Wie steht es um die natür­li­che Gewalt­be­reit­schaft des Men­schen? Die Fra­ge ist schwer zu beant­wor­ten, weil die Häu­fig­keit, das Aus­maß und die For­men der Gewalt offen­kun­dig stark kul­tu­rell bedingt sind.

Ste­ven Pin­ker hat ein monu­men­ta­les Werk zur Kul­tur­ge­schich­te der Gewalt geschrieben[1]. Er lie­fert akri­bisch Bele­ge für eine kul­tu­rell beding­te Abnah­me von Grau­sam­keit, Krieg und Gewalt. Pin­ker weiß, wie sehr er damit der vor­herr­schen­den Intui­ti­on wider­spricht; so beeilt er sich gleich drei Ein­schrän­kun­gen zu machen: »Natür­lich war es kein ste­ti­ger Rück­gang; die Gewalt ist nicht auf Null zurück­ge­gan­gen; und es gibt kei­ne Garan­tie, dass es so weitergeht.«
Vor allem die drit­te Ein­schrän­kung ist wich­tig. Denn, wenn man auch bis­lang noch nicht von Kli­ma­krie­gen spre­chen kann, so ist doch erkenn­bar, dass sich Kon­flik­te um Was­ser und ande­re Res­sour­cen wei­ter zuspit­zen. Jared Dia­mond hat in sei­nem Buch »Kollaps«[2] in einer über­ra­schen­den Ana­ly­se zu zei­gen ver­sucht, dass schon das Mor­den in Ruan­da durch Über­be­völ­ke­rung und den Kampf um Res­sour­cen mit befeu­ert wurde.

So gut begrün­det Pin­kers sta­tis­ti­sche Nach­zeich­nun­gen über die Jahr­hun­der­te sind, so ver­fehlt könn­te die anthro­po­lo­gi­sche Deu­tung sein, die er ver­mit­telt. Bei Pin­ker erscheint die Kul­tur als Weg aus der Gewalt. Der von Natur aus gewalt­tä­ti­ge Mensch wird durch die Kul­tur zuneh­mend zivi­li­siert. Pin­ker ver­län­gert näm­lich die höhe­re Gewalt­ra­te der Ver­gan­gen­heit in die Zeit vor der Sess­haft­wer­dung des Men­schen hin­ein. Er stützt sich dabei auf die The­se, dass Jäger-Samm­ler-Kul­tu­ren ten­den­zi­ell in krie­ge­ri­sche Kon­flik­te mit Nach­barn ver­wi­ckelt sind.

Dage­gen spre­chen eini­ge grund­sätz­li­che Gege­ben­hei­ten bzw. Erwägungen[3]:

- Samm­le­rin­nen-Jäger-Grup­pen besit­zen kein fes­tes Ter­ri­to­ri­um, das sie ver­tei­di­gen könn­ten und müss­ten, was nicht aus­schließt, dass es zu Strei­tig­kei­ten an den Rän­dern oder bei Begeg­nun­gen kom­men kann.

- Samm­le­rin­nen-Jäger-Grup­pen haben Ver­wandt­schafts­be­zie­hun­gen zu den benach­bar­ten Grup­pen, zu denen es auch Fluk­tua­ti­on gibt. Das wirkt krie­ge­ri­schen Kon­flik­ten entgegen.

- Da Samm­le­rin­nen-Jäger-Grup­pen ega­li­tär sind, hat nie­mand die Auto­ri­tät, ande­re zum Kampf zu nötigen.

- Es gibt kei­ne Vor­rä­te, Her­den oder Schät­ze, die zu ver­tei­di­gen wären oder zu einem Kampf moti­vie­ren würden.

- Denk­bar wäre, dass Frau­en als Raub­gut betrach­tet wer­den könn­ten, doch zei­gen die Zah­len, die Fry und Söder­berg erho­ben haben, dass es in der Regel nur Gewalt­tä­tig­kei­ten und Mor­de wegen einer Frau gibt, aber kei­ne gemein­schaft­li­chen Überfälle.

Fry und Söder­berg haben die zuver­läs­si­gen Berich­te aus 21 „mobi­le fora­ger band socie­ties“ (MFBS) zusammengetragen[3] und alle in ihnen doku­men­tier­ten 148 Fäl­le von Mord bzw. Tötung betrach­tet. Danach domi­nie­ren inter­per­so­na­le Tötungs­fäl­le mit 50% (Rache an einem Mör­der, Streit wegen einer Frau, Mann tötet Ehe­frau, diver­se Streit­fäl­le) über die Fäl­le von Aggres­si­on zwi­schen Grup­pen mit 33,8% (obwohl man dies­be­züg­lich mehr Todes­fäl­le pro Ereig­nis anneh­men soll­te). Hier domi­nie­ren diver­se Strei­tig­kei­ten und Rache­feh­den zwi­schen Clans.

Harald Mel­ler, der mit Micha­el Schefz­ik den volu­mi­nö­sen Begleit­band zu einer Son­der­aus­stel­lung in Hal­le zum The­ma (und mit dem Titel) Krieg, her­aus­ge­ge­ben hat, fasst die For­schun­gen so zusammen:

„Für die Fra­ge nach dem Ursprung des Krie­ges müs­sen wir also noch­mals in das Paläo­li­thi­kum und Meso­li­thi­kum zurück­bli­cken. Auf­grund der gerin­gen Bevöl­ke­rungs­dich­te, des rei­chen Res­sour­cen­an­ge­bo­tes, des sel­te­ne­ren Auf­ein­an­der­tref­fens unter­schied­li­cher Grup­pen sowie feh­len­der Besitz- und Lage­rungs­ver­hält­nis­se, vor allem aber auch auf­grund der feh­len­den archäo­lo­gi­schen Nach­wei­se kön­nen wir zum jet­zi­gen Zeit­punkt Krieg aus­schlie­ßen. Wie archäo­lo­gisch belegt, exis­tier­ten aber wäh­rend des gesam­ten Paläo­li­thi­kums durch­aus Mord und Tot­schlag zwi­schen ein­zel­nen Indi­vi­du­en, ohne dass dabei ein Krieg aus­brach – genau­so wie wir dies bei moder­nen Wild­beu­tern, die heu­te unter wesent­lich ungüns­ti­ge­ren Umstän­den leben, beob­ach­ten …“[4]

Pin­kers Dar­stel­lung der paläo­li­thi­schen Gewalt vor der Sess­haft­wer­dung des Men­schen mit Acker­bau und Vieh­zucht wird auch von Rut­ger Breg­man kri­ti­siert. Erst mit der Sess­haft­wer­dung (begin­nend vor 12000 Jah­ren) konn­ten Ein­zel­ne Res­sour­cen anhäu­fen, die­se ver­tei­di­gen und zur Domi­nanz über ande­re nut­zen. Das Neo­li­thi­kum hät­te als zwei­schnei­di­ge kul­tu­rel­le „Errun­gen­schaft“ uns also für Krie­ge aller­erst anfäl­lig gemacht und uns nei­di­scher und gewalt­sa­mer wer­den bzw. erschei­nen las­sen als wir „von Natur aus“ sind. Sodann hät­te ein Jahr­hun­der­te wäh­ren­der Pro­zess die schlimms­ten Aus­wüch­se wie­der eingedämmt.[5]

Dies ist natür­lich nur eine sehr gro­be ers­te Annä­he­rung an das The­ma der mensch­li­chen Gewalt.

Hier refe­rie­re ich eine neue Stu­die über Gewalt bei Noma­den in Kenia bzw. im Süd­su­dan und die Post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­run­gen infol­ge der Kämpfe.

[1] Pin­ker, Ste­ven: Gewalt. Eine neue Geschich­te der Mensch­heit, Frank­furt am Main 2011.

[2] Dia­mond, Jared: Kol­laps. War­um Gesell­schaf­ten über­le­ben oder unter­ge­hen, Frank­furt am Main 2005.

[3] Fry, Dou­glas P.; Söder­berg, Patrik: Let­hal aggres­si­on in mobi­le fora­ger bands and impli­ca­ti­ons for the ori­gins of war, in: Sci­ence (New York, N.Y.) 341/6143, 2013, S. 270–273, doi:10.1126/science.1235675.

[4] Mel­ler, Harald; Scheffz­ik, Micha­el (Hrsg.): Krieg. Eine archäo­lo­gi­sche Spu­ren­su­che. Begleit­band zur Son­der­aus­stel­lung im Lan­des­mu­se­um für Vor­ge­schich­te Hal­le (Saa­le), Hal­le (Saa­le) 2015, S.23.

[5] Breg­man, Rut­ger: Im Grun­de gut. Eine neue Geschich­te der Mensch­heit, Ham­burg 2020, beson­ders S.96–116.

Kain und Abel, Sze­ne am Por­tal der Kathe­dra­le in Thann