„Der Appell des Dalai Lama an die Welt: Ethik ist wich­ti­ger als Reli­gi­on.“ So lau­te­te der Titel eines schma­len Buches von 2015.

Der Dalai Lama konstatierte:

„Nach mei­ner Über­zeu­gung kön­nen Men­schen zwar ohne Reli­gi­on aus­kom­men, aber nicht ohne inne­re Wer­te, nicht ohne Ethik. Der Unter­schied zwi­schen Ethik und Reli­gi­on ähnelt dem Unter­schied zwi­schen Was­ser und Tee. …

Wir kön­nen ohne Tee leben, aber nicht ohne Was­ser. Und genau so wer­den wir zwar ohne Reli­gi­on gebo­ren, aber nicht ohne das Grund­be­dürf­nis nach Mitgefühl.

Ich sehe immer deut­li­cher, dass unser spi­ri­tu­el­les Wohl nicht von der Reli­gi­on abhän­gig ist, son­dern der uns ange­bo­re­nen mensch­li­chen Natur, unse­rer natür­li­chen Ver­an­la­gung zu Güte, Mit­ge­fühl und Für­sor­ge für ande­re ent­springt.“ (S. 9–10)

Das sind min­des­tens vier stei­le Thesen:

  1. Dass Men­schen ohne Reli­gi­on aus­kom­men kön­nen (und offen­bar auch gar nicht so schlecht),
  2. dass wir ohne Reli­gi­on gebo­ren wer­den (nun gut: ohne kon­kre­te Reli­gi­on ist klar, aber es klingt fast so, als mein­te er auch „ohne star­kes reli­giö­ses Bedürfnis“),
  3. dass wir Men­schen eine natür­li­che Ver­an­la­gung zu Güte, Mit­ge­fühl und Für­sor­ge besitzen,
  4. dass spi­ri­tu­el­les Wohl der natür­li­chen Ver­an­la­gung zu Güte, Mit­ge­fühl, Für­sor­ge, ent­springt – wie Spi­ri­tua­li­tät ande­rer­seits Güte, Mit­ge­fühl und Für­sor­ge ent­fal­ten und stär­ken kann.
Dalai Lama, Buch von 2025: Ethik ist wichtiger als Religion

Der Appell des Dalai Lama: Ethik ist wich­ti­ger als Religion,
Beneven­to Publi­shing 2015

Statt von der Reli­gi­on betont er von der Spi­ri­tua­li­tät, dass sie und Ethik sich gegen­sei­tig ver­stär­ken. Fünf Jah­re vor­her, 2010, hat­te der Dalai Lama den Reli­gio­nen ins ethi­sche Gewis­sen gere­det. Man könn­te den Ein­druck gewin­nen, dass er womög­lich ent­täuscht ist vom ethi­schen Enga­ge­ment der Reli­gio­nen und sich nun an alle Men­schen wendet.

Mitgefühl

Dass der Dalai Lama das Mit­ge­fühl ins Zen­trum sei­ner Über­le­gun­gen stellt, ist kein Zufall. Denn die Fähig­keit zu Mit­ge­fühl ist wohl ziem­lich unstrit­tig natür­li­cher­wei­se vor­han­den. In Ost und West. Für das Abend­land möch­te ich fol­gen­des Zitat anführen:

Mag man den Men­schen für noch so ego­is­tisch hal­ten, es lie­gen doch offen­bar gewis­se Prin­zi­pi­en in sei­ner Natur, die ihn dazu bestim­men, an dem Schick­sal ande­rer Anteil zu neh­men, und die ihm selbst die Glück­se­lig­keit die­ser ande­ren zum Bedürf­nis machen, obgleich er kei­nen ande­ren Vor­teil draus zieht, als das Ver­gnü­gen, Zeu­ge davon zu sein. Ein Prin­zip die­ser Art ist das Erbar­men oder das Mit­leid, das Gefühl, das wir für das Elend ande­rer emp­fin­den, sobald wir die­ses ent­we­der selbst sehen, oder sobald es uns leb­haft geschil­dert wird, daß wir es nach­füh­len kön­nen. (Smith: Theo­rie der ethi­schen Gefüh­le, Felix Mei­ner Ver­lag Ham­burg 1994, S. 1)

Die­ses Zitat stammt von einem Den­ker, der uns das gute Gewis­sen ver­schafft hat, dass unser Ego­is­mus beim Bröt­chen­kauf und der Ego­is­mus des Bäckers beim Ver­kauf schon in Ord­nung sind, weil so die Wirt­schaft gedeiht. Ich mei­ne natür­lich Adam Smith, der zwei sehr bedeu­ten­de Wer­ke geschrie­ben hat: Der Wohl­stand der Natio­nen und Theo­rie der ethi­schen Gefüh­le.

Dalai Lama: Das Herz der Religionen

Dalai Lama: Das Herz der Religionen
Her­der Ver­lag 2012

Ich glau­be, es wird nie­mand wider­spre­chen, dass irgend­et­was in unse­rer Natur uns dazu bestimmt, „an dem Schick­sal ande­rer Anteil zu neh­men“, ver­mut­lich wer­den Sie das gera­de­zu für banal hal­ten. Aber ich möch­te zu beden­ken geben, was Sie wohl auf die Fra­ge geant­wor­tet hät­ten: Wie kommt es, dass Men­schen mora­lisch sind? Ich ver­mu­te, Sie hät­ten dann geant­wor­tet: durch Sozia­li­sa­ti­on, durch Erzie­hung, weil Zusam­men­le­ben sonst nicht mög­lich ist. Das ist auch alles rich­tig, Aber es gibt eben eine natür­li­che Dis­po­si­ti­on dafür, dass wir mit ande­ren füh­len. Und des­halb ist es nicht ver­fehlt, dass der Dalai Lama sich an alle Men­schen richtet,

Und für den Osten nen­ne ich den Bud­dhis­mus, der die­se Fähig­keit reflek­tiert und auch spi­ri­tu­ell übt.

Wer sich etwas im Bud­dhis­mus aus­kennt, ist sicher schon auf die vier gött­li­chen Ver­weil­zu­stän­de gesto­ßen. Von Bud­dha ist das Wort über­lie­fert: Tie­fe Erleuch­tung wird der ver­wirk­li­chen, „der die vier Gren­zen­lo­sen Geis­tes­zu­stän­de zusam­men mit den Sie­ben Fak­to­ren des Erwa­chens, der Vier Edlen Wahr­hei­ten und dem Edlen Acht­fa­chen Pfad prak­ti­ziert.“ (Thich Nhat-Hanh: Das Herz von Bud­dhas Leh­re, Frei­burg  1999, S. 171 mit Ver­weis auf Samy­uk­ta Aga­ma Sut­ta 744, Tais­ho 99). Bedeut­sam sind die gött­li­chen Ver­weil­zu­stän­de vor allem auch als Medi­ta­ti­ons­übung. Es sol­len medi­tiert werden:

  1. Güte / meta
  2. Mit­ge­fühl / karuṇā
  3. Mit­freu­de / muditā
  4. Gleich­mut / upekkhā

Bud­dha­g­ho­sa, der auf Sri Lan­ka in der ers­ten Hälf­te des 5. Jahr­hun­derts nach Chris­tus leb­te, hat in Visud­dhi Mag­ga IX,5 (Der Weg zur Rein­heit) die Ver­weil­zu­stän­de erör­tert. Sri Lan­ka ist ein wich­ti­ger Ort für den ursprüng­li­chen stren­ge­ren (Theravada-)Buddhismus, der sich von Nord­in­di­en über ganz Indi­en bis nach Sri Lan­ka aus­ge­brei­tet hat. Hier wur­den vie­le alte Schrif­ten gepflegt, auch nach­dem Indi­en sich vom Bud­dhis­mus wie­der abge­wandt hat­te. Inter­es­san­ter­wei­se hat Bud­dha­g­ho­sa für alle Ver­weil­zu­stän­de einen fer­nen (rech­te Spal­te) und einen nahen Feind beschrieben.

Brahmaviharas

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Wir sehen, wie dif­fe­ren­ziert und anspruchs­voll im Bud­dhis­mus das Mit­ge­fühl bedacht und medi­tiert wird. Mit­ge­fühl wird kul­ti­viert und spi­ri­tu­ell gereinigt.

Kann sich der Dalai Lama allein auf das Mit­ge­fühl beru­fen, wenn er eine Ethik für alle Men­schen för­dern will?

Moralische Intuitionen

Der Sozi­al­psy­cho­lo­ge Jona­than Haidt hat ein Buch geschrie­ben, in dem er sehr knapp und ein­leuch­tend und gut sys­te­ma­ti­siert sechs mora­li­sche Intui­tio­nen dar­ge­legt hat:  The Righ­tous Mind, Lon­don 2012, dt.: Die Macht der Moral, Rowohlt-Ver­lag 2026). Ich gehe zunächst auf die wich­tigs­ten vier ein.

Moralische Intuitionen

Auch bei Haidt steht an ers­ter Stel­le das Mit­ge­fühl, die Fürsorge.

Dazu tritt eine Intui­ti­on für Gerech­tig­keit. Die Gerech­tig­keits­the­ma­tik umfasst einen Kom­plex mit unter­schied­li­chen Aspek­ten. Eine natür­li­che Intui­ti­on ist ins­be­son­de­re anzu­neh­men für einen Sinn für das Gleich­ge­wicht von Geben und Neh­men. Das spie­gelt sich in zahl­rei­chen Sprich­wör­tern wie do ut des, eine Hand wäscht die ande­re usw. Mar­cel Maus hat in sei­ner Stu­die Die Gabe von 1950 die­ses Phä­no­men umfas­send unter­sucht. Und auch die Spiel­theo­rie hat die Rezi­pro­zi­tät als effek­ti­ve Stra­te­gie erkannt: Wir füh­ren gewis­ser­ma­ßen Buch, wem wir noch etwas schul­den; denn wir möch­ten nicht als jemand erschei­nen, der ande­re aus­nutzt. Und wenn uns jetzt gar nicht so viel ein­fällt, dann liegt das viel­leicht nur dar­an, weil wir längst bereits für einen gerech­ten Aus­gleich gesorgt haben – durch eine Gegen­ein­la­dung etc. Wir haben natür­lich auch im Hin­ter­kopf, wer uns eigent­lich noch etwas schul­dig ist.

Die drit­te mora­li­sche Intui­ti­on ist, dass wir koope­rie­ren soll­ten. Es macht Freu­de etwas in der Grup­pe zu errei­chen und wir sind ja auch gemein­sam erfolg­rei­cher, aber wir emp­fin­den das gemein­sa­me Han­deln, Kämp­fen als Beloh­nung in sich.

Die vier­te mora­li­sche Intui­ti­on ist Frei­heits­stre­ben, Frei­heit von Bevor­mun­dung, von Unter­drü­ckung. Kei­ner möch­te ein Sklave/eine Skla­vin sein, der/die schlecht behan­delt wird. Es mag für uns schwer zu glau­ben sein, aber die Berich­te über Samm­le­rin­nen und Jäger­kul­tu­ren wis­sen wenig von Häupt­lin­gen und viel über Bera­tun­gen mit dem Ziel einen Kon­sens zu errei­chen, auch viel über rol­len­spe­zi­fi­sche Auto­ri­tät – und viel Abnei­gung gegen Dominanzstreben.

War­um gibt es dann so mas­si­ve und zemen­tier­te Herr­schafts­ver­hält­nis­se, seit­dem Men­schen sess­haft gewor­den sind? Nun ja, heu­te reicht es ein­fach nicht mehr aus, dass 4–5 sich zusam­men­tun, um es dem Möch­te­gern-Häupt­ling mal rich­tig zu zei­gen. Dazu hat der sich schon zu viel Res­sour­cen gesichert.

Nun kön­nen wir uns fra­gen: Geht der Dalai Lama auch auf die ande­ren drei mora­li­schen Intui­tio­nen ein?

Blei­ben wir gleich mal bei der Frei­heit:

Franz Alt im Gespräch mit ihm: „Ich war im Herbst 1989 in Ber­lin dabei, als begeis­ter­te Men­schen Sie auf die Mau­er hoben, die gera­de geöff­net wor­den war. Sie tru­gen eine Ker­ze in der Hand und sag­ten: So wie Deutsch­land jetzt wie­der­ver­ei­nigt wird, so wird Tibet eines Tages frei sein. Sind Sie davon noch immer überzeugt?
Ja klar. Alle Men­schen stre­ben nach Frei­heit.“ (S. 22)

Aber es ist auch klar: ich könn­te kei­nen klas­si­schen bud­dhis­ti­schen Text zum The­ma Frei­heit nen­nen und bei der ein­lei­ten­den Wert­schät­zung der Ethik kam sie beim Dalai Lama auch nicht vor. Von Frei­heit spricht der Bud­dhis­mus allein im Blick auf die Befrei­ung von der leid­vol­len Exis­tenz. Als 9. und 10. Fak­tor des gemein­hin 8‑fachen Pfa­des nennt er rech­tes Ver­ste­hen und rech­te Befrei­ung – so dass bei den Prak­ti­zie­ren­den, den Arhats.

Kommt der Dalai Lama auch auf Gerech­tig­keit zu spre­chen? Ja, als das Gespräch mit Franz Alt auf die Geschlech­ter kommt, sagt der Dalai Lama:

Wirk­li­che Gleich­wer­tig­keit und Gleich­be­rech­ti­gung von Frau und Mann sind eine wich­ti­ge Vor­aus­set­zung für eine bes­se­re Welt. Auch hier haben alle Reli­gio­nen Nach­hol­be­darf. Das ist ein wesent­li­cher Aspekt einer säku­la­ren Ethik. Und zudem eine Fra­ge der Gerech­tig­keit und des Mit­ge­fühls. Vie­le Frau­en sind uns Män­nern bei der Ent­wick­lung inne­rer Wer­te etwas vor­aus. (S. 32)

Viel­leicht hät­te der Dalai Lama beim Nach­hol­be­darf der Reli­gio­nen auch aus­drück­lich den Bud­dhis­mus nen­nen kön­nen, denn die miso­gy­nen Äuße­run­gen, die von Bud­dha über­lie­fert sind, haben es in sich. Nur auf­grund der Für­spra­che sei­nes Lieb­lings­schü­lers Anan­da lässt er die Bil­dung von Non­nen­ge­mein­schaf­ten zu. Und im Zuge der Me-Too-Bewe­gung sind auch die sexu­el­len Über­grif­fe von bud­dhis­ti­schen Leh­rern ans Licht gekom­men. Zudem irri­tiert etwas, dass die Gleich­be­rech­ti­gung der Frau auch eine Sache des Mit­ge­fühls sei, nein, sie ist eine Fra­ge der Gerech­tig­keit (und Rationalität).

Das zeigt: Der Dalai Lama ist sich bewusst, dass auch Gerech­tig­keit und Frei­heit mora­li­sche Intui­tio­nen sind, aber sie ste­hen in sei­ner bud­dhis­ti­schen Ver­wur­ze­lung hin­ter der Güte und dem Mit­ge­fühl. Einen (womög­lich gewalt­sa­men) Frei­heits­kampf wür­de er nicht befür­wor­ten. Und eine gerech­te Ver­mö­gens­ver­tei­lung steht nicht auf sei­ner Prioritätenliste.

Wir haben ein kom­ple­xes impli­zi­tes Wis­sen von Wer­ten, von „Gut und Böse“, aber wir es ist uns nicht recht bewusst, geschwei­ge denn, dass wir es in sei­ner Kom­ple­xi­tät und den Wech­sel­wir­kun­gen reflek­tie­ren. Kul­tu­ren unter­schei­den sich nicht so sehr in den Grund­wer­ten selbst, son­dern in ihrer Gewichtung.

Die Erweiterung des „Wir“

Aber wie steht es mit der Koope­ra­ti­on? Dazu der Dalai Lama:

„Es ist mei­ne Über­zeu­gung, dass die mensch­li­che Ent­wick­lung auf Koope­ra­ti­on und nicht auf Wett­be­werb beruht. Das ist wis­sen­schaft­lich belegt.“ (S. 20) Jetzt haben wir aller­dings glo­ba­le Pro­ble­me, und das heißt für den Dalai Lama:

„Wir müs­sen jetzt ler­nen, dass die Mensch­heit eine ein­zi­ge Fami­lie ist. Wir alle sind phy­sisch, men­tal und emo­tio­nal Brü­der und Schwes­tern.“ (S. 10–11) „Bleibt unser Mit­ge­fühl auf die eige­ne Fami­lie oder Freun­de beschränkt, mit denen wir uns weit­ge­hend iden­ti­fi­zie­ren kön­nen? Wir müs­sen also nach­den­ken, nach­den­ken, nach­den­ken. Und for­schen, for­schen, for­schen. Ethik hat also im Wesent­li­chen mit unse­rem Geis­tes­zu­stand zu tun und nicht mit der for­ma­len Zuge­hö­rig­keit zu einer Reli­gi­on.“ (S. 25)

Es ist deut­lich, dass met­tā auf eine Hal­tung des Wohl­wol­lens allen Wesen gegen­über zielt, wobei vor­aus­ge­setzt wird, dass dazu ein spi­ri­tu­el­ler Weg beschrit­ten wer­den muss:

Der Gelehr­te des Ther­ava­da-Bud­dhis­mus Bha­dan­tā­ca­ri­ya Bud­dha­g­ho­sa, skiz­ziert in Visud­dhi Mag­ga IX, 5 eine Metta-Meditation:

[Man] beschrän­ke … sich zuerst auf eine ein­zi­ge Behau­sung [Wohn­haus] und ent­fal­te die Güte zu den dort woh­nen­den Wesen, in der Wei­se: ‚Mögen die Wesen in die­ser Behau­sung, frei sein von Haß usw.!‘ Hat man dar­auf sei­nen Geist weich und geschmei­dig gemacht, so umfas­se man zwei Behau­sun­gen und dann, der Rei­he nach, drei, vier, fünf, sechs, sie­ben, acht, neun und zehn Behau­sun­gen, dann eine Stra­ße, ein hal­bes Dorf, ein gan­zes Dorf, eine Gegend, ein Land, eine Him­mels­rich­tung. Und indem man so eine Welt­sphä­re oder ein noch grö­ße­res Gebiet umfas­se, ent­fal­te man die Güte zu den jedes­mal dort leben­den Wesen. In der­sel­ben Wei­se sind das Mit­leid und die übri­gen Gött­li­chen Ver­wei­lungs­zu­stän­de zu ent­fal­ten. Dies ist die Metho­de, wie man das Vor­stel­lungs­ob­jekt ausweitet.

Dies ist nun aller­dings eine sehr bedeut­sa­me Meditation.

Denn ich habe bis­lang über­gan­gen, dass unse­re wun­der­ba­re mora­li­sche Intui­ti­on und freu­di­ge Bereit­schaft zur Koope­ra­ti­on und Loya­li­tät lei­der, lei­der sich pri­mär gegen­über denen ent­fal­tet, die wir zu den Unse­ren rech­nen. So dass die Aus­wei­tung des Mit­ge­fühls und die Aus­wei­tung der Koope­ra­ti­ons­wil­lig­keit auf alle Men­schen ein höchst anspruchs­vol­les Unter­neh­men dar­stellt. Und viel­leicht braucht es viel viel Refle­xi­on, viel­leicht braucht es viel viel Medi­ta­ti­on und viel­leicht auch viel viel Bil­dung, um dies wirk­lich und wahr­haft zu wol­len: Kei­nem, nur weil er/sie anders ist, unser Wohl­wol­len (meta) zu verweigern.

Denn nor­ma­ler­wei­se hat das Wir einen „bit­te­ren Bei­klang. Denn wäh­rend es ein­schließt, schließt es zugleich auch aus. Das »Wir« ver­weist impli­zit auf das »Ihr«, das nicht nur das Ergeb­nis einer Abspal­tung ist, son­dern einen bei­na­he krie­ge­ri­schen Akzent bekommt. Um gar nicht erst vom »Sie« [von Denen] zu reden. Was das »Wir« von sich unter­schei­det und abtrennt, wird zum »Ihr«, das noch eine per­so­na­le Wür­de besitzt, auch wenn es bereits von Feind­se­lig­keit gezeich­net ist. Was das »Wir« hin­ge­gen nicht mehr errei­chen, nicht mehr sich­ten oder grei­fen kann, nach­dem es ein­mal aus sei­nem hel­len und klang­vol­len Bereich aus­ge­schlos­sen wur­de, wird dem dunk­len und stum­men »Sie« zugeschlagen.“

So die tref­fen­den Refle­xio­nen der ita­lie­ni­schen Phi­lo­so­phin Donatel­la Di Cesa­re in ihrem Buch Phi­lo­so­phie der Migra­ti­on (S. 119f).

Der Pri­ma­to­lo­ge und Schim­pan­sen­for­scher Fanz de Waal schloss sein gro­ßes Buch über Empa­thie mit den Worten:

Wenn ich eines ändern könn­te [an der mensch­li­chen Natur] wür­de ich die Gren­zen des Zusam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühls erwei­tern. Ange­sichts so vie­ler ver­schie­de­ner Grup­pen, die auf unse­rem über­füll­ten Pla­ne­ten unmit­tel­bar Berüh­rung haben, ist die über­mä­ßi­ge Bin­dung an die eige­ne Nati­on, Grup­pe oder Reli­gi­on heu­te das größ­te Pro­blem. Men­schen sind zu extre­mer Gering­schät­zung gegen­über jeder­mann fähig, der anders aus­sieht oder denkt … . (S. 263)

Und der Dalai Lama for­dert: „Wir müs­sen jetzt ler­nen, dass die Mensch­heit eine ein­zi­ge Fami­lie ist. Wir alle sind phy­sisch, men­tal und emo­tio­nal Brü­der und Schwes­tern.“ (S. 10) Das ist das alte, auch christ­li­che, sehr hilf­rei­che Framing, von Brü­dern und Schwes­tern zu reden, hilfs­wei­se auch von Genos­sen und Genos­sin­nen. Denn damit wer­den noch archai­sche­re Asso­zia­tio­nen hervorgerufen.

Aus his­to­ri­scher Sicht besteht eine der Stär­ken der Welt­re­li­gio­nen dar­in, dass jede mit ihren Mit­glie­dern ein brei­tes Spek­trum von Eth­ni­en und geo­gra­fi­schen Land­schaf­ten umfasst hat. Jetzt ist es not­wen­dig, die­ses Spek­trum noch mehr aus­zu­wei­ten, ohne irgend­je­man­den aus­zu­schlie­ßen, sei­en es Mit­glie­der ande­rer Reli­gio­nen oder Nicht­gläu­bi­ge. (Das Herz der Reli­gio­nen S. 234)

Und man muss sagen, der Bud­dhis­mus hat in der Übung der Metta‑, also der Güte-Medi­ta­ti­on die­se Aus­wei­tung kla­rer als Ziel erfasst als selbst die christ­li­che Reli­gi­on, die zwar betont, dass es in Chris­tus weder Herr noch Knecht, Skla­ve noch Frei­er, Mann noch Frau gebe, aller­dings die­ses „in Chris­to“ als Vor­be­halt gegen die „ande­ren“ gedeu­tet wer­den konn­te, die nicht in Chris­tus sind. Genau davon will der Dalai Lama die Reli­gio­nen abbrin­gen. Zudem kann die christ­lich-theo­lo­gi­sche Behaup­tung einer Erb­sün­de das Wohl­wol­len dämp­fen. Dage­gen erscheint mir das Chris­ten­tum dar­in über­le­gen, dass es tat­säch­lich zur Tat drängt und moti­viert. Sie sehen, ich mache fast die Ethik zum Maß­stab für die Religion.

Nächstenliebe im Buddhismus?

Denn die Fra­ge an den Bud­dhis­mus ist ja: Bleibt das Mit­ge­fühl letzt­lich ein­ge­schlos­sen in die Gleich­mut? Wird das Medi­tie­ren von met­ta nicht durch das Medi­tie­ren von Gleich­mut relativiert?

Muss man beim Bud­dhis­mus von einer Mys­tik mit geschlos­se­nen Augen spre­chen, der eine Mys­tik der offe­nen Augen ent­ge­gen­ge­stellt wer­den kann – wie Johann Bap­tist Metz das getan hat? Das ist bestrit­ten wor­den, etwa von Per­ry Schmidt-Leu­kel; denn: was tat Bud­dha nach sei­ner Erleuch­tung? Er ging nicht in die Erlö­sung, obwohl er die „Ver­su­chung“ empfand:

‚Das Dham­ma lehr’n, genug davon,
Das selbst für mich so schwie­rig war;
Denn nie­mals wird’s ver­stan­den sein
Von jenen vol­ler Gier und Haß.
Gehüllt in Lust und Dunkelheit
Sie tie­fes Dham­ma nie­mals seh’n;
Dies schwimmt nicht mit der Weltlichkeit,
Tief­grün­dig, schwie­rig und subtil.‘

Indem ich dies erwog, neig­te mein Geist eher zur Untä­tig­keit als zum Leh­ren des Dhamma.

20 … da erkann­te der Brahmā Saham­pa­ti mit sei­nem Her­zen den Gedan­ken in mei­nem Her­zen … [und sagte]:

‚Ehr­wür­di­ger Herr, möge der Erha­be­ne das Dham­ma leh­ren, möge der Voll­ende­te das Dham­ma leh­ren. Es gibt Wesen mit wenig Staub auf den Augen, die zugrun­de gehen, wenn sie das Dham­ma nicht hören. Es wird jene geben, die das Dham­ma ver­ste­hen wer­den.‘ So sprach der Brahmā Sahampati …

Maj­jhi­ma Nika­ya 26, 19–20 Über­set­zung von Kay Zumwinkel

Nach einer ande­ren Über­lie­fe­rung war es Mara, eine übel­ge­sinn­te Gott­heit, die zunächst ver­sucht hat­te, die Erleuch­tung des Bud­dha zu ver­hin­dern, und als dies miss­lun­gen war, ihm ein­flüs­ter­te, nun da der Bud­dha sein Ziel erreicht habe, kön­ne er doch die Welt ver­las­sen und end­gül­tig in das Nir­va­na eingehen.

Bud­dha ant­wor­tet der Gott­heit Mara:
„Nicht wer­de ich, du Böser, voll­kom­men erlö­schen, bis nicht die­ser Rein­heits­wan­del wächst, gedeiht und sich aus­brei­tet, von vie­len ange­nom­men, allen bekannt, von den Men­schen ver­stan­den wird.“ Dig­ha Nika­ya 16,3

In einer drit­ten Ver­si­on ist es ein Yakkha (Volks­grup­pe im heu­ti­gen Nepal), der zu Bud­dha sagt:
„Da du aller Ban­de ent­le­digt bist, losgelöst,
Ein Sama­na, ist es nicht recht von dir, daß du einen ande­ren unterweisest.“
Dar­auf ant­wor­tet der Erhabene:
„Wenn er mit glau­bens­fro­hem Her­zen einen ande­ren unterweist,
So wird er dadurch nicht an ihn gefes­selt: Erbar­men ist Mit­leid.“ Samyut­ta Nika­ya 10,2

Es ist also rich­tig, dass der Bud­dha nicht dem Kreis­lauf der Wie­der­ge­bur­ten ent­wei­chen woll­te, ohne auch sei­nen Mön­chen und Non­nen und vie­len Men­schen den Weg zur Erlö­sung gewie­sen zu haben. Er ist damit nach dem stren­ge­ren Ther­ava­da-Bud­dhis­mus grund­sätz­lich der ein­zi­ge Bod­hi­s­att­va. Aber es ging ihm dabei nie um die Ver­än­de­rung der irdi­schen Ver­hält­nis­se, und das Mit­ge­fühl kon­zen­triert sich auf die Hil­fe für ande­re, auf dem Pfad zur Erleuch­tung voranzukommen.

„Es gibt auch Fäl­le, in denen Bud­dha sel­ber sich zum Han­deln in Lie­be fort­rei­ßen läßt“ for­mu­liert Albert Schweit­zer des­halb, wie ich fin­de, sehr treffend.
Denn: eine sehr häu­fig zitier­te Stel­le müs­sen wir uns hier noch anschau­en, aus dem Maha­vag­ga (1. Buch des Ers­ten Kor­bes des Pali­ka­non, also der Mönchsregeln):

„Eines Abends, bei einem Gang durch die Schlaf­stät­ten, trifft er [Bud­dha] einen an Dys­en­te­rie lei­den­den und durch sie bereits ent­kräf­te­ten Mönch in sei­nem Unrat lie­gend an. Mit Hil­fe Ānanda’s, der mit ihm ist, wäscht er ihn ab und bet­tet ihn um. Nach­her ruft er die Mön­che zusam­men und belehrt sie über das Hel­fen, das sie sich gegen­sei­tig schul­den. Die­ses Die­nen begrün­det er aber nicht aus einem all­ge­mei­nen Gebo­te der Lie­bes-Tätig­keit, son­dern dar­aus, daß sie weder Vater noch Mut­ter bei sich hät­ten, die für sie sor­gen könn­ten, und also ein­an­der Vater und Mut­ter erset­zen müß­ten.“  „Die Ermah­nung schließt mit dem Sat­ze: «Wer, o Mön­che, mich pfle­gen wür­de, der soll den Kran­ken pfle­gen.» So gibt Schweit­zer die Pas­sa­ge aus dem Maha­vag­ga wie­der in sei­nem Buch Die Welt­an­schau­ung der indi­schen Den­ker (in Kap. VI Ver­lag C.H.Beck 2010  S. 127–128).

Natür­lich erin­nert uns das an Mat­thä­us 25, aber Jesus ist deut­lich radi­ka­ler, inso­fern er wie­der ein­mal nicht die Ange­hö­ri­gen der Gemein­schaft nennt, dem etwas gege­ben oder getan wird, son­dern einen belie­bi­gen Gefan­ge­nen, der besucht wird, ein Nack­ter, der beklei­det wird etc. Bud­dha will im Grun­de nur eine unaus­weich­li­che Regel für sei­nen Mönchs­or­den statuieren.

Jetzt muss ich einschieben:
Albert Schweit­zer hat im Jahr 1934 eine 240-sei­ti­ge Schrift fer­tig­ge­stellt mit dem Titel: Die Welt­an­schau­ung der indi­schen Den­ker mit dem Unter­ti­tel Mys­tik und Ethik. Die­ses Buch besprach Her­mann Hes­se zwei­mal und hat es sehr emp­foh­len, in der Neu­en Rund­schau 1935 und im Janu­ar 1936 in einer Stock­hol­mer Zei­tung. Schon Schweit­zers Buch von 1932 Aus mei­nem Leben und Den­ken hat­te Hes­se empfohlen.

Religiöses Weltbild und Ethik

Schweit­zers Inter­es­se kreist genau dar­um: Ethik und Mystik/Spiritualität/Religion und ihre Ver­bin­dung. Ich war extrem skep­tisch, ob es ihm denn tat­säch­lich gelun­gen sein könn­te, neben all dem, wofür er bekannt gewor­den ist, auch dazu Rele­van­tes zu Papier gebracht zu haben. Doch ja, es ist ihm gelun­gen. Er bie­tet eine unglaub­lich erhel­len­de Geschich­te des indi­schen Den­kens von den ältes­ten Veden über die Brah­ma­ni­sche Mys­tik und die Upa­nis­ha­den über die Samkhya-Leh­re des Hin­du­is­mus, über den Jai­nis­mus und die Leh­re Bud­dhas mit Aus­bli­cken auf den Bud­dhis­mus in Chi­na und Japan, die Bhak­ti-Mys­tik bis hin zu Tago­re, Rama­krish­na, Vive­ka­nan­da und Gan­dhi. Er ver­steht es, nicht zu ober­fläch­lich und nicht zu aus­führ­lich zu wer­den, und er hat natür­lich einen Leit­fa­den, der das Gan­ze zusam­men­hält, näm­lich wie Ethik sich in den ein­zel­nen Strö­mun­gen und Leh­ren ent­fal­ten kann oder gehemmt wird.

Zwei Bei­spie­le grei­fe ich heraus:

Die Wie­der­ge­burts­leh­re: In ihr wird Ethik rele­vant, denn die Taten bestim­men über die Art der Wie­der­ge­burt. Dafür steht Dhar­ma, als Pflicht und mora­li­sche Ord­nung. Dāna wird hoch­ge­schätzt als Frei­ge­big­keit, etwa in der Essens­spen­de und Sevā, der selbst­lo­se Dienst. Die spi­ri­tu­el­le Dimen­si­on domi­niert dabei über das emo­tio­na­le Mit­ge­fühl, was dazu füh­ren kann, dass es im Hin­du­is­mus zu der Vor­stel­lung kom­men konn­te, dass die Gabe an Brah­ma­nen zu bes­se­rem Kar­ma füh­re als die an Ange­hö­ri­ge nie­de­rer Kas­ten. Der natür­li­che Impuls, denen zu geben, die bedürf­tig sind, wird also modifiziert.

Das Mit­ge­fühl kann auch rela­ti­viert wer­den durch den Gedan­ken, dass eine lei­den­de Per­son viel­leicht gera­de durch gedul­di­ges Ertra­gen ihr Kar­ma ver­bes­sert. Wie könn­te ich sie mit mei­ner Hil­fe­leis­tung in der aktu­el­len Ver­bes­se­rung ihres Kar­mas dar­in stö­ren? Bei einem ent­spre­chen­den Welt­bild, kann aus­ge­rech­net das Mit­ge­fühl para­do­xer­wei­se eine sol­che Fra­ge stel­len und von der Hil­fe­leis­tung Abstand nehmen.

Das zwei­te Bei­spiel: Im Hin­du­is­mus gibt es eine berühm­te Schrift, die die Tat gera­de­zu ver­herr­licht: die Bha­ga­vad­gi­ta, die ein Abschnitt des Mahab­ha­ra­ta (im 6. Buch) dar­stellt. Wil­helm von Hum­boldt nann­te sie „das schöns­te, ja viel­leicht das ein­zig wahr­haf­te phi­lo­so­phi­sche Gedicht, das alle uns bekann­ten Lite­ra­tu­ren auf­zu­wei­sen haben.“ (zit. nach Leo­pold von Schroe­der in der Ein­lei­tung zur Bha­ga­vad­gi­ta. Des Erha­be­nen Sang, Jena 1912 S. I)

Wun­der­bar wird for­mu­liert, wie Arun­ja das Mit­ge­fühl über­kommt, als er auf bei­den Sei­ten des Schlacht­fel­des Ver­wand­te und Leh­rer ste­hen sieht.

Von höchs­tem Mit­leid über­mannt, sprach er klein­mü­tig die­ses Wort:

ARUNJA SPRACH

Ich sehe der Ver­wand­ten Schar, o Krish­na, kampf­be­reit genaht,
Da wer­den mei­ne Glie­der schwach und es ver­dor­ret mir der Mund,
Ein Zit­tern geht durch mein Gebein und mei­ne Haa­re sträu­ben sich;
Gan­di­va (mein Bogen) sinkt mir aus der Hand, die Haut an mei­nem Kör­per brennt,
Nicht län­ger kann ich auf­recht stehn, wie unstät irrt mein Geist umher.
Und Zei­chen schau ich, aber ach, gar böse Zei­chen, Keca­va [Bei­na­me des Krishna]!
Kein Heil mehr seh‘ ich, wenn im Kampf ich die Ver­wand­ten umge­bracht. (Bha­ga­vad­gi­ta, hg.v. Leo­pold von Schroe­der, a.O. S. 6)

Allein die­se ergrei­fen­den Wor­te dürf­ten die The­se vom Dalai Lama bestä­ti­gen, dass Mit­ge­fühl etwas natür­lich Gege­be­nes ist und den Men­schen aller Zei­ten (von schwe­ren Psy­cho­pa­then abge­se­hen) zu eigen ist und für die Ver­bun­den­heit mit den Ver­wand­ten gilt das Gleiche.

Die Kul­tur kann die­se Intui­ti­on abschwä­chen oder ver­stär­ken. In bei­den Fäl­len ver­wischt sie die Spu­ren der Natur. Und ich fin­de, das gelingt ihr gera­de bei den Geis­tes- und Kul­tur­wis­sen­schaft­le­rIn­nen bis heu­te ganz gut.

Aber nun das gran­dio­se Bei­spiel dafür, dass die reli­giö­se Auf­fas­sung sich der natür­li­chen Intui­ti­on des Mit­ge­fühls, der Hem­mung, gegen Ver­wand­te und Leh­rer zu kämp­fen und sie zu töten, ent­ge­gen­stel­len kann.

Krish­na ant­wor­tet nämlich:

Ver­gäng­lich sind die Lei­ber nur, – in ihnen weilt der ew’­ge Geist,
Der unver­gäng­lich, unbe­grenzt – drum kämp­fe nur, du Bharata!
Wer denkt, es töte je der Geist oder wer­de getö­tet je,
Der denkt nicht recht! Er tötet nicht, noch wird jemals getö­tet er. (A.O. S. 10)

Also: Auf in den Kampf, Arun­ja, nicht das Ergeb­nis zählt, son­dern dein Wil­le, dein Gehorsam.

Es gibt einen aus­ge­zeich­ne­ten Wiki­pe­dia-Arti­kel zur Bha­ga­vad­gi­ta. Er ist sehr aus­führ­lich und zitiert vie­le berühm­te AutorIn­nen, die Lobes­hym­nen über die­se indi­sche Dich­tung geschrie­ben haben, und ich beto­ne noch ein­mal, es fin­den sich wirk­lich unglaub­lich schö­ne Ver­se in ihr. Der Arti­kel führt dann noch ein paar kri­ti­sche Stim­men an und schließt dann mit einem Zitat von Albert Schweit­zer aus sei­nem genann­ten Buch:

Die Bha­ga­vad-Gītā hat einen Sphinx-Charakter.
Weil sich in ihr so wun­der­ba­re Sät­ze von der inner­li­chen Los­ge­löst­heit von der Welt, von der haß­lo­sen und güti­gen Gesin­nung und von der lie­ben­den Hin­ge­bung an Gott fin­den, pflegt man das Nicht-Ethi­sche, das sie ent­hält, zu über­se­hen. Sie ist nicht nur das meist­ge­le­se­ne, son­dern auch das meist idea­li­sier­te Buch der Weltliteratur.

Dies sind zwei Bei­spie­le dafür, wie Ethik mit dem reli­giö­sen Welt­bild ver­floch­ten ist.

Albert Schweit­zer nennt es bezeich­nend, dass Bud­dha in sei­nen Reden auf die Lai­en-Ethik kaum ein­geht. Hier gäbe es ja ein Bedürf­nis nach Hand­lungs­ori­en­tie­rung, weil man sich nicht in kon­flikt­frei­er Ehe­lo­sig­keit und auf Gaben und Spen­den ver­trau­end der Medi­ta­ti­on wid­men kann. Selbst im Dhammapa­da (Pfad der Wahr­heit) fin­det sich fast nichts zur Laienethik.

Albert Schweitzers Buch: Die Weltanschauung der indischen Denker

Engagierter Buddhismus

Genau wegen die­ses sozi­al­ethi­schen Defi­zits hat der viet­na­me­si­sche Bud­dhist Thich Nhat Hanh (Wiki­pe­dia-Arti­kel) einen „Enga­ged Bud­dhism“ begrün­det. Gene­rell hat der Maha­ya­na-Bud­dhis­mus im Zuge sei­ner Aus­deh­nung nach Chi­na und Süd­ost­asi­en eine stär­ke­re ethi­sche Aus­rich­tung ange­nom­men. Er konn­te das, weil er grund­le­gend eine posi­ti­ve­re Hal­tung zur Welt und zum Leben hat­te, bzw. weil er eine sol­che in Chi­na und Süd­ost­asi­en vor­fand und im Zuge der Akkul­tu­ra­ti­on integrierte.

Thich Nhat Hanh berich­tet über den Ursprung die­ses Kon­zepts. Als 1954 der Indo­chi­na­krieg mit der Tei­lung in Nord- und Süd­viet­nam zuen­de ging, gab es gro­ße poli­ti­sche und sozia­le Ver­un­si­che­rung. Thich Nhat Hanh schrieb eine Serie von 10 Arti­keln mit dem Titel A Fresh Look at Bud­dhism, in denen er die Idee eines Enga­gier­ten Bud­dhis­mus vor­schlug „in the realm of edu­ca­ti­on, eco­no­mics, poli­tics, and so on“. (Vgl. Thich Nhat Hanh: Histo­ry of Enga­ged Bud­dhism. A Dhar­ma Talk, Hanoi, Viet­nam 2008, In: Human Archi­tec­tu­re: Jour­nal of the Socio­lo­gy of Self-Know­ledge, Vol. 6, Iss. 3, Artic­le 7, 2008, S. 29–36)

Der Bud­dhis­mus wen­de sich damit dem sozia­len Leben zu.  Thich Nhat Hanh for­mu­lier­te Vier­zehn Gebo­te des Enga­gier­ten Bud­dhis­mus. Der Enga­gier­te Bud­dhis­mus hat einen kla­ren Blick auf die Pro­ble­me die­ser Welt, wozu auch das Arten­ster­ben und die Kli­ma­kri­se gehö­ren. Er ist aller­dings mit einem Kon­zept ver­bun­den, das mir weder hilf­reich noch plau­si­bel erscheint.

Thich Nhat Hanh ver­tritt näm­lich die Idee der Non-Dua­li­tät. Es han­delt sich um eine bud­dhis­ti­sche Vari­an­te der hin­du­is­ti­schen Advai­ta-Vedan­ta-Leh­re (Wiki­pe­dia-Arti­kel). Danach bin ich tat­säch­lich eins mit allem, was lebt. Und dies soll, wenn ich das recht sehe, auch hilf­reich für die Ethik sein, die­ses Nicht-Getrennt­sein von allem Lebenden.

In einem Gedicht illus­triert er die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem Lebendigen.

Ich bin die Ein­tags­flie­ge, die an der Wasseroberfläche
des Flus­ses schlüpft.
Und ich bin auch der Vogel,
der her­ab­stürzt, um sie zu schnappen.

Ich bin der Frosch, der vergnüglich
im kla­ren Was­ser eines Tei­ches schwimmt.
Und bin die Ringelnatter,
die in der Stil­le den Frosch verspeist.

Ich bin das Kind aus Ugan­da, nur Haut und Knochen,
mit Bein­chen, so dünn wie Bambusstöcke;
und ich bin der Waffenhändler,
der tod­brin­gen­de Waffen
nach Ugan­da verkauft.

Ich bin das zwölf­jäh­ri­ge Mädchen,
Flücht­ling in einem klei­nen Boot,
das von Pira­ten ver­ge­wal­tigt wurde
und nur noch den Tod im Oze­an sucht;
und ich bin auch der Pirat –
mein Herz ist noch nicht fähig, zu erken­nen und zu lieben.
(Zitiert nach Doro­thee Söl­le: Mys­tik und Wider­stand S. 344)

Die Fra­ge ist, ob eine sol­che Auf­fas­sung die Rea­li­tät nicht zum Schein wer­den lässt, ob nicht viel­mehr die Ver­schie­den­heit („ein jedes nach sei­ner Art“) die Fül­le der schöp­fe­ri­schen Ent­wick­lung zum Aus­druck bringt und brin­gen „soll“.

Ich habe mit allem Leben­di­gen das Leben gemein­sam, denn auch laut Wis­sen­schaft gibt es zwi­schen allem Leben­di­gen eine Ver­wandt­schaft. Ich kann mich also in einem Strom des Leben­di­gen, ja, auch in einem Strom der kos­mi­schen und che­mi­schen und bio­lo­gi­schen For­ma­ti­on des aktu­el­len Zustan­des des Uni­ver­sums sehen und sogar ver­ste­hen. Und viel­leicht kön­nen wir es als mys­ti­sche Erfah­rung deu­ten: Ich tei­le mit allem Sein das Sein, und es ist schön, dass das alles – mich ein­ge­schlos­sen – ist und nicht nicht-ist. Aber ich möch­te den Frosch als Frosch sehen sehen, das lei­den­de Kind als lei­den­des Kind und mich als Ich.

Thich Nhat Hanh: Das Herz von Buddhas Lehre

Die Met­ta-Medi­ta­ti­on zielt im Bud­dhis­mus auf die Gleich­mut. Was aber, wenn die Betrach­tung von Güte, Mit­lei­den und Mit­freu­en in den Wil­len mün­den wür­de, den Wil­len, aus Mit­ge­fühl zu handeln?

Innerlichkeit und Wirksamkeit

Meis­ter Eck­hart formuliert:

„Wahr­lich, mit dem Wil­len ver­mag ich alles. Ich kann aller Men­schen Müh­sal tra­gen und alle Armen spei­sen und aller Men­schen Wer­ke wir­ken und was du nur aus­den­ken magst. Gebricht‘s dir nicht am Wil­len, son­dern nur am Ver­mö­gen, für­wahr so hast du es vor Gott alles getan, und nie­mand kann es dir neh­men noch dich nur einen Augen­blick dar­an hin­dern; denn tun wol­len sobald ich‘s ver­mag und getan haben das ist vor Gott gleich.“ (Mys­ti­sche Trak­ta­te und Pre­dig­ten, aus­ge­wählt von Ger­hard Wehr, Diede­richs Gel­be Rei­he 153, Mün­chen 1999, S. 58)

Das klingt nach rei­ner Gesin­nungs­ethik, aber es geht Eck­hart, dar­um, dass wir die­sen Wil­len in uns ent­fal­ten und „aus­bre­chen las­sen“. Er spricht von einem „Aus­bruch und Werk der Liebe“:

„… wäre der Mensch so in Ver­zü­ckung, wie‘s Sankt Pau­lus war, und wüss­te einen kran­ken Men­schen, der eines Süpp­leins von ihm bedürf­te, ich erach­te­te es für weit bes­ser, du lie­ßest aus Lie­be von der Ver­zü­ckung ab und dien­test dem Bedürf­ti­gen in grö­ße­rer Lie­be.“ (S. 59f)

Eck­hart – und dar­in hat er Teil an der jüdisch-christ­li­chen Zuwen­dung zur Welt wie sie ist – meint: „der Mensch [kann] in die­sem Leben nicht ohne Tätig­keit sein …, die nun ein­mal zum Mensch­sein gehört und deren es vie­ler­lei gibt, dar­um ler­ne der Mensch, sei­nen Gott in allen Din­gen zu haben und unbe­hin­dert zu blei­ben in allen Wer­ken und an allen Stät­ten.“ (S. 55)

Wir kön­nen nach Eck­hart nicht stän­dig gleich­mä­ßig an Gott den­ken. Aber der Christ soll danach stre­ben, „sich in allen sei­nen Wer­ken all­zeit in das Leben und Wir­ken unse­res Herrn Jesu Chris­ti hin­ein­zu­bil­den, in all sei­nem Tun und Las­sen, Lei­den und Leben, und hal­te hier­bei all­zeit ihn vor Augen… .“ (S. 70) „Es gibt für uns kein Ste­hen­blei­ben bei irgend­ei­ner Wei­se in die­sem Leben und gab es nie für einen Men­schen, wie weit er auch gedieh.“ (S. 85) Gott ist selbst ein Ent­wick­ler. Zitat Eck­hart: „Gott ist nicht ein Zer­stö­rer irgend­ei­nes Gutes, son­dern er ist ein Voll­brin­ger. Gott ist nicht ein Zer­stö­rer der Natur, son­dern ihr Voll­ender. Auch die Gna­de zer­stört die Natur nicht, sie voll­endet sie.“ (S. 90–91)

Meis­ter Eck­hart zielt hier nicht so sehr auf eine Ein­heits­er­fah­rung mit Gott, als viel­mehr auf das Raum­ge­ben für Got­tes Wil­len. Sodann sol­le man „so wir­ken ler­nen, daß man die Inner­lich­keit aus­bre­chen las­se in die Wirk­sam­keit und die Wirk­sam­keit hin­ein­lei­te in die Inner­lich­keit und daß man sich so gewöh­ne, unge­zwun­gen zu wir­ken.“ (S. 92)

Ethik und Spiritualität

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Die Zita­te von Eck­hart beleuch­ten natür­lich nur weni­ge Aspek­te aus sei­nem Den­ken. Von Kurt Flasch wur­de er als Phi­lo­soph des Chris­ten­tums bezeich­net (so der Unter­ti­tel sei­nes Buches über Meis­ter Eck­hart, Ver­lag C.H.Beck Mün­chen 2010).
Eck­harts Auf­fas­sung vom Ver­hält­nis von täti­ger Lie­be und Glau­be ähnelt der des Dalai Lama im Blick auf Mit­ge­fühl und Spi­ri­tua­li­tät. Ethik und Spi­ri­tua­li­tät bekräf­ti­gen sich gegen­sei­tig und sind nicht von­ein­an­der zu trennen.

Es war Albert Schweit­zer, der dafür das Bild der Ellip­se ein­ge­führt hat:

Die Ethik ist also eine Ellip­se mit dem Motiv der Hin­ge­bung und dem des Voll­kom­me­ner­wer­dens als den bei­den Brenn­punk­ten. Die bei­den Moti­ve sind neben­ein­an­der am Werk und gehen in man­nig­fachs­ter Wei­se Ver­bin­dung mit­ein­an­der ein, ohne daß uns dies immer klar zum Bewußt­sein kommt. Aus dem Motiv der Hin­ge­bung kommt dem Ethi­schen die Leben­dig­keit, aus dem des Voll­kom­me­ner­wer­dens die Tie­fe. (Die Welt­an­schau­ung der Ehr­furcht vor dem Leben. Kul­tur­phi­lo­so­phie III: Drit­ter und vier­ter Teil S. 131. C.H.Beck Mün­chen 2000).

Er sub­su­miert hier zwar bei­de Brenn­punk­te unter dem Begriff Ethik, spricht aber an ande­rer Stel­le von ethi­scher Mys­tik.

Das Wesen der Mys­tik ist ja, daß aus mei­nem unbe­fan­ge­nen, nai­ven Sein in der Welt durch das Den­ken über Ich und über die Welt geis­ti­ge Hin­ge­bung an den geheim­nis­vol­len unend­li­chen Wil­len wird, der im Uni­ver­sum in Erschei­nung tritt. (Kul­tur­phi­lo­so­phie, Ver­lag C.H.Beck Mün­chen 2007, S.83, Ori­gi­nal­aus­ga­be von 1923)

Die­ser „geheim­nis­vol­le unend­li­che Wil­le“ mani­fes­tiert sich für Schweit­zer im Wil­len zum Leben: „Ich bin Leben inmit­ten von Leben, das leben will.“ Aber es ist ja nicht nur der indi­vi­du­el­le Lebens­wil­le (bzw. ‑trieb), der stau­nens­wert ist, es ist auch die Viel­falt der bio­lo­gi­schen Arten. Die ein­zel­ne Art hat zwar kei­nen Trieb zur Art­erhal­tung – die­se Auf­fas­sung kann als wider­legt gel­ten. Aber der evo­lu­tio­nä­re Pro­zess hat immer wie­der (nach fünf gro­ßen Rück­schlä­gen) zu einer unglaub­li­chen Fül­le von Lebens­for­men geführt

Nun ist aber alles in unse­rem Uni­ver­sum Teil eines gran­dio­sen evo­lu­tio­nä­ren Pro­zes­ses, in dem immer kom­ple­xe­re Struk­tu­ren ent­stan­den sind, die zu den weni­ger kom­ple­xen, die wei­ter bestehen blei­ben konn­ten, hin­zu­ge­tre­ten sind. Leben ist ver­mut­lich per se kom­ple­xer als jede kos­mi­sche Struk­tur, aber ein Tin­ten­fisch ist kom­ple­xer als ein Ein­zeller usw. Ein Öko­sys­tem, in dem vie­le Arten mit­ein­an­der wech­sel­wir­ken, dürf­te aber­mals kom­ple­xer sein.

Müss­ten wir Schweit­zers Wil­len zum Leben nicht erset­zen durch den geheim­nis­vol­len Wil­len zu evo­lu­tio­nä­rer Steigerung?

Wor­aus sich zwang­los nicht nur das Gebot, nach Mög­lich­keit Leben zu schüt­zen und zu för­dern erge­ben wür­de, son­dern auch Arten­schutz und der Schutz von Öko­sys­te­men und letzt­lich der pla­ne­ta­ren Sphäre.

David Atten­bo­rough:

The fact is that no spe­ci­es has ever had such who­le­sa­le con­trol over ever­y­thing on earth, living or dead, as we now have. That lays upon us, whe­ther we like it or not, an awe­so­me respon­si­bi­li­ty. In our hands now lies not only our own future, but that of all other living crea­tures with whom we share the earth.

Koin­zi­die­ren in einem sol­chen Sicht nicht Ethik und Spiritualität?