Das Gleich­ge­wicht von Geben und Neh­men als Wur­zel des Gerech­tig­keits­empfindens und von Gerechtig­keits­konzeptionen. Eine Rekonstruktion.

I Aus­glei­chen­de, kom­mu­ta­ti­ve Gerech­tig­keit – Das Gleich­ge­wicht von Geben und Nehmen

Mein Vor­ha­ben ist, natür­li­che mora­li­sche Intui­tio­nen auf­zu­spü­ren und im Ide­al­fall zu zei­gen, wie wir von ihnen aus in kri­ti­scher Refle­xi­on zu ethi­schen Posi­tio­nen kommen.

Dabei ist ziem­lich plau­si­bel, dass eini­ge mora­li­sche Intui­tio­nen posi­tiv zu bewer­ten sind, jeden­falls, wenn sie nicht ver­ab­so­lu­tiert wer­den, son­dern mit­ein­an­der wech­sel­wir­ken kön­nen. Das sind Mit­ge­fühl, ein Gefühl für aus­glei­chen­de Gerech­tig­keit, das Frei­heits­be­dürf­nis und als vier­te die Intui­ti­on, sinn­vol­ler­wei­se den bes­ten kul­tu­rell ver­füg­ba­ren Wis­sens­be­stand zu ach­ten.

Gegen Endes sei­nes Buches „Die Idee der Gerech­tig­keit“ bezieht sich Amart­ya Sen auf die natür­li­che mora­li­sche Kom­pe­tenz des Menschen:

„Wir hät­ten Geschöp­fe sein kön­nen, die unfä­hig zu Mit­ge­fühl sind, vom Schmerz und der Demü­ti­gung ande­rer nicht ange­rührt, gleich­gül­tig gegen­über Frei­heit und – nicht weni­ger signi­fi­kant – nicht fähig zu den­ken, zu argu­men­tie­ren, ver­schie­de­ner oder einer Mei­nung zu sein. Dass wir alle die­se Eigen­schaf­ten im hohem Maß besit­zen, ver­hilft uns kaum zur Ent­schei­dung für eine bestimm­te Theo­rie der Gerech­tig­keit, deu­tet aber dar­auf hin, dass das all­ge­mei­ne Stre­ben nach Gerech­tig­keit in der mensch­li­chen Gesell­schaft nur schwer aus­zu­rot­ten ist, auch wenn ver­schie­de­ne Wege zum Ziel führen.“

Genau das ist der sprin­gen­de Punkt: Wenn wir nur auf ver­nünf­ti­gem Wege eine Ethik kon­stru­ie­ren könn­ten und dar­auf ange­wie­sen wären, das zu tun, ohne vier hilf­rei­che und gute mora­li­sche Intui­tio­nen (und dazu noch zwei ambi­va­len­te), dann wären wir ver­mut­lich ver­lo­ren. Aber wir sind zum Glück Geschöp­fe mit mora­li­schen Intui­tio­nen und kul­tu­rel­lem Lernvermögen.

Ver­su­chen wir einen schritt­wei­sen, von den Phä­no­me­nen aus­ge­hen­den Zugang zu den kom­ple­xen phi­lo­so­phi­schen und poli­ti­schen Fra­gen der Gerechtigkeit.

Der Unter­schied von Koope­ra­ti­on und Rezi­pro­kem Altruismus

Es gibt vie­le Säu­ge­tier­ar­ten, die koope­ra­tiv sind, z.B. Wöl­fe, die gemein­sam jagen und gemein­sam vom Jagd­er­folg profitieren.

Eine anspruchs­vol­le­re und ganz eige­ne Art von Koope­ra­ti­on liegt vor, wenn eine Hil­fe geschieht und noch völ­lig offen ist, wie es dann zu einem Aus­gleich, einer Gegen­ga­be, einer umge­kehr­ten Hil­fe­leis­tung kommt.

Man spricht dann von rezi­pro­kem Altru­is­mus, also wech­sel­sei­ti­ger Hil­fe­leis­tung. Wenn aber die Wech­sel­sei­tig­keit gut funk­tio­niert, könn­te man natür­lich genau­so gut von rezi­pro­kem Ego­is­mus spre­chen. Denn im End­ef­fekt pro­fi­tiert jeder. Gibt es bio­lo­gi­sche Arten, in denen sich rezi­pro­ker Altru­is­mus eta­bliert hat?

Ein Bei­spiel bie­tet Frans de Waal, der berühm­te Primatenforscher.

Er und sei­ne Mit­ar­bei­ten­den haben 7000 Annä­he­run­gen von Schim­pan­sen an Nah­rungs­be­sit­zer, die Fut­ter erhal­ten hat­ten, beob­ach­tet. Zuvor war doku­men­tiert wor­den, wer wen in den Stun­den davor gegroomt hat­te. Dann ver­gli­chen die Primatenforscher

„den Fluss der bei­den ‚Wäh­run­gen‘: Fut­ter und Groo­men. Hat­te bei­spiels­wei­se Socko, der Alpha­mann, May gegroomt, waren sei­ne Aus­sich­ten, am Nach­mit­tag ein paar Zwei­ge von ihr zu erhal­ten, beträcht­lich erhöht. Die­sen Effekt fan­den wir in der gesam­ten Kolo­nie“ – so de Waal[1].

Bei­spie­le für die All­ge­gen­wart des Gleich­ge­wichts­den­kens (Schen­ken und „Danke“-Sagen)

Men­schen nun sind Vir­tuo­sen in der Aus­ba­lan­cie­rung diver­ser gegen­sei­ti­ger Hilfs- und Unter­stüt­zungs­leis­tun­gen. Und wir ritua­li­sie­ren das sogar im Geschen­ke geben und emp­fan­gen. Nun, manch­mal wird es uns zuviel und wir ver­ein­ba­ren: „Wir schen­ken uns nichts mehr zu Weih­nach­ten. Man hat ja alles und es ist ohne­hin so ein Stress vor Weih­nach­ten.“ Ganz wich­tig: Bei­de schen­ken sich nichts, sonst kommt die Beschwer­de: „Wir haben doch gesagt, dass wir uns nichts mehr schen­ken wol­len.“  „Ja – nur eine Kleinigkeit.“

War­um ist eigent­lich das tra­di­tio­nel­le Sym­bol für Gerech­tig­keit die Waa­ge? Viel­leicht, weil das Aus­ba­lan­cie­ren von Geben und Neh­men die fun­da­men­tals­te Äuße­rung von Gerech­tig­keit ist? Aris­to­te­les spricht von der kom­mu­ta­ti­ven Gerech­tig­keit, der aus­glei­chen­den Gerechtigkeit:

Man will „das Gute ver­gel­ten, und wenn es das nicht gäbe, so gäbe es kei­nen Aus­tausch von Leis­tun­gen, durch den doch die Gemein­schaft bei­sam­men­bleibt.“ [2]

Mar­cel Mauss hat ein klas­si­sches Werk geschrie­ben, „Die Gabe“, und er fragt: „Was liegt in der gege­be­nen Sache für eine Kraft, die bewirkt, daß der Emp­fän­ger sie erwidert?“[3] Die Kraft, die eine Gabe erwi­dern lässt, liegt dar­in, dass wir als Men­schen gute rezi­pro­ke Altru­is­ten sein wol­len. Die Kraft liegt nicht in der Gabe, son­dern in unse­rem Bemü­hen um gute Buchführung.

Was brin­gen wir zum Aus­druck, wenn wir Dan­ke sagen? Es heißt soviel wie:

Ich habe wahr­ge­nom­men, dass ich ein biss­chen in dei­ne Schuld gera­ten bin, dass ich dir also noch ein klein wenig „schul­dig“ bin. Du hast also wirk­lich kei­nen Grund zu den­ken, dass ich einer wäre, der gedan­ken­los nur den eige­nen Vor­teil sucht und ande­re womög­lich aus­beu­tet. Nein! Ich wür­de dir den glei­chen Dienst erwei­sen, wenn es mal dar­auf ankommt. Um das zu signa­li­sie­ren, sage ich „Dan­ke!“. Mehr zum Danken.

Sank­tio­nen gegen „Betrü­ger“

Wie konn­te sich ein so sozia­les Ver­hal­ten evo­lu­tio­när her­aus­bil­den und sta­bil andau­ern? Hat­te nicht immer der­je­ni­ge, der zwar nimmt, aber nicht gibt, einen Vor­teil? Die Ant­wort liegt auf der Hand. Der- oder die­je­ni­ge bekam sozia­len Druck. Soll­te jemand nicht bereit sein zu fai­rem Aus­glei­chen, fin­det sich in allen Kul­tu­ren die Bereit­schaft, den „Betrü­ger“ zu bestra­fen, etwa durch Aus­gren­zung, die mit Klatsch und Tratsch schon mal begin­nen kann. Wenn Sie sich prü­fen: Haben Sie nicht auch das Bedürf­nis, über irgend eine Rück­sichts­lo­sig­keit, die Ihnen wider­fah­ren ist, mit jeman­dem zu reden? „Wie ego­is­tisch der sich ver­hal­ten hat!“

Haben sich nicht vie­le über Mas­ken­ver­wei­ge­rer empört, weil sie es nicht fair fan­den, dass die­se sich aus der Soli­da­ri­tät aus­klin­ken? Ande­rer­seits gibt es auch die Empö­rung über die Frei­heits­ein­schrän­kung. Ein Bei­spiel, wie zwei sehr sinn­vol­le Intui­tio­nen in den Streit mit­ein­an­der gera­ten kön­nen: Soli­da­ri­tät bzw. Gerech­tig­keit gegen Frei­heit und umgekehrt.

Als 1. Ergeb­nis hal­ten wir fest: Gerecht geht es zu, wenn ein Gleich­ge­wicht von Geben und Neh­men herrscht.

[1] Frans de Waal: Das Prin­zip Empa­thie. Was wir von der Natur für eine bes­se­re Gesell­schaft ler­nen kön­nen, Mün­chen 2011, S. 225.

[2] Aris­to­te­les: Die Niko­ma­chi­sche Ethik 1133 a1‑2, übers. v. Olof Gigon, dtv text-biblio­thek, DTV, Mün­chen 1972, S. 164

[3] Mar­cel Mauss: Die Gabe. Form und Funk­ti­on des Aus­tauschs in archai­schen Gesell­schaf­ten, suhr­kamp stw 743, 1990, S. 18, Ori­gi­nal­ausg.: Essai sur le don, Paris 1950.

Fort­set­zung: Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit

Dürer: Ius­ti­tia