Gegen­wär­tig scho­ckie­ren uns die Berich­te und Bil­der von bru­ta­ler Gewalt. Dass Wohn­häu­ser bom­bar­diert wer­den, lässt sich nicht ver­ste­hen ohne die Annah­me, dass die­se Bom­bar­de­ments und Rake­ten­be­schüs­se von ganz oben ange­ord­net sind.

Fast noch mehr – wenn das gin­ge – scho­ckiert uns, dass rus­si­sche Sol­da­ten (oder Söld­ner) gezielt Zivi­lis­ten in gro­ßer Zahl ermorden.

Wie ist solche Grausamkeit möglich?

Viel­leicht sind unter den Sol­da­ten psy­chisch gestör­te Sadis­ten, aber das kann zur Erklä­rung nicht aus­rei­chen. Es gibt offen­bar die Tak­tik »Wir müs­sen grau­sam sein, sonst errei­chen wir nichts« wie ein 21-jäh­ri­ger Vete­ran des Tsche­tsche­ni­en-Kriegs einer Repor­te­rin der L.A. Times damals sag­te. Die Los Ange­les Times sprach mit rus­si­schen Kriegs­heim­keh­rern. Alle berie­fen sich auf eine Kul­tur der abso­lu­ten Straf­lo­sig­keit inner­halb der Streit­kräf­te und ein Sol­da­ten­bild, bei dem Grau­sam­keit zum Hel­den­sta­tus gehört. (So refe­riert es der ZEIT-Haupt­ar­ti­kel von Andrea Böhm und Sami­ha Shafy, ZEIT 15/2022: Die Ent­de­ckung der Grau­sam­keit.) Die­se Ver­bin­dung von Grau­sam­keit und Kal­kül bzw. Hel­den­sta­tus dürf­te die Sol­da­ten nicht vor post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­run­gen bewah­ren wie sie US-Sol­da­ten eben­so wie krie­ge­ri­sche Noma­den zei­gen bzw. erleiden.

Die noch uner­fah­re­nen Sol­da­ten wer­den auch nicht mit den Grau­sam­kei­ten vor­an­ge­hen, sie haben, wie vie­le Befun­de zei­gen, sehr wohl eine Hem­mung, auf Men­schen zu schie­ßen. Des­halb ist die Aus­bil­dung bestrebt, die­se Hem­mung abzu­trai­nie­ren, indem nicht auf Ziel­schei­ben, son­dern auf mög­lichst lebens­echt wir­ken­de Attrap­pen geschos­sen wer­den muss. Vor allem aber wird alles ver­sucht, um die „Ande­ren“ als „Unter­men­schen, Unge­zie­fer, Leu­te, die die Welt ver­nich­ten wol­len“ dar­zu­stel­len, wie der Trau­ma­for­scher Tho­mas Elbert erklärt (Süd­deut­sche Zei­tung vom 9.4.2022). „Die rus­si­sche Füh­rung sagt, dass die Ukrai­ne an einem Geschwür aus Nazis erstickt, das man zer­schla­gen muss. Dadurch füh­len sich die Sol­da­ten mora­lisch sogar in der Pflicht zu töten.“ Elbert nimmt an: „Um sol­che Gewalt in eine Stadt zu tra­gen, rekru­tiert die rus­si­sche Füh­rung Kämp­fer aus dem Tsche­tsche­ni­en­krieg oder sol­che, die schon in Syri­en im Ein­satz waren. Bei denen ist die Hemm­schwel­le schon längst weg.“

Wie steht es um die natürliche Gewaltbereitschaft des Menschen? 

Die Fra­ge ist schwer zu beant­wor­ten, weil die Häu­fig­keit, das Aus­maß und die For­men der Gewalt wie wir sehen stark kul­tu­rell und auch situa­tiv bedingt sind.

Ste­ven Pin­ker hat ein monu­men­ta­les Werk zur Kul­tur­ge­schich­te der Gewalt geschrieben[1]. Er lie­fert akri­bisch Bele­ge für eine kul­tu­rell beding­te Abnah­me von Grau­sam­keit, Krieg und Gewalt. Pin­ker weiß, wie sehr er damit der vor­herr­schen­den Intui­ti­on wider­spricht; so beeilt er sich gleich drei Ein­schrän­kun­gen zu machen: »Natür­lich war es kein ste­ti­ger Rück­gang; die Gewalt ist nicht auf Null zurück­ge­gan­gen; und es gibt kei­ne Garan­tie, dass es so weitergeht.«
Vor allem die drit­te Ein­schrän­kung ist wich­tig. Denn, wenn man auch bis­lang noch nicht von Kli­ma­krie­gen spre­chen kann, so ist doch erkenn­bar, dass sich Kon­flik­te um Was­ser und ande­re Res­sour­cen wei­ter zuspit­zen. Jared Dia­mond hat in sei­nem Buch »Kollaps«[2] in einer über­ra­schen­den Ana­ly­se zu zei­gen ver­sucht, dass schon das Mor­den in Ruan­da durch Über­be­völ­ke­rung und den Kampf um Res­sour­cen mit befeu­ert wurde.

So gut begrün­det Pin­kers sta­tis­ti­sche Nach­zeich­nun­gen über die Jahr­hun­der­te sind, so ver­fehlt könn­te die anthro­po­lo­gi­sche Deu­tung sein, die er ver­mit­telt. Bei Pin­ker erscheint die Kul­tur als Weg aus der Gewalt. Der von Natur aus gewalt­tä­ti­ge Mensch wird durch die Kul­tur zuneh­mend zivi­li­siert. Pin­ker ver­län­gert näm­lich die höhe­re Gewalt­ra­te der Ver­gan­gen­heit in die Zeit vor der Sess­haft­wer­dung des Men­schen hin­ein. Er stützt sich dabei auf die The­se, dass Jäger-Samm­ler-Kul­tu­ren ten­den­zi­ell in krie­ge­ri­sche Kon­flik­te mit Nach­barn ver­wi­ckelt seien.

Kain und Abel, Sze­ne am Por­tal der Kathe­dra­le in Thann

Was wissen wir über die Gewalt in Sammlerinnen-Jäger-Kulturen?[3]

Das ist des­halb eine inter­es­san­te und wich­ti­ge Fra­ge, weil aus evo­lu­ti­ons­psy­cho­lo­gi­scher Sicht die­se Lebens­form uns über lan­ge Zeit hin­weg geprägt hat und noch prägt.

- Über die längs­te Zeit der Aus­brei­tung von Homo sapi­ens besa­ßen die Samm­le­rin­nen-Jäger-Grup­pen kein fes­tes Ter­ri­to­ri­um, das sie hät­ten ver­tei­di­gen kön­nen oder müs­sen, was nicht aus­schließt, dass es zu Strei­tig­kei­ten bei Begeg­nun­gen kom­men konnte.

- Samm­le­rin­nen-Jäger-Grup­pen haben Ver­wandt­schafts­be­zie­hun­gen zu den benach­bar­ten Grup­pen, zu denen es auch Fluk­tua­ti­on gibt. Das wirkt krie­ge­ri­schen Kon­flik­ten entgegen.

- Da Samm­le­rin­nen-Jäger-Grup­pen ega­li­tär sind, hat nie­mand die Auto­ri­tät, ande­re zum Kampf zu nötigen.

- Es gibt kei­ne Vor­rä­te, Her­den oder Schät­ze, die zu ver­tei­di­gen wären oder zu einem Kampf moti­vie­ren würden.

- Denk­bar wäre, dass Frau­en als Raub­gut betrach­tet wer­den konn­ten, doch zei­gen die Zah­len, die Fry und Söder­berg erho­ben haben, dass es in der Regel nur Gewalt­tä­tig­kei­ten und Mor­de wegen einer Frau gibt, aber kei­ne gemein­schaft­li­chen Überfälle.

Fry und Söder­berg haben die zuver­läs­si­gen Berich­te aus 21 „mobi­le fora­ger band socie­ties“ (MFBS) zusammengetragen[3] und alle in ihnen doku­men­tier­ten 148 Fäl­le von Mord bzw. Tötung betrach­tet. Danach domi­nie­ren inter­per­so­na­le Tötungs­fäl­le mit 50% (Rache an einem Mör­der, Streit wegen einer Frau, Mann tötet Ehe­frau, diver­se Streit­fäl­le) über die Fäl­le von Aggres­si­on zwi­schen Grup­pen mit 33,8% (obwohl man dies­be­züg­lich mehr Todes­fäl­le pro Ereig­nis anneh­men soll­te). Hier domi­nie­ren diver­se Strei­tig­kei­ten und Rache­feh­den zwi­schen Clans.

Harald Mel­ler, der mit Micha­el Schefz­ik den volu­mi­nö­sen Begleit­band zu einer Son­der­aus­stel­lung in Hal­le zum The­ma (und mit dem Titel) Krieg, her­aus­ge­ge­ben hat, fasst die For­schun­gen so zusammen:

„Für die Fra­ge nach dem Ursprung des Krie­ges müs­sen wir also noch­mals in das Paläo­li­thi­kum und Meso­li­thi­kum zurück­bli­cken. Auf­grund der gerin­gen Bevöl­ke­rungs­dich­te, des rei­chen Res­sour­cen­an­ge­bo­tes, des sel­te­ne­ren Auf­ein­an­der­tref­fens unter­schied­li­cher Grup­pen sowie feh­len­der Besitz- und Lage­rungs­ver­hält­nis­se, vor allem aber auch auf­grund der feh­len­den archäo­lo­gi­schen Nach­wei­se kön­nen wir zum jet­zi­gen Zeit­punkt Krieg aus­schlie­ßen. Wie archäo­lo­gisch belegt, exis­tier­ten aber wäh­rend des gesam­ten Paläo­li­thi­kums durch­aus Mord und Tot­schlag zwi­schen ein­zel­nen Indi­vi­du­en, ohne dass dabei ein Krieg aus­brach – genau­so wie wir dies bei moder­nen Wild­beu­tern, die heu­te unter wesent­lich ungüns­ti­ge­ren Umstän­den leben, beob­ach­ten …“[4]

Pin­kers Dar­stel­lung der paläo­li­thi­schen Gewalt vor der Sess­haft­wer­dung des Men­schen mit Acker­bau und Vieh­zucht wird auch von Rut­ger Breg­man kri­ti­siert. Erst mit der Sess­haft­wer­dung (begin­nend vor 12000 Jah­ren) konn­ten Ein­zel­ne Res­sour­cen anhäu­fen, die­se ver­tei­di­gen und zur Domi­nanz über ande­re nut­zen. Das Neo­li­thi­kum hät­te als zwei­schnei­di­ge kul­tu­rel­le „Errun­gen­schaft“ uns also für Krie­ge aller­erst anfäl­lig gemacht und uns nei­di­scher und gewalt­sa­mer wer­den bzw. erschei­nen las­sen als wir „von Natur aus“ sind. Sodann hät­te ein Jahr­hun­der­te wäh­ren­der Pro­zess die schlimms­ten Aus­wüch­se wie­der eingedämmt.[5]

Aller­dings darf man sich die Ent­wick­lun­gen, die von der Sess­haf­tig­keit mit Land­wirt­schaft aus­ge­hen, nicht zu zwangs­läu­fig und schon gar nicht schnell vor­stel­len. Nach den aktu­el­len Berech­nun­gen von Peter Tur­chin et al.[6] dau­er­te es durch­schnitt­lich zwei Jahr­tau­sen­de bis sich gro­ße Staa­ten ent­wi­ckel­ten. Die Autoren kon­sta­tie­ren eine nahe­zu linea­re Kor­re­la­ti­on zwi­schen dem Anstieg der Waf­fen­tech­no­lo­gie und der Kriegs­in­ten­si­tät.

So wie die Zahl der bei Amok­läu­fen Getö­te­ten stark abhän­gig ist von der Ver­füg­bar­keit töd­li­cher Waf­fen in den diver­sen Län­dern, so ist die Kriegs­in­ten­si­tät in der Glo­bal­ge­schich­te abhän­gig von der Ver­füg­bar­keit „effek­ti­ver“ Waf­fen. Die Kom­bi­na­ti­on von Step­pen­krie­gern auf Pfer­den und Pfeil und Bogen erwies sich als beson­ders effek­tiv und die krie­ge­ri­sche Expan­si­on als ver­füh­re­risch ein­fach. Die neo­li­thi­schen Bau­ern, die um 6000 v. Chr. die Samm­le­rin­nen und Jäger ver­drängt bzw. in den Nor­den Euro­pas abge­drängt hat­ten, wur­den ab 2900 v. Chr. von Step­pen­men­schen domi­niert, die auf dem „Step­pen­high­way“, der von der Mon­go­lei bis nach Ungarn reich­te, vor­dran­gen. Die mehr­heit­lich männ­li­chen Ein­dring­lin­ge (Johan­nes Krau­se schätzt 8 von 10) pflanz­ten sich mit den ein­hei­mi­schen Frau­en fort, erkenn­bar an der seit­dem vor­herr­schen­den männ­li­chen Y‑Chromosom „aus der Steppe“.[7] Hier ist von Gewalt und Ver­ge­wal­ti­gun­gen auszugehen.

Hier refe­rie­re ich eine neue Stu­die über Gewalt bei Noma­den in Kenia bzw. im Süd­su­dan und die Post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­run­gen infol­ge der Kämpfe.

[1] Pin­ker, Ste­ven: Gewalt. Eine neue Geschich­te der Mensch­heit, Frank­furt am Main 2011.

[2] Dia­mond, Jared: Kol­laps. War­um Gesell­schaf­ten über­le­ben oder unter­ge­hen, Frank­furt am Main 2005.

[3] Fry, Dou­glas P.; Söder­berg, Patrik: Let­hal aggres­si­on in mobi­le fora­ger bands and impli­ca­ti­ons for the ori­gins of war, in: Sci­ence (New York, N.Y.) 341/6143, 2013, S. 270–273, doi:10.1126/science.1235675.

[4] Mel­ler, Harald; Scheffz­ik, Micha­el (Hrsg.): Krieg. Eine archäo­lo­gi­sche Spu­ren­su­che. Begleit­band zur Son­der­aus­stel­lung im Lan­des­mu­se­um für Vor­ge­schich­te Hal­le (Saa­le), Hal­le (Saa­le) 2015, S.23.

[5] Breg­man, Rut­ger: Im Grun­de gut. Eine neue Geschich­te der Mensch­heit, Ham­burg 2020, beson­ders S.96–116.

[6] Tur­chin, Peter et al.: Disen­tang­ling the evo­lu­tio­na­ry dri­vers of social com­ple­xi­ty: A com­pre­hen­si­ve test of hypo­the­ses, in Sci­ence Advan­ces Vol 8, Issue 25 https://www.science.org/doi/abs/10.1126/sciadv.abn3517, S. 6.

[7] Vgl. zu die­ser Step­pen­in­va­si­on und ihren gene­ti­schen Spu­ren Krau­se, Johan­nes und Trap­pe, Tho­mas: Die Rei­se unse­rer Gene, Ber­lin: Ull­stein, 2019, Kap. 5: Allein­ste­hen­de jun­ge Män­ner bzw. Krau­se, Johan­nes und Trap­pe, Tho­mas: Hybris. Die Rei­se der Mensch­heit: Zwi­schen Auf­bruch und Schei­tern, Ber­lin: Ull­stein 2021, Kap. 9 Steppenhighway.