? Was von dem Fol­gen­den trifft zu?

Am häu­figs­ten wur­de bejaht: Mei­ne Fami­lie (92%) und Mein Freun­des- und Bekann­ten­kreis (91%). Am unte­ren Ende war: Die gan­ze Welt, alle Men­schen mit immer­hin noch 54%.

Gehö­ren fol­gen­de Per­so­nen­grup­pen für Sie per­sön­lich auch zum ‚Wir‘ dazu oder nicht?

Nicht dazu gehö­ren für 16% Men­schen ande­rer Reli­gio­nen, für 18% Homo­se­xu­el­le, für 25% Men­schen mit einem ganz ande­ren Lebens­stil sowie Migran­ten, für 26% Flücht­lin­ge, für 36% Men­schen, mit deren poli­ti­schen Ein­stel­lung die gefrag­te Per­son nicht ein­ver­stan­den ist.

Inter­es­sant ist vor allem die sehr ver­schie­de­ne Hal­tung der Wähler*innen der ver­schie­de­nen Parteien:

Als nicht zum ‚Wir‘ gehö­rig bezeich­nen AfD-Wähler*innen

Men­schen ande­rer Reli­gio­nen zu 36%, Flücht­lin­ge zu 80%

wäh­rend die Grünen-Wähler*innen auf der ande­ren Sei­te des Spek­trums stehen:

Men­schen ande­rer Reli­gio­nen wer­den zu 3%, Flücht­lin­ge zu 14% als nicht zum ‚Wir‘ gehö­rig bezeichnet.

Die Wähler*innen ande­rer Par­tei­en lie­gen dazwi­schen mit einem Spek­trum von 11%-25%.

Gruppe (3) und Reinheit (5)

An unse­rer Koope­ra­ti­ons­fä­hig­keit lässt sich illus­trie­ren, wie die ver­schie­de­nen mora­li­schen Intui­tio­nen inter­agie­ren und sich gegen­sei­tig ver­stär­ken kön­nen, näm­lich z.B. das Grup­pen­ge­fühl (3) und das Gefühl für Rein­heit (5).

Men­schen füh­len sich womög­lich ange­ekelt von ande­ren, die hei­li­ge Lebe­we­sen essen (z.B. Kühe) oder aber eke­li­ge Din­ge essen (wie Rat­ten). Eine Gehirn­re­gi­on, die Insu­la, ist beson­ders aktiv, wenn wir uns ekeln – in allen Inten­si­täts­gra­den. „Sich abge­sto­ßen füh­len von Men­schen einer bestimm­ten Grup­pe, weil sie wider­li­che oder aber hei­li­ge Din­ge essen, sich mit ran­zi­gen Stof­fen ein­rei­ben und sich in skan­da­lö­ser Wei­se klei­den, das sind Din­ge – wie Sapol­sky schreibt, in die „the insu­la can sink its teeth into“. Sapol­sky meint also: die Insu­la kann sich so rich­tig aus­to­ben und sich fest­bei­ßen dar­an, was für eke­li­ges Zeug die essen und wie „eke­lig“ die rie­chen.[1] Mein Grup­pen­den­ken kann sich mit Ekel gegen­über Frem­den ver­bin­den und bei­des ver­stärkt sich gegenseitig.

Gruppe (3) und kulturelle Überlieferung (6)

Eine wei­te­re Quer­be­zie­hung, die das Grup­pen­den­ken (3) nut­zen kann, um sich zu stär­ken, ist die zum Respekt vor kul­tu­rel­lem Wis­sen (6). „Bei uns macht man das so!“ Die kul­tu­rel­len Beson­der­hei­ten, gera­de wenn sie etwas „absei­tig“ sind, kön­nen der Abgren­zung die­nen und bie­ten dem Lern­ei­fer Stoff. Je mehr wir unse­re eige­nen Regeln, unse­ren eige­nen Dia­lekt, unse­re beson­de­ren Tabus haben, des­to frem­der wer­den die ande­ren und des­to mehr stärkt sich unser Grup­pen­ge­fühl: ein sich ver­stär­ken­der Regelkreis.

[1] Robert Sapol­sky: Behave. The bio­lo­gy of humans at our best and worst, Lon­don 2018 (dt. Gewalt und Mit­ge­fühl), “Fee­ling dis­gus­ted by Them becau­se they eat repul­si­ve, sac­red, or ado­rable things, sla­ther them­sel­ves with ran­cid scents, dress in scan­da­lous ways—these are things the insu­la can sink its teeth into.” (S. 398f) Auch Tabus kön­nen zur Abgren­zung der Grup­pen dienen.


II. Zweite Ebene: Kulturelle Gewichtung der moralischen Intuitionen

Kul­tu­ren unter­schei­den sich dar­in, wie sie die sechs Aspek­te inhalt­lich füllen.

  • Wer ist wir? (3)
  • Wel­chen kon­kre­ten Bedarf an Koope­ra­ti­on haben sie? (2+3)
  • Was ist tabu bzw. hei­lig, bzw. rein? (5)
  • Was glau­ben sie über die Welt, gehört also zu ihrem kul­tu­rel­len Wis­sens- und Lern­be­stand? (6)

Und Kul­tu­ren unter­schei­den sich dar­in, wie sie die sechs Aspek­te gewich­ten.

Beispiel: Überbewertung der Gruppe

Eine sehr kru­de Über­be­to­nung eines Wer­tes stellt das Prin­zip dar:

„Du bist nichts, dein Volk ist alles.“ Die Grup­pe wird im Natio­nal­so­zia­lis­mus über das Indi­vi­du­um und sei­ne Frei­heit gestellt. Wo bleibt Mit­ge­fühl (1)? Wo bleibt Fair­ness (2)? Wo bleibt Frei­heit (4)? Das über all dies domi­nie­ren­de Wir­ge­fühl wird aller­dings gestützt durch die Kate­go­rien Hei­lig­keit und Rein­heit. Schon in sei­ner Wahl­kampf­re­de am 10. Febru­ar 1933 im Sport­pa­last spricht Adolf Hit­ler von der „Wie­der­her­stel­lung der Sau­ber­keit in unse­rem Volk, Sau­ber­keit auf allen Gebie­ten unse­res Lebens, der Sau­ber­keit unse­rer Ver­wal­tung, der Sau­ber­keit im öffent­li­chen Leben, aber auch der Sau­ber­keit in unse­rer Kul­tur.“[1] Die Nati­on galt als „hei­lig“. Vor allem aber wur­de die Rein­heit des ari­schen Blu­tes pro­pa­giert, was zum Geno­zid an allen, die man nicht dazu rech­ne­te, füh­ren soll­te. Ein auf die Nati­on umge­deu­te­tes Wir­ge­fühl plus eine ideo­lo­gi­sche Kon­zep­ti­on von der Rein­heit die­ses Wir, konn­ten eine zeit­lang tri­um­phie­ren über die vol­le Mensch­lich­keit, in der Mit­ge­fühl eben­so wie Gerech­tig­keit und Frei­heit ihren Platz haben.

Im Drit­ten Reich sag­te das Gewis­sen nicht: Es ist falsch zu töten, es sag­te: Es ist falsch, nicht zu töten, wie Han­nah Arendt es so prä­zi­se for­mu­liert hat. Ermög­licht wur­de dies durch eine Ver­schie­bung in der Spra­che, die sich in ihrer Rein­form in Mein Kampf zeigt, wo es kein »Du« gibt, nur ein »Ich« und ein »Wir«, wodurch aus dem »Sie« ein »Es« gemacht wer­den kann. Im »Du« lag der Anstand. Im »Es« lag die Bösartigkeit.
Aber es waren »Wir«, die sie voll­streck­ten.[2]

„… wer wer­den wir an dem Tag sein, an dem unser Anstand auf die Pro­be gestellt wird? Wer­den wir es wagen, dem zu wider­spre­chen, was alle den­ken, was unse­re Freun­de, Nach­barn und Kol­le­gen den­ken, und dar­auf behar­ren, dass sie unan­stän­dig sind, wäh­rend wir selbst anstän­dig sind? Groß ist die Kraft des Wir, fast unzer­reiß­bar sei­ne Fes­seln, und im Grun­de kön­nen wir nur hof­fen, dass unser Wir ein gutes Wir ist. Denn wenn das Böse kommt, dann sicher nicht in Gestalt eines »Sie«, als etwas Frem­des, das wir leicht von uns wei­sen kön­nen, es wird in Gestalt eines »Wir« kom­men. Es wird als »das Rich­ti­ge« kom­men.[3]

So Karl-Ove Knaus­gård in sei­nem gro­ßen Werk Kämp­fen.

Das Wir­ge­fühl ist wohl die pro­ble­ma­tischs­te (mora­li­sche) Intui­ti­on, die wir besit­zen. Es muss dar­um gehen, das Wir­ge­fühl zu erwei­tern auf die gesam­te Mensch­heit; und auch die Tie­re soll­ten wir in unser Mit­ge­fühl ein­be­zie­hen. Dar­win hat einen sol­chen kul­tu­rel­len Ent­wick­lungs­pro­zess als plau­si­bel und nahe­lie­gend beschrieben:

Wenn der Mensch in der Kul­tur fort­schrei­tet und klei­ne Stäm­me zu grö­ße­ren Gemein­we­sen sich ver­ei­ni­gen, so führt die ein­fachs­te Über­le­gung jeden Ein­zel­nen schließ­lich zu der Über­zeu­gung, daß er sei­ne sozia­len Instink­te und Sym­pa­thien auf alle, also auch auf die ihm per­sön­lich unbe­kann­ten Glie­der des­sel­ben Vol­kes aus­zu­deh­nen habe. Wenn er ein­mal an die­sem Punk­te ange­kom­men ist, kann ihn nur noch eine künst­li­che Schran­ke hin­dern, sei­ne Sym­pa­thien auf die Men­schen aller Natio­nen und aller Ras­sen aus­zu­deh­nen. Wenn die­se Men­schen sich in ihrem Äuße­ren und ihren Gewohn­hei­ten bedeu­tend von ihm unter­schei­den, so dau­ert es, wie uns lei­der die Erfah­rung lehrt, lan­ge, bevor er sie als sei­ne Mit­men­schen betrach­ten lernt. Wohl­wol­len über die Schran­ken der Mensch­heit hin­aus, d.h. Mensch­lich­keit gegen die Tie­re, scheint eines der am spä­tes­ten erwor­be­nen sitt­li­chen Güter zu sein.[4]

Was haben wir bis jetzt erreicht? 

Wir haben die Kern­ele­men­te des mora­li­schen Emp­fin­dens iden­ti­fi­ziert, die jeweils mit bestimm­ten Emo­tio­nen ver­bun­den sind.

Wir ver­ste­hen die Quel­len unse­rer Moral bes­ser, ihren evo­lu­tio­nä­ren Sinn und ihre Beschrän­kun­gen und Gefah­ren.

Wir erken­nen die Her­aus­for­de­run­gen für eine Ethik, die weit mehr ist als die Sum­me von mora­li­schen Intui­tio­nen. In Gesell­schaft und Poli­tik ist  in jedem Fall mit den genann­ten natür­li­chen Intui­tio­nen zu rech­nen.

[1] Zitiert nach Uwe Witt­stock: Febru­ar 33. Der Win­ter der Lite­ra­tur, Mün­chen C.H.Beck 2021, S.89.
[2] Karl-Ove Knaus­gård: Kämp­fen, Mün­chen: btb Ver­lag, 2018, S. 898.
[3] Ebd. S. 900.
[4] Charles Dar­win: Die Abstam­mung des Men­schen, Stutt­gart: Krö­ner, 4. Aufl. 1982, S. 155f. Über­set­zung der 2. Auf­la­ge von 1874, dort S. 122–123. Vgl. hier den Bei­trag zu die­sem Werk Darwins.