Altru­is­mus scheint es nach der Evo­lu­ti­ons­theo­rie Dar­wins nicht geben zu kön­nen. Schließ­lich über­lebt nur der Fit­tes­te und das schien zu bedeu­ten: Der Stärks­te und der Ego­is­tischs­te. Wie wären dann „kost­spie­li­ges“ pro­so­zia­les Ver­hal­ten, das einem ande­ren nutzt, zu erklä­ren? Zwei Haupt­theo­rien zei­gen auf, war­um und inwie­fern es doch zu unei­gen­nüt­zi­gem Ver­hal­ten kom­men kann:

1. die Theo­rie der Ver­wandt­schafts­se­lek­ti­on, nach der nicht ent­schei­dend ist, dass das Lebe­we­sen über­lebt, son­dern sei­ne Gene. So kön­nen auch „altru­is­ti­sche“ Gene eines Indi­vi­du­ums über­le­ben, näm­lich in den gene­tisch Ver­wand­ten, die genau die­se Gene eben­so besit­zen und denen gegen­über sich das Indi­vi­du­um altru­is­tisch ver­hal­ten hat;

2. die Theo­rie des rezi­pro­ken Altru­is­mus. Rezi­pro­zi­tät (wech­sel­sei­ti­ge Hil­fe­leis­tung) kann enor­me Vor­tei­le mit sich brin­gen. Inso­fern könn­te man genau­so gut von rezi­pro­kem Ego­is­mus spre­chen. Vie­le For­scher reden des­halb bevor­zugt nur von Rezi­pro­zi­tät. Jeden­falls ist bei der Rede von rezi­prok-altru­is­ti­schem Ver­hal­ten immer mit­zu­den­ken, dass es in der Regel (!) sehr wohl einen Vor­teil mit sich bringt. Ob es „ech­ten“ Altru­is­mus gibt, wird spä­ter zu dis­ku­tie­ren sein.

Reziproker Altruismus – Geben und Nehmen

Do ut des. – Gibst du mir, gebe ich dir. – Wie du mir, so ich dir. – Tit for Tat. – Eine Hand wäscht die andere.

Inter­es­san­ter­wei­se han­delt es sich bei die­sen Sprich­wör­tern nicht um mora­li­sche Auf­for­de­run­gen, son­dern eher um das Kon­sta­tie­ren des selbst­ver­ständ­li­chen Gebens und Neh­mens zwi­schen Menschen.

In allen Kul­tu­ren gibt es die Bereit­schaft, ande­re, die zum „Wir“ gehö­ren, zu unter­stüt­zen und ihnen zu helfen.
Wie konn­te sich ein so sozia­les Ver­hal­ten evo­lu­tio­när her­aus­bil­den und sta­bil andau­ern?[1] Hat­te nicht immer der, der zwar ger­ne nimmt, aber nichts zurück gibt, einen Vor­teil? Die Ant­wort liegt auf der Hand. Der- oder die­je­ni­ge wird aus­ge­grenzt, erfährt sozia­len Druck. Soll­te jemand nicht bereit sein zu fai­rem Aus­glei­chen, fin­det sich in allen Kul­tu­ren die Bereit­schaft, den „Betrü­ger“ zu bestra­fen, etwa durch Aus­gren­zung, die mit Klatsch und Tratsch begin­nen kann. Wenn wir uns prü­fen: Haben wir nicht das Bedürf­nis, über irgend­ei­ne Rück­sichts­lo­sig­keit, die uns wider­fah­ren ist, mit jeman­dem zu reden, um unse­rem Ärger Luft zu machen?

1. Spieltheorie

In einem Koope­ra­ti­ons­spiel, das mit Hil­fe des Com­pu­ters in belie­big vie­len Run­den durch­ge­führt wer­den kann, lässt sich der Erfolg von Stra­te­gien simu­lie­ren. Neh­men wir eine Koope­ra­ti­ons­be­zie­hung an, in der zwei Per­so­nen immer wie­der aufs Neue ent­schei­den müs­sen, ob sie bereit sind, eine Gabe oder Leis­tung zu erbrin­gen, noch nicht wis­send, ob der ande­re sich die­ses Mal auch für eine Gabe ent­schie­den hat.

Im Jahr 1979 ver­an­stal­te­te der Poli­to­lo­ge Robert Axel­rod ein berühmt gewor­de­nes Tur­nier, an dem 14 klu­ge Per­so­nen jeweils ein Com­pu­ter­pro­gramm ins Spiel brach­ten[2]. Es gewann das kür­zes­te Pro­gramm mit dem Spitz­na­men „Tit for Tat“, „Wie du mir, so ich dir“. Es stamm­te von einem Psy­cho­lo­gen und Phi­lo­so­phen, Ana­tol Rapo­port, und ist denk­bar sim­pel. Es sagt: Koope­rie­re beim ers­ten Zug, danach tu immer das, was der ande­re tut/im letz­ten Zug getan hat. Es beruht auf weni­gen Prin­zi­pi­en: 1. Betrü­ge nie als ers­ter: begin­ne mit Koope­ra­ti­on und blei­be so lan­ge dabei bis der Geg­ner mogelt. 2. Sei pro­vo­zier­bar: Wenn dein Geg­ner mogelt, bestra­fe ihn. 3. Sei nicht nach­tra­gend: räche dich nur genau ein­mal. Wenn dein Part­ner zur Koope­ra­ti­on zurück­kehrt, tue es auch.

Das Ver­blüf­fen­de am Sieg die­ses Pro­gram­mes ist, dass es im Duell nie gewin­nen kann. Es betrügt den ande­ren ja nicht, es ver­sucht nicht, beson­ders cle­ver zu sein. Es gewinnt dadurch, dass es opti­mal mit ande­ren koope­riert, wäh­rend die ande­ren ver­su­chen, sich gegen­sei­tig aus­zu­trick­sen und sich wäh­rend­des­sen selbst um den Ertrag brin­gen. Der wah­re Ego­ist kooperiert.

Schon hier die The­se: Wir schei­nen als Men­schen bes­tens ein­ge­rich­tet zu sein, um opti­mal zu koope­rie­ren und ori­en­tie­ren uns dabei grob an dem Prin­zip Tit for Tat.

[1] Vgl. grund­le­gend: Robert Tri­vers: The evo­lu­ti­on of reci­pro­cal altru­ism. In: The Quar­ter­ly Review of Bio­lo­gy 46 (1), S. 35–57, 1971.
[2] Ich fol­ge der Dar­stel­lung von Dou­glas R. Hof­stadter: Die Evo­lu­ti­on koope­ra­ti­ven Ver­hal­tens. In: Spek­trum der Wis­sen­schaft 1983 (8), S. 8–14 und Koope­ra­ti­on und Ver­nunft, a.O. 1983 (9) S. 8–12.

Axel­rod ver­an­stal­te­te ein wei­te­res Tur­nier, alle Teil­neh­mer besa­ßen eine genaue Ana­ly­se des ers­ten. Es war auch inzwi­schen klar, dass beim ers­ten Tur­nier ande­re Pro­gram­me hät­ten gewin­nen kön­nen, dar­un­ter das Pro­gramm Tit for two Tats, das also noch nach­sich­ti­ger reagiert. Jeden­falls kamen wie­der aus­ge­klü­gel­te Pro­gram­me her­aus, 62 Pro­gram­me dies­mal, nicht weni­ge davon spe­ku­lier­ten, dass wenn die ande­ren so nett sind, sich dar­aus doch ein Vor­teil müß­te schla­gen las­sen. Sie­ger war – Tit for Tat. Auch Tit for two Tats wur­de in die­ser Kon­kur­renz abge­schla­gen. Denn, wohl­ge­merkt, das gute Abschnei­den hängt immer von den Stra­te­gien der Kon­kur­renz ab.

Axel­rod ging noch wei­ter: er simu­lier­te Evo­lu­ti­on, indem er erfolg­rei­che Pro­gram­me im nächs­ten Durch­lauf ver­mehr­te und erfolg­lo­se aus dem Ren­nen nahm. Es zeig­te sich, dass eini­ge Pro­gram­me, die eine ganz raf­fi­nier­te Aus­beu­ter­tak­tik ver­folg­ten, selbst aus­star­ben, als ihre schwä­che­ren Geg­ner ver­schwun­den waren, durch die sie sich bis dahin sehr erfolg­reich berei­chern konn­ten. Sie zer­stör­ten ihre eige­nen Lebensgrundlagen.

Eine wei­te­re inter­es­san­te Beob­ach­tung: In einer Welt vol­ler Betrü­ger, die also immer mogeln, hat ein ein­zel­ner Koope­ra­ti­ver (im Sin­ne von Tit for Tat) kei­ne Chan­ce. Er kommt den ande­ren immer mit Ver­trau­en ent­ge­gen und ver­liert gegen jeden ein­mal sei­nen Ein­satz. Wenn aber zwei Koope­ra­ti­ve in einer Welt voll Betrü­ger sind, dann gewin­nen die­se von ihrer Koope­ra­ti­on so viel, dass sie sehr schnell sehr erfolg­reich werden.

Koope­ra­ti­ve kön­nen also, wenn sie im Grüpp­chen auf­tre­ten sehr schnell eine Welt vol­ler Betrü­ger unter­wan­dern. Umge­kehrt gelingt dies Betrü­gern nicht:

„Hat sich die Koope­ra­ti­on ein­mal ein­ge­nis­tet, ist sie von Dau­er. ‚Die Zahn­rä­der der sozia­len Evo­lu­ti­on haben‘, so Axel­rod, ‚eine Rück­lauf­sper­re.‘ “[1]

[1] Dou­glas R. Hof­stadter: Die Evo­lu­ti­on koope­ra­ti­ven Ver­hal­tens. In: Spek­trum der Wis­sen­schaft 1983 (8), S. 14.

Um der Rea­li­tät des sozia­len Lebens etwas näher zu kom­men, soll­te man anneh­men, daß nie­mand per­fekt ist, das bedeu­tet, daß auch einem Tit-for-Tat-Spie­ler ein Fehl­tritt unter­lau­fen kann. Koope­riert er mit einem ande­ren Tit-for-Tat-Spie­ler, so hat das eine ver­häng­nis­vol­le Kon­se­quenz. Sie ver­wei­gern von nun an für alle Ewig­keit bei jedem zwei­ten Mal die Koope­ra­ti­on, da ja jeder auf den ande­ren reagiert. Aus die­sem Grund hat eine tole­ran­te­re Vari­an­te von Tit-for-Tat (generous Tit for Tat) auf die Dau­er bes­se­re Kar­ten. „Die­se Schwes­ter von Tit for Tat koope­riert mit fast 100prozentiger Sicher­heit nach einem koope­ra­ti­ven Zug und mit unge­fähr 33prozentiger Wahr­schein­lich­keit nach einem Ver­wei­ge­rungs­akt des Gegen­spie­lers. Sie ver­zeiht also im Durch­schnitt jedes drit­te geg­ne­ri­sche Foul. […] Wer öfter ver­zeiht, kann aus­ge­beu­tet wer­den, wer sel­te­ner ver­zeiht, bestraft sich selbst durch über­trie­be­ne Stren­ge.“[1] „Bemer­kens­wert ist, daß sich nach­sich­ti­ges Tit for Tat aus eige­ner Kraft nie durch­set­zen kann. Es bedarf einer so gna­den­lo­sen Stra­te­gie wie Tit for Tat, um die Wen­de ein­zu­lei­ten und den Boden für die [noch inten­si­ve­re] Zusam­men­ar­beit zu bereiten.“

[1] Mar­tin A. Nowak/Robert M. May/Karl Sig­mund, Das Ein­mal­eins des Mit­ein­an­der, in: Spek­trum der Wis­sen­schaft 8/1995, S. 46–53, S. 51. Hier geht es noch eine Run­de tie­fer in die Ana­ly­se der Strategien.

2. Reziproker Altruismus bei Tieren

Betrach­ten wir nun das Vor­kom­men von rezi­pro­kem Altru­is­mus bei Tieren.

Wir soll­ten „die­se Form von Altru­is­mus beson­ders bei den Arten erwar­ten, bei denen, wie bei uns, indi­vi­du­el­les Erken­nen mög­lich ist und wo es Gele­gen­heit dazu gibt, den altru­is­ti­schen Akt zurück­zu­zah­len“[1], eine grö­ße­re Lebens­dau­er ist also dazu eben­so Vor­aus­set­zung wie län­ge­res Zusammenleben.

Rezi­pro­ken Altru­is­mus gibt es im Tier­reich u.a. bei Vam­pir­fle­der­mäu­sen, bei Walen[2] und bei Primaten.

Bei weib­li­chen Vam­pir­fle­der­mäu­sen ist das Ver­hal­ten seit Jahr­zehn­ten gut erforscht von Gerald S. Wil­kin­son[3], Gerald G. Car­ter[4] u.a.

Vam­pir­fle­der­mäu­se ernäh­ren sich aus­schließ­lich von Blut. Nach 70 Stun­den ohne Blut­ge­nuss ster­ben sie. Es ist immer mög­lich, dass eine Fle­der­maus kei­nen Jagd­er­folg in der Nacht hat, auch wenn die Miss­erfolgs­ra­te mit dem Alter von 30 auf 7% der Näch­te abfällt. Nun erhal­ten die Erfolg­lo­sen aber von Art­ge­nos­sen (im Durch­schnitt von 3,9) etwas Blut. Der Nut­zen ist für sie beträcht­lich, die Kos­ten für die Spen­der aber über­schau­bar. Da die Weib­chen bis zu 18 Jah­re alt wer­den, ist die Zahl der mög­li­chen „altru­is­ti­schen“ Inter­ak­tio­nen enorm. Bezeich­nend ist, dass unter erschwe­ren­den Bedin­gun­gen den ver­wand­ten Fle­der­mäu­se mehr gehol­fen wird (Ver­wandt­schafts­se­lek­ti­on!), wäh­rend die Hil­fe sonst auch Nicht-Ver­wand­ten gewährt wird.[5] Hier wer­den aller­dings die­je­ni­gen bevor­zugt, die selbst schon ein­mal Blut gespen­det haben! Es bedarf bei einem der­art inten­si­ven Aus­tausch von Hil­fe­leis­tun­gen offen­kun­dig kei­ner wei­te­ren „Bestra­fung“ als die grö­ße­re Zurück­hal­tung im Aus­tausch. Dem ent­spricht, dass die Hil­fe­leis­tung etwa zu glei­chen Tei­len von der Emp­fän­ge­rin wie von der Spen­de­rin aus­geht. Auch die Spen­de­rin hat ein Inter­es­se, bei einer Part­ne­rin etwas „gut zu haben“. Klingt plau­si­bel? Und auch menschlich?

[1] John R. Krebs et al.: Öko-Etho­lo­gie, Ber­lin-Ham­burg: Ver­lag Paul Parey 1981, S. 26.
[2] Vgl. Robert Tri­vers: Social Evo­lu­ti­on, Men­lo Park (Cali­for­nia) 1985, S. 382–386. Wale und Del­phi­ne hel­fen sich durch Beglei­tung in gefähr­li­chen Situa­tio­nen, Hil­fe­leis­tung (Schutz, Ver­tei­di­gung, Ret­ten) und Unter­stüt­zung (Hal­ten von Neu­ge­bo­re­nen, Ver­let­zen, Kran­ken an der Was­ser­ober­flä­che). Die Mög­lich­keit zu gegen­sei­ti­ger Hil­fe ergibt sich oft (Ver­tei­di­gung gegen Haie), Wale haben eine lan­ge Lebens­zeit, sie erken­nen sich gegen­sei­tig, wech­seln Unter­grup­pen inner­halb der Her­de; sämt­lich Indi­zi­en für rezi­pro­ken Altruismus.
[3] Vgl. Gerald Wil­kin­son (1984): Reci­pro­cal food sharing in the vam­pi­re bat, in Natu­re 308, S. 181–184. und ders.: in Spek­trum der Wis­sen­schaft 1990/4 S. 100–107.
[4] Vgl. zum Fol­gen­den: Gerald G. Car­ter, Gerald S. Wil­kin­son (2013): Food sharing in vam­pi­re bats: reci­pro­cal help pre­dicts dona­ti­ons more than rela­ted­ness or harass­ment. Proc R Soc B 280: 20122573. http://dx.doi.org/10.1098/rspb.2012.2573, S. 3.
Gerald G. Car­ter, Gerald S. Wil­kin­son (2015): Social bene­fits of non-kin food sharing by fema­le vam­pi­re bats. Proc. R. Soc. B 282: 2015.2524.
[5] Car­ter, Gerald G.; Wil­kin­son, Gerald S.; Page, Rachel A., (2017): Food-sharing vam­pi­re bats are more nepo­tis­tic under con­di­ti­ons of per­cei­ved risk, in: Beha­vio­ral Eco­lo­gy 28/2, S. 565–569.

Für die Pri­man­tenhier zunächst als Bei­spiel den Grü­nen Pavi­an (Papio anu­bis):

„Wenn ein Pavi­an­weib­chen in Östrus kommt, hält sich ein bestimm­tes Männ­chen vor der Paa­rung stän­dig bei ihr auf. Ein Männ­chen, wel­ches kein Weib­chen besitzt, wirbt manch­mal ein zwei­tes (nicht ver­wand­tes) Männ­chen zur Hil­fe an. Die­ses ange­stif­te­te Männ­chen ver­wi­ckelt den Besit­zer des Weib­chens in einen Kampf, und wäh­rend der Kampf tobt, ver­schwin­det das Männ­chen, wel­ches den Hel­fer anwarb, mit dem Weib­chen. PACKER konn­te zei­gen, daß die Männ­chen, wel­che die meis­te Hil­fe leis­te­ten, auch am meis­ten Hil­fe emp­fin­gen, und daß eine Erwi­de­rung der Hil­fe auf­trat.“[1]

Aber auch bei Schim­pan­sen wur­de rezi­pro­ker Altru­is­mus beob­ach­tet: „Gibt Puist Lecker­bis­sen an Luit ab, teilt spä­ter auch Luit mit Puist. Aller­dings muß die Rück­zah­lung nicht in glei­cher Wäh­rung erfol­gen. Wenn Puist mor­gens das Fell von Luit pflegt, teilt der eben­falls mit grö­ße­rer Wahr­schein­lich­keit am Nach­mit­tag sein Zucker­rohr mit ihr.“ Nach de Waal sorgt eine geis­ti­ge Buch­hal­tung dafür, daß nicht ein­sei­tig Vor­tei­le ange­häuft wer­den: „Hat Puist mor­gens bereits das Fell von Luit gepflegt, ist es wenig wahr­schein­lich, daß er am Nach­mit­tag auch noch Essen abbe­kommt.“[2]

[1] Krebs, a.O. S.26 unter Ver­weis auf C. Packer (1977): Reci­pro­cal altru­ism in Papio anu­bis, in Natu­re 265, S. 441–443.
[2] GEO-WISSEN 1992/3 (Intel­li­genz + Bewußt­sein) S.116. Nach de Waal (Wil­de Diplo­ma­ten, Mün­chen 1991, S. 54) koope­rie­ren Schim­pan­sen­män­ner mehr auf der Basis „Wie du mir, so ich dir.“ „Im Gegen­satz dazu grün­den Schim­pan­sen­frau­en ihre Koope­ra­ti­on auf Ver­wandt­schaft und per­sön­li­che Präferenzen.“

3. Reziproker Altruismus beim Menschen

Sind auch wir Men­schen rezi­pro­ke Altru­is­ten? Die theo­re­ti­schen Vor­aus­set­zun­gen wären gege­ben: lan­ge Lebens­zeit, rela­tiv kon­stan­te Bezugs­per­so­nen (jeden­falls unter der hier maß­geb­li­chen Bedin­gung der Samm­le­rin­nen-Jäger-Exis­tenz), eine Viel­zahl von denk­ba­ren Hil­fe­leis­tun­gen und Aus­tausch­mög­lich­kei­ten, die kogni­ti­ven Fähig­kei­ten einer „Buch­füh­rung“.

Fin­det sich tat­säch­lich in allen mensch­li­chen Kul­tu­ren ein der­ar­ti­ger Aus­tausch, der dadurch cha­rak­te­ri­siert ist, dass ein Part­ner, eine Part­ne­rin in Vor­leis­tung geht, aber irgend­wie sicher­ge­stellt ist, dass dies nicht zum Nach­teil gerät?

Der ethnologische Befund

Mar­cel Mauss  (1872–1950), eine „füh­ren­de Gestalt in der fran­zö­si­schen Sozio­lo­gie“ sei­ner Zeit (Evans-Prit­chard) ver­öf­fent­lich­te 1923/24 sein inzwi­schen klas­si­sches Werk „Die Gabe“ (Essai sur le don). Der deut­sche Unter­ti­tel lau­tet: Form und Funk­ti­on des Aus­tauschs in archai­schen Gesellschaften[1].

Mauss – der für die „eth­no­lo­gi­sche Wen­de“ der Sozio­lo­gie steht – erör­tert ins­be­son­de­re die Bräu­che der Völ­ker und Stäm­me in Poly­ne­si­en, Mela­ne­si­en und Nord­west­ame­ri­ka, die exzes­si­ve und teil­wei­se gera­de­zu bizar­re Insti­tu­tio­nen des Schen­kens und Gebens wie den Pot­latsch praktizier(t)en. Im Kern aber erkennt er drei Ver­pflich­tun­gen: Geben, Neh­men und Erwi­dern. Oft pro­fi­tie­ren die Part­ner hand­fest von den Gaben, oft erscheint es mehr als ein Spiel, das zu Fes­ti­gung der gegen­sei­ti­gen Bezie­hun­gen zele­briert wird, oft geht es um eine Kon­kur­renz um Ehre, die mit der Gabe ver­bun­den ist. Gaben wer­den über die Häupt­lin­gen aus­ge­tauscht zwi­schen Stäm­men, aber auch inner­halb der Stäm­me zwi­schen Häupt­ling und Stam­mes­mit­glie­dern wie auch zwi­schen die­sen selbst:

man lädt die Leu­te sei­nes Clans ein, wenn man eine Rob­be erlegt hat oder eine Kis­te mit ein­ge­mach­ten Bee­ren oder Wur­zeln öff­net, man lädt alle Leu­te ein, wenn ein Wal gestran­det ist. (S.80)

Eth­no­lo­gen sind in der Regel so sehr an der genau­en Beschrei­bung und dem Ver­ständ­nis einer Kul­tur inter­es­siert, dass sie sehr kri­tisch und skep­tisch gegen­über der Annah­me sind, es gebe Uni­ver­sa­li­en, das heißt Bräu­che, Intui­tio­nen etc., die allen Kul­tu­ren (mehr oder weni­ger) gemein­sam sind. Mar­cel Mauss aber war der Über­zeu­gung, im Gaben­tausch ein Phä­no­men aus­ge­macht zu haben, das eine Pha­se in der Mensch­heits­ge­schich­te geprägt hat und immer noch in uns wirk­sam ist, wenn auch die­ses kom­ple­xe mora­lisch-sozia­le-öko­no­mi­sche-reli­giö­se Sys­tem nun durch die Geld­wirt­schaft dras­tisch abge­ma­gert wur­de. Um die Uni­ver­sa­li­tät zu zei­gen, erör­tert Mauss auch das alte römi­sche Recht, das klas­si­sche Hin­du-Recht und das ger­ma­ni­sche Recht.

Über­all fin­det er die Ver­pflich­tung zur Gabe, zur Annah­me der Gabe und zur Gegen­ga­be (mit inter­es­san­ten Ausnahmen).

Es wäre nahe­lie­gend, die­se Ver­pflich­tung sozu­sa­gen als Ent­zer­rung eines unmit­tel­ba­ren Tauschs zu betrach­ten: Ich gebe dir schon mal die­ses, du gibst mir dann spä­ter jenes. Aber eben dem wider­spricht Mauss:

Viel­mehr haben sich einer­seits der Tausch­han­del – ver­ein­facht durch die Zusam­men­zie­hung ehe­mals aus­ein­an­der lie­gen­der Zeit­ab­schnit­te – und ande­rer­seits der Kauf und Ver­kauf (letz­te­rer als Bar- und Kre­dit­ver­kauf) sowie auch das Dar­le­hen aus dem Sys­tem der Gaben und Gegen­ga­ben ent­wi­ckelt. Denn nichts beweist, daß in irgend­ei­ner der Wirt­schafts­ord­nun­gen, wel­che die Pha­se, die wir beschrei­ben, über­wun­den haben […] der Kre­dit unbe­kannt gewe­sen wäre, den sämt­li­che archai­schen Gesell­schaf­ten, die uns heu­te noch umge­ben, ken­nen. (S. 84)

Die­ser Befund von Mauss bezüg­lich des Sys­tems von Gabe und Gegen­ga­be in mensch­li­chen Kul­tu­ren ent­spricht sehr genau dem, was wir bereits bei eini­gen Tier­ar­ten kon­sta­tie­ren konn­ten: der evo­lu­tio­nä­re Vor­teil ent­springt ja gera­de der zeit­li­chen Ent­zer­rung: jetzt braucht (nur) die eine Vam­pir­fle­der­maus Nah­rung, spä­ter viel­leicht dann die ande­re, jetzt hat die­ser (mensch­li­che) Jäger eine Beu­te, spä­ter sicher ein anderer.

Und eben­so beruht die Erfolgs­stra­te­gie von Tit for Tat auf einer initia­len Gabe, einem anfäng­li­chen Ver­trau­en und gutem Willen.

Auch gan­ze Stäm­me kön­nen einen sol­chen Gaben­tausch prak­ti­zie­ren. Neben dem berühm­ten Kula-Tausch­ring, prak­ti­zie­ren Trobriander

einen gere­gel­ten, obli­ga­to­ri­schen Aus­tausch zwi­schen Part­nern von acker­bau­en­den Stäm­men einer­seits und Küs­ten­stäm­men ande­rer­seits. Der acker­bau­en­de Part­ner legt sei­ne Pro­duk­te vor das Haus sei­nes fischen­den Ver­bün­de­ten. Die­ser wird bei nächs­ter Gele­gen­heit, nach einem grö­ße­ren Fisch­fang, dem acker­bau­en­den Dorf mit Zin­sen zurück­zah­len. (S. 70)

Mauss weist dar­auf hin, dass die Fischer sich so an die­sen Tauschri­tu­al gebun­den füh­len, dass sie ihn fort­füh­ren, obwohl sie auf den Fisch­fang ange­sichts des inzwi­schen lukra­ti­ve­ren Per­len­fi­schens ver­zich­ten könnten.

[1] Mar­cel Mauss: Die Gabe, suhr­kamp taschen­buch wis­sen­schaft 743, Frank­furt 1990, die fol­gen­den Sei­ten­an­ga­ben bezie­hen sich auf die­se Ausgabe.

Psychologie des Gebens und Nehmens

Wenn wir Men­schen rezi­pro­ke Altru­is­ten (oder rezi­pro­ke Ego­is­ten!) sind, dann soll­te sich dies auch heu­te noch in unse­rer Psy­che wider­spie­geln, so sehr wir  uns auch in einem ratio­na­len öko­no­mi­schen Sys­tem bewe­gen und durch die­ses geprägt wer­den. Die­ses sagt uns sehr deutlich:

  1. Lass dich nicht ausnutzen!

Aber dies ist kein Wider­spruch zum rezi­pro­ken Altru­is­mus, ja die­ser „kann sich nur ent­wi­ckeln, wenn es eine Unter­schei­dungs­mög­lich­keit gegen ‚betrü­gen­de‘ Indi­vi­du­en gibt, die Hil­fe anneh­men, es aber ableh­nen, die­se zurück­zu­zah­len.“[1] Und tat­säch­lich wer­de ich jeman­dem, der ver­sucht mich aus­zu­nut­zen, künf­tig aus dem Wege gehen und auch aus­drück­lich mei­ne Hil­fe ver­wei­gern. Von Fäl­len, in denen ich von einer ande­ren Per­son abhän­gig bin oder die hart­nä­cki­ge Hoff­nung habe, von ihr doch noch zu pro­fi­tie­ren, sehe ich hier ab. Der Zwerg im Mär­chen von Schnee­weiß­chen und Rosen­rot, der den Kin­dern ihre Hil­fe nicht ver­gilt, obwohl er Gold, Per­len und Edel­stei­ne hat, erhält sei­ne „wohl­ver­dien­te Strafe“.

Es geht aber nicht nur dar­um, einen Betrü­ger zu erken­nen, son­dern auch dar­um, selbst nicht als Betrü­ger zu erschei­nen, son­dern als hilfs­be­rei­te Person:

  1. Hüte dich davor, als Ego­ist zu erschei­nen! Sei hilfsbereit!

Wir sind hilfs­be­rei­ter als wir mei­nen. So kommt es dazu, dass wir lie­ber Hil­fe geben als um Hil­fe bit­ten. Hil­fe­su­chen­de schei­nen näm­lich 1. das Aus­maß der Stö­rung durch ihre Bit­te zu über­schät­zen, 2. die Kom­pe­tenz, die ihnen vom Hel­fer zuge­schrie­ben wird, zu unter­schät­zen, 3. die Sym­pa­thie des Hel­fen­den ihnen gegen­über zu unter­schät­zen, 4. das Maß des Ver­pflich­tetseins zu über­schät­zen 5. den Spaß, den die Auf­ga­be dem Hel­fer macht, zu unter­schät­zen[2]. Mit ande­ren Wor­ten: Das Pro­blem ist nicht, dass wir in der per­sön­li­chen Begeg­nung mit Men­schen sofort nach unse­rem Vor­teil trach­ten wür­den, viel­mehr knüp­fen wir eine Bezie­hung lie­ber als Geben­de, denn als Erhal­ten­de. Wenn wir trotz­dem eine Bit­te ableh­nen, ent­steht offen­bar ein Schuld­ge­fühl, so dass wir eine redu­zier­te Bit­te dann umso eher erfüllen.

  1. Lass dich nicht verpflichten!

Der Emp­fan­gen­de stellt sich selbst infra­ge, wenn er Hil­fe oder Geschen­ke emp­fängt. Er wird des­halb mit Abnei­gung reagie­ren, wenn er das Gefühl hat, durch das Erhal­ten von Geschen­ken ver­pflich­tet zu wer­den[3]; er wird sich auch ver­ge­wis­sern, dass dem ande­ren z.B. eine Hil­fe­leis­tung „auch nicht zu viel ist“, z.T. wohl auch, damit er damit kei­ne Gegen­for­de­rung begrün­den kann. Wer­be­ge­schen­ke dür­fen nicht zu groß sein, um nicht auf Befrem­den und Abnei­gung zu stoßen.

Und doch hat das Spiel des Schen­kens nie auf­ge­hört und das Anneh­men von Geschen­ken ist in Bezie­hun­gen gera­de­zu gebo­ten. So muss der Geber, will er sich nicht unbe­liebt machen, Sor­ge tra­gen, dass er nicht als auf­dring­lich, über­heb­lich, Ver­pflich­tun­gen schaf­fend emp­fun­den wird. Also gilt der Imperativ:

  1. Ver­pflich­te den ande­ren nicht im Übermaß!

Ein Yano­ma­mi sagt z.B., wenn er einen Hund ver­schenkt: „So nimm die­sen mage­ren Hund… er taugt nicht viel.“[4] Wir sagen häu­fig: „Nicht der Rede wert!“ Wer­be­ge­schen­ke dür­fen nicht zu offen­sicht­lich den Zweck zei­gen, uns zum Kauf oder Ver­trags­ab­schluss zu bewe­gen, zu ver­pflich­ten. Wir reagie­ren sonst mit Abwehr, viel­leicht Empörung.

[1] Krebs et al., a.O. S. 26.
[2] Udo Engler/Ottmar L. Braun: Hil­fe­su­chen und hel­fer­be­zo­ge­ne Gedan­ken, in: Hans Wer­ner Bierhoff/Leo Mon­ta­da: Altru­is­mus, Göt­tin­gen 1988, S.258. Dabei spielt Furcht vor sozia­ler Bewer­tung eine gro­ße Rol­le. Der Hil­fe­su­chen­de macht sich in hohem Aus­maß Gedan­ken über den poten­ti­el­ler Hel­fer (59%), weni­ger über die eige­ne Per­son (22%), a.O. S. 256.
[3] Vgl. die Unter­su­chun­gen über das nega­ti­ve­re Bild, das der Hil­fe­emp­fän­ger vom Hel­fen­den zeich­net, wenn kei­ne Mög­lich­keit zur Rezi­pro­zi­tät (auch gegen­über einem Drit­ten!) besteht. Auch die Nei­gung, eine Bit­te zu äußern, sinkt in die­sem Fall. Offen­bar liegt eine Bedro­hung des Selbst­wert­ge­fühls vor. Hans Wer­ner Bier­hoff: Ver­ant­wor­tungs­zu­schrei­bung und Hilfs­be­reit­schaft, in: Bierhoff/Montada, a.O. S. 233. Unter äußerst schwie­ri­gen Lebens­be­din­gun­gen kann die Ver­pflich­tung ande­rer eine Überlebens­strategie wer­den: So ver­such­te bei den Ik nach dem Bericht von Colin M. Turn­bull (Das Volk ohne Lie­be, Rein­bek 1973, S. 119f) jeder jeden in Dan­kes­schuld zu brin­gen, auch wenn der Hil­fe­emp­fän­ger oft vehe­ment gegen die Hil­fe­leis­tung pro­tes­tier­te.  Die­ses Ver­hal­ten war offen­bar durch die aku­te Not jener Zeit mitbedingt.
[4] Ire­nä­us Eibl-Eibes­feldt: Die Bio­lo­gie des mensch­li­chen Ver­hal­tens, 3. Aufl. 1995, S. 495. Bei den Tro­bri­n­and-Insu­la­nern wer­den im Rah­men des Kula-Rings auch ech­te Geschen­ke „über­reicht“, die zwar fei­er­lich her­bei­getra­gen wer­den, dann aber mit der Ent­schul­di­gung, dass man nur Res­te gibt, dem Part­ner vor die Füße gewor­fen wer­den. Oder man über­reicht eine Hals­ket­te mit den Wor­ten: „Hier der Rest mei­ner Nah­rung von heu­te, nimm ihn“ (nach Eibl-Eibes­feldt 1995, S. 500). Dadurch wird natür­lich auch abge­si­chert, dass die Gabe ange­nom­men wird und damit doch eine gewis­se Ver­pflich­tung über­nom­men wird.