Wie konnte das geschehen?

Götz Aly hat eine Sum­me aus sei­nen Arbei­ten zum Natio­nal­so­zia­lis­mus gezo­gen und unter der viru­lent blei­ben­den Fra­ge­stel­lung „Wie konn­te das gesche­hen?“ ein grund­le­gen­des Werk ver­fasst. Dabei geht er pri­mär chro­no­lo­gisch vor, wie schon der Unter­ti­tel Deutsch­land 1933 bis 1945 signa­li­siert. Aly ana­ly­siert, mit wel­chen Moti­ven und vor allem Metho­den Hit­ler und sei­ne Gefolgs­leu­te das Volk moti­vie­ren konn­ten, ihrer Ideo­lo­gie zu fol­gen, an Krie­gen teil­zu­neh­men und den Holo­caust zu tole­rie­ren und mit zu betreiben.

Er ver­folgt also die Ent­wick­lung bis hin zur end­gül­ti­gen Nie­der­la­ge. Damit ent­steht ein Über­blick über die Geschich­te des Natio­nal­so­zia­lis­mus als Gan­zem. Der Leit­fa­den ist sei­ne titel­ge­ben­de sozi­al­psy­cho­lo­gi­sche Grundfrage.

Da sich durch die his­to­ri­sche Dar­stel­lungs­wei­se jedoch die ein­zel­nen Ant­wor­ten auf die zen­tra­le Fra­ge über das Buch ver­tei­len, möch­te ich ver­suchs­wei­se die­se Ant­wor­ten als Glie­de­rung einer Inhalts­an­ga­be ver­wen­den. Etwa sechs Fak­to­ren las­sen sich aus Alys Aus­füh­run­gen her­aus­de­stil­lie­ren, die psy­cho­lo­gisch wirk­sam waren. Es konn­te geschehen

  • weil eine „Volks­ge­mein­schaft“ erfahr­bar wurde,
  • weil die Ideo­lo­gie von Ras­sis­mus und Natio­na­lis­mus als Recht­fer­ti­gung für Vie­les die­nen konnte,
  • weil das Gefühl her­vor­ge­ru­fen wur­de, an einer jun­gen dyna­mi­schen Bewe­gung teilzunehmen,
  • weil vie­le Deut­sche Teil beka­men an beru­hi­gen­den sozia­len Sicher­hei­ten und mate­ri­el­len Vorteilen,
  • weil ein mit­rei­ßen­des kul­tu­rel­les Pro­gramm gebo­ten wurde,
  • wegen der Pas­si­vi­tät der Vielen.
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1. Volksgemeinschaft 

Der Natio­na­lis­mus blieb kein theo­re­ti­sches Kon­strukt, son­dern war erleb­bar als „Volks­ge­mein­schaft“. Ein gro­ßes „Wir­ge­fühl“ konn­te ent­ste­hen, auch da, wo zuvor die Gegen­sät­ze domi­nier­ten. Die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Deut­sche Arbeits­front (DAF) initi­ier­te vie­le Ver­an­stal­tun­gen, die „den Werks­stolz und die Werk­ver­bun­den­heit“ weck­ten, so dass sich Unter­neh­mer und Ange­stell­te mensch­lich näher kamen. „Zusam­men mit dem Reich­sein­topf­tag, dem Reich­ar­beits­dienst, der Wie­der­ein­füh­rung der Wehr­pflicht und auch der staat­li­chen Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on ent­stand an ver­schie­de­nen gesell­schaft­li­chen Orten eine zumin­dest gefühl­te Volks­ge­mein­schaft“ (S. 152), in der Unter­schie­de abge­schwächt oder rela­ti­viert wurden.
Stän­dig wird das Volk beschwo­ren: „vom Volks­geist über Volks­wa­gen bis zum Volks­sturm, von der Volks­gas­mas­ke bis zum Volks­wohl, von der Volks­auf­klä­rung über den Volks­emp­fän­ger bis zum Volks­ver­mö­gen.“ (S. 240) Nichts soll­te das gro­ße Wir auf­tei­len, auch nicht die bei­den gro­ßen Kir­chen. Es wur­den kon­fes­si­ons­über­grei­fen­de Gemein­schafts­schu­len ein­ge­rich­tet. Die Ein­zel­ge­werk­schaf­ten wur­den „ele­gant ein­ge­glie­dert“ (S. 141).
Dage­gen galt das Juden­tum als natür­li­cher Feind, weil es „Ent­hei­ma­tung“ sei (so der Theo­lo­ge Paul Alt­haus, S. 106), kos­mo­po­li­ti­sche Nei­gun­gen pfleg­te, die der Volks­zen­triert­heit zuwi­der liefen.
Nach Kriegs­be­ginn und erst recht nach den Depor­ta­tio­nen der Juden konn­te die Idee der gemein­sa­men Schuld und die damit ver­bun­de­ne Erwar­tung von Rache durch die Kriegs­geg­ner nicht nur im Ein­zel­nen auf­kei­men, son­dern die­se Angst wur­de von Joseph Goeb­bels gera­de­zu instru­men­ta­li­siert. Er war der Schöp­fer des Begrif­fes „Kol­lek­tiv­schuld“ (S. 461) und präg­te die For­mel „Kraft durch Furcht“ (S. 641)! In der End­pha­se (ab 1942) wur­den die Depor­ta­tio­nen bewusst öffent­lich durch­ge­führt. Damit soll­te jeder Teil am grau­sa­men Gesche­hen haben. Die Angst vor der Rache wur­de ange­sichts der deut­schen Gräu­el­ta­ten über­groß (s. S. 516). Goeb­bels froh­lockt, dass er die „Radi­ka­li­sie­rung und Tota­li­sie­rung unse­rer Kriegs­füh­rung“ erfolg­reich vor­an­ge­trie­ben habe (S. 544).
Und die, die sich kurz vor dem Kriegs­en­de dem sinn­lo­sen Kämp­fen und Töten ent­ge­gen­stell­ten, muss­ten eine fana­ti­sche „Jus­tiz“ und gna­den­lo­se Hin­rich­tung befürch­ten (und/oder erleiden).
Wie konn­te das gesche­hen? Durch die geschick­te, und auch tat­säch­lich erfahr­ba­re Schaf­fung eines star­ken Wir, das mit einem durch Abstam­mung defi­nier­ten „Volk“ iden­tisch sein soll­te. Dies konn­te als Auf­wer­tung und auch als Auf­ga­be erfah­ren wer­den: „Eine gro­ße Zeit ver­langt ein gro­ßes Volk. Beweist, dass ihr ein gro­ßes Volk seid!“ rief Göh­ring im Ber­li­ner Sport­pa­last am 28.10.1936 (S. 225).
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Bücher von Aly, Welzer, Browning

Bücher von Aly, Wel­zer, Browning

2. Rassismus 

Die Idee und das Emp­fin­den einer Volks­ge­mein­schaft wur­den ver­stärkt durch die Ideo­lo­gie der „völ­ki­schen Rein­heit“ (S. 104). Schon 1923 war ein Lehr­stuhl für Ras­sen­hy­gie­ne ein­ge­rich­tet wor­den. Die Nürn­ber­ger Geset­ze von 1935 über­führ­ten die­se Ideen spür­bar in die gesell­schaft­li­che Wirk­lich­keit. Die Über­schrift lau­te­te: „Gesetz zum Schutz des deut­schen Blu­tes und der deut­schen Ehre“. Es rich­te­te sich expli­zit gegen die Juden.
Aly zeigt auf, dass eine wesent­li­che Trieb­fe­der für den Juden­hass Neid und ein Unter­le­gen­heits­ge­fühl waren. Er zitiert Theo­dor Heuss, der bereits 1931 in sei­nem Buch „Hit­lers Weg“ kon­sta­tier­te, die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ras­sen­leh­re fol­ge einem „erstaun­li­chen Min­der­wer­tig­keits­ge­fühl“. „Sie ver­got­te die Ari­er »als die Kro­ne der Schöp­fung«, um »ein Man­ko zu ver­de­cken«“ (S. 58 mit Zitat von Heuss). Juden hat­ten sta­tis­tisch einen kla­ren „Bil­dungs­vor­sprung“ (S. 55). Aller­dings ver­rin­ger­te sich die­ser. Ihre „Kon­kur­ren­ten fan­den das poli­ti­sche Ange­bot attrak­tiv, sich mit staat­li­cher Hil­fe jener Posi­tio­nen zu bemäch­ti­gen, die Juden erfolg­reich auf­ge­baut hat­ten und noch inne­hat­ten“ (S. 57). Dies lei­tet zum nächs­ten Punkt über:
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3. Junge Bewegung und sozialer Aufstieg

„Mit Vor­lie­be umwarb die NSDAP Jugend­li­che und jun­ge Erwach­se­ne.“ (S. 96) Die Jahr­gän­ge bis 1914 waren sehr stark gewe­sen und die nun jun­gen Män­ner waren wegen des 1. Welt­krie­ges oft vater­los auf­ge­wach­sen. Bei ihnen fand sich „Empö­rer­geist und Bereit­schaft zur Unter­ord­nung“ gleich­zei­tig (S. 99). „Das Durch­schnitts­al­ter der neu [in die NSDAP] Ein­ge­tre­te­nen lag 1927 bei 25 Jah­ren“ (S. 98f). Die for­cier­te Dyna­mik hielt die jun­ge Bewe­gung in Schwung. Immer war von Neu­em, der Zukunft, der Akti­on, der Beschleu­ni­gung die Rede. „Schnel­lig­keit galt Joseph Goeb­bels … als »Mut­ter des Erfol­ges«“ (S. 17). „Akti­on, Akti­on, Akti­on: Leben wie im Kino“ über­schreibt Aly das Kapi­tel über das Jahr 1938 mit dem „Anschluss“ Öster­reichs bis zum Münch­ner Abkom­men (S. 243). Das „Herr­schafts­mit­tel Tem­po / Beschleu­ni­gung / Hoch­span­nung“ zieht sich durch die Zeit der NS-Herr­schaft (S. 656).
Sozia­le Not und Arbeits­lo­sig­keit hat­ten vie­le der Gau- und Orts­grup­pen­lei­ter der NSDAP selbst erlebt. Sogar bei Dr. Joseph Goeb­bels war 1929 der Gerichts­voll­zie­her zur Pfän­dung gewe­sen (S. 119). Die jun­ge Bewe­gung ver­sprach sozia­len Auf­stieg und sozia­le Absi­che­rung. Und sorg­te tat­säch­lich dafür.
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Götz Aly: Wie konnte das geschehen?

Götz Aly: Wie konn­te das gesche­hen? Frank­furt am Main: S. Fischer Ver­lag 2026.

4. Soziale Sicherung

Man muss, durch Aly infor­miert, kon­ze­die­ren, dass das „sozia­lis­tisch“ im Namen der Bewe­gung nicht nur tak­tisch moti­viert war. Viel­mehr kam es sofort zu Sozi­al­ge­setz­ge­bun­gen in Serie: Der Schutz vor Pfän­dun­gen, wovon auch Bau­ern­hö­fe pro­fi­tier­ten, wird fest­ge­schrie­ben (S. 120–122), eben­so der Schutz der Mie­ter vor Kün­di­gun­gen bei Zah­lungs­schwie­rig­kei­ten (S. 120 und 125), die Urlaubs­ta­ge wer­den mehr­fach ver­mehrt (S. 172), der 1. Mai zum gesetz­li­cher Fei­er­tag erklärt, die Heimarbeiter*innen erhal­ten Unter­stüt­zung (S. 126f). Die Steu­er­re­form von 1934 ent­las­tet bereits die Fami­lie; 1935 wird zudem das Kin­der­geld ein­ge­führt (S. 231). 1941 wird erst­mals eine Kran­ken­ver­si­che­rung für Rent­ner eta­bliert (S. 453f). Kör­per­li­che Arbei­ten­de erhal­ten grö­ße­re Lebens­mit­tel­ra­tio­nen (S. 82).
Infol­ge­des­sen stieg der wirt­schaft­li­che Opti­mis­mus und dem­entspre­chend auch die Gebur­ten­ra­te (S. 233f).
Hei­kel muss­te, wenn man zudem die Kos­ten der mas­si­ven Auf­rüs­tung seit 1935 mit­be­denkt (S. 259), die Finan­zie­rung all die­ser Aus­ga­ben sein. Einen gewis­sen Anteil hat­ten die Unter­neh­men und Akti­en­ge­sell­schaf­ten zu leis­ten. Das „Anlei­he­stock­ge­setz“ vom Dezem­ber 1934 zwang die Akti­en­ge­sell­schaf­ten, „die Divi­den­den­aus­schüt­tun­gen zu begren­zen und die Über­schüs­se in einem staat­li­chen Anlei­he­stock fest­ver­zins­lich anzu­le­gen“ (S. 173). Die Zin­sen wur­den wenig spä­ter gedros­selt und die für die Anla­ge waren zwar Gut­schei­ne aus­ge­ge­ben wor­den, die aber erst 1941 bzw. dann „nach Kriegs­en­de“ soll­ten ein­ge­löst wer­den kön­nen (S. 174).
Ent­spre­chen­de Maß­nah­men zogen sich durch die Zeit der NS-Herr­schaft: Ver­dop­pe­lung der Kör­per­schafts­steu­er in den Jah­ren 1937–1940 (S. 232), 1942 eine Ablö­sung der Haus­zins­steu­er für die nächs­ten 10 Jah­re trotz Miet­preis­stopps (!), die dem Staat 8,1 Mrd. Reichs­mark von den Haus­be­sit­zern ein­brach­te (ebd.) und schließ­lich die Abga­be des „Zwangs­ar­bei­ter­lohns“ auf ein „Sperr­kon­to“ (S. 453).
Mit Letz­te­rem ist aber schon ange­deu­tet, wie sich das NS-Regime vor allem finan­zier­te: durch Raub, Ent­eig­nung und Aus­beu­tung (S. 254–271). Die Ver­schul­dung des NS-Staa­tes stieg bis 1938 in atem­be­rau­ben­de Höhen. Durch den Anschluss Öster­reichs fie­len der Reichs­bank Gold und Devi­sen in beträcht­li­cher Höhe zu (S. 257f). Tho­mas Mann ver­mu­te­te sogar, dass die „Con­fis­ca­ti­on der jüdi­schen Ver­mö­gen“ ein „Haupt­grund für die Erobe­rung Öster­reichs gewe­sen zu sein scheint“ (S. 261).
Dazu kam aber die Ent­eig­nung sowohl der emi­grie­ren­den als auch der depor­tier­ten Juden. Mit einer Ver­ord­nung vom 26. April 1938 muss­ten alle Juden ihr gesam­tes Ver­mö­gen gegen­über den Finanz­äm­tern dekla­rie­ren. Es wur­de bis Novem­ber 1941 ent­eig­net (S. 260) und spül­te 7,4 Mil­li­ar­den Reichs­mark in die Kassen.
Nach dem Pogrom vom 9./10. Novem­ber 1938 ver­häng­te die Reichs­re­gie­rung die bös­ar­tig so bezeich­ne­te „Juden­bu­ße“ von einer Mil­li­ar­de Reichs­mark (S. 267). Zu die­sem Zeit­punkt bestand die Mög­lich­keit, dass das Reich zah­lungs­un­fä­hig wur­de. „Die Regie­rung benö­tig­te Geld und noch­mals Geld. Sie mogel­te sich stän­dig am Staats­bank­rott ent­lang.“ (S. 270)
Schon in sei­nem Buch „Hit­lers Volks­staat“ von 2005 hat­te Goetz Aly nach­ge­wie­sen, wie sehr die sozia­len Wohl­ta­ten und die Auf­rüs­tung das Reich finan­zi­ell über­for­dert hät­ten, wenn es nicht in den aus­grei­fen­den Erobe­run­gen und dem Raub an den Juden immer wei­ter fort­ge­fah­ren wäre. Zum Gesamt­bild der Mit­tel­be­schaf­fung gehört auch, dass die Sol­da­ten Raub­gut nach Hau­se sen­den bzw. mit­brin­gen durf­ten (wovon auch ansons­ten als inte­ger betrach­te­te Per­so­nen ger­ne pro­fi­tier­ten, vgl. S. 332) und schließ­lich der Raub an Land und Agrar­pro­duk­ten, der etwa die Bereit­schaft und die erklär­te Ent­schei­dung ein­schloss, Hun­dert­tau­sen­de von sowje­ti­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen ver­hun­gern zu las­sen. Aly spricht von der „blu­tigs­ten Kon­kurs­ver­schlep­pung der Welt­ge­schich­te“ (S. 652).
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5. (Brot und) Spiele

Zu den sozia­len Wohl­ta­ten gesell­te sich der sehr bewuss­te und gekonn­te Ein­satz von Unter­hal­tung. Vom Pro­gramm „Kraft durch Freu­de“ und der För­de­rung des Spor­tes, der Film- und Musik­bran­che über die Wochen­schau­en mit ihrer Pro­pa­gan­da bis hin zu pom­pö­sen Fes­ten mit Fah­nen und Auf­mär­schen war für Unter­hal­tung gesorgt. Diver­se Orga­ni­sa­tio­nen wie BDM, Flie­ger-HJ etc. pro­fi­tier­ten von einem von der Par­tei „betreu­ten Plu­ra­lis­mus“ (S. 310). Es soll­te dem Volk auch an Tabak, Kaf­fee und Alko­hol nicht man­geln. Goeb­bels war wich­tig, das Volk „bei guter Lau­ne zu erhal­ten; denn die Lau­ne ist wirk­lich kriegs­ent­schei­dend“ (S. 451 als Zitat von Goebbels).
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6. Passivität der Vielen

War­um sich so weni­ge zum Wider­stand auf­raf­fen konn­ten, erklärt sich z.T. durch die bei­den vor­an­ge­gan­ge­nen Fak­to­ren. Dazu kommt, dass zunächst für vie­le die Kom­bi­na­ti­on aus „Glanz, Ord­nung, Frie­den“ (S. 250 als Zitat von Vik­tor Klem­pe­rer) durch­aus attrak­tiv war. Es schien ja gut zu gehen. Immer­hin gin­gen außen­po­li­tisch sechs Jah­re ohne Blut­ver­gie­ßen ins Land, so dass von Hit­ler als dem „Gene­ral Unblu­tig“ gespro­chen wer­den konn­te (S. 303). Dabei wur­de ver­kannt, dass Hit­ler den gro­ßen Krieg woll­te und (finan­zi­ell) „brauch­te“. Zunächst han­del­te es sich also durch­aus um eine „Zustim­mungs­dik­ta­tur“, die aber seit 1939 lang­sam und seit Mit­te 1941 schnell brö­ckel­te und „ein von der Pro­pa­gan­da ver­fes­tig­tes Gefühl der Aus­weg­lo­sig­keit, der Ohn­macht und der Angst vor einem Schre­cken ohne Ende die Ober­hand“ gewann (S. 567f).
Geschickt waren auch poten­zi­el­le Geg­ner geschwächt wor­den. Exem­pla­ri­sche Ver­haf­tun­gen wirk­ten früh „gene­ral­prä­ven­tiv“ (S. 667). Hit­ler hielt ins­ge­samt das Zen­trum für den mäch­tigs­ten Geg­ner und so „akti­vier­ten Hit­ler und Goeb­bels 1935 den anti­ka­tho­li­schen Kir­chen­kampf“ (S. 199f). Sie konn­ten dabei die Sitt­lich­keits­pro­zes­se gegen katho­li­sche Ordens­an­ge­hö­ri­ge und Pries­ter nut­zen, sowohl was Fäl­le von (damals und noch lan­ge straf­ba­rer) Homo­se­xua­li­tät als auch Kin­des­miss­brauch betrifft. Die Staats­an­wäl­te ver­folg­ten „– gewis­ser­ma­ßen auf Knopf­druck – in allen deut­schen Pro­vin­zen ein­zel­ne Fäl­le exem­pla­risch“ (mit Schwer­punkt im katho­li­schen Wes­ten), wobei Ver­fah­ren teils in der Schwe­be gehal­ten wur­den, „um den Druck auf­recht­zu­er­hal­ten“ (S. 201).

Bücher von Welzer und Browning

Harald Wel­zer: Täter, Frank­furt: S. Fischer Ver­lag, 2005.
Chris­to­pher Brow­ning: Ganz nor­ma­le Män­ner, Rein­bek: Rowohlt Ver­lag 1996, Erst­auf­la­ge 1992.

Zusammenfassung

Mit mei­ner Form der knapps­ten Zusam­men­fas­sung habe ich die chro­no­lo­gi­sche Dar­stel­lung sys­te­ma­ti­siert im Blick auf die Grund­fra­ge: Wie konn­te das geschehen?

Es konn­te gesche­hen, weil die Füh­rer einer jun­gen, dyna­mi­schen, ideo­lo­gi­sier­ten Bewe­gung geschickt auf der psy­cho­lo­gi­schen Kla­via­tur mensch­li­cher Gefüh­le zu spie­len vermochten.

Sie ver­stan­den es, das Bedürf­nis nach einem soli­da­ri­schen Wir­ge­fühl unter den Ange­hö­ri­gen des deut­schen Vol­kes zu för­dern und zu nut­zen. Die­ses „Wir“ wur­de gestärkt durch die Abgren­zung von den „Ande­ren“, zu denen die Juden gerech­net wur­den, die als poten­ti­ell ver­rä­te­risch (inter­na­tio­na­le Ver­bin­dun­gen) betrach­tet wurden.

Zudem nei­de­te man den Juden ihren Erfolg und als die NS-Füh­rung es gerecht­fer­tigt erschei­nen ließ, vom Hab und Gut der Juden zu pro­fi­tie­ren, wider­stan­den nur weni­ge. Die Bevöl­ke­rung spür­te den Auf­schwung und war dank­bar für die sozia­len Wohl­ta­ten. Sie konn­te dabei ver­drän­gen, dass die Füh­rung all dies mit Unrecht (Raub, Ent­eig­nung) ermög­lich­te und ein gro­ßer Krieg fest ein­ge­plant war, um Land im Osten zu kolonisieren.

Die Zustim­mungs­ra­ten san­ken mit Beginn des Krie­ges, wofür Aly fünf Indi­ka­to­ren anführt: „1. Die Häu­fig­keit der Vor­na­men Adolf, Horst und Her­mann; 2. Die Häu­fig­keit der … Kir­chen­aus­trit­te; 3. die Wort­wahl in den Anzei­gen für die Gefal­le­nen; 4. das Spar­ver­hal­ten; 5. Die Anzahl der Todes­ur­tei­le, die aus poli­ti­schen Grün­den gegen Alt­reichs­deut­sche gefällt wur­den.“ (S. 295) Doch die­se abneh­men­de Zustim­mung zum Regime kam zu spät. Denn gleich­zei­tig nahm die unver­meid­li­che Angst der deut­schen Bevöl­ke­rung vor der unaus­weich­lich erschei­nen­den Rache der Alli­ier­ten zu und konn­te den immer ver­zwei­fel­te­ren Sie­ges­wil­len auf­recht erhalten.

Ideologie versus Materialismus

Götz Aly wur­de schon frü­her vor­ge­wor­fen, er sei ein „eng­stir­ni­ger Mate­ria­list“ (so Hans-Ulrich Weh­ler in einer Rezen­si­on im Spie­gel 14/2004), weil er die ideo­lo­gi­sche Basis der Ent­schei­dun­gen Hit­lers als weni­ger rele­vant erach­te als öko­no­mi­sche und mili­tä­ri­sche Aspek­te. Nun zeig­ten aber auch ande­re For­scher und Götz Aly aufs Neue auf, wie sehr die finan­zi­el­le Not­la­ge und die Ent­schlos­sen­heit zum gro­ßen Krieg und Raub­zug (!) jeweils aufs Neue bru­ta­les Vor­ge­hen nach sich zogen.

Dass aber Hit­ler und Goeb­bels kein Zögern in der Ent­schei­dung für bru­ta­les Vor­ge­hen zeig­ten, war nur mög­lich, weil die­se Bereit­schaft zu Bru­ta­li­tät und Rück­sichts­lo­sig­keit vor­be­rei­tet war durch ideo­lo­gi­sche Grund­über­zeu­gun­gen, und zwar ras­sis­ti­scher, eth­no­zen­tri­scher und bio­lo­gis­ti­scher Natur. Und Hit­ler kann auch als Para­de­bei­spiel des­sen gel­ten, was heu­te als „toxi­sche Männ­lich­keit“ bezeich­net wird. Hit­ler hält das „Volk ist in sei­ner über­wie­gen­den Mehr­heit“ für so „femi­nin ver­an­lagt und ein­ge­stellt, daß weni­ger nüch­ter­ne Über­le­gung als viel­mehr gefühls­mä­ßi­ge Emp­fin­dung sein Den­ken und Han­deln bestimmt“. Er spricht von „lächer­li­chen wie zweck­lo­sen Wohl­fahrts­du­se­lei­en“. Er for­dert „bru­ta­le Ent­schlos­sen­heit in der Nie­der­bre­chung unver­bes­ser­li­cher Aus­wüchs­lin­ge“. Die „soge­nann­te Huma­ni­tät“ gilt ihm „als Aus­druck einer Mischung von Dumm­heit, Feig­heit und ein­ge­bil­de­tem Bes­ser­wis­sen“. Er pos­tu­liert die Not­wen­dig­keit einer „fana­ti­schen Welt­an­schau­ung“, einer „neu­en Welt­an­schau­ung von stür­mi­schem Erobe­rungs­wil­len“ (Zita­te aus Mein Kampf). Dies ist die ideo­lo­gi­sche Grund­hal­tung, die der Bar­ba­rei gegen Juden, wei­te­re Bevöl­ke­rungs­grup­pen und dann auch gegen Kriegs­geg­ner den Boden bereitet.

Der Wil­le zu bru­ta­ler Ent­schlos­sen­heit zieht sich wie ange­kün­digt durch die Zeit sei­ner Herr­schaft, so dass er sehr bereit ist, Raub­zü­ge und Mas­sen­mor­de zu begehen.

Da Götz Aly an der Reak­ti­on des Vol­kes inter­es­siert ist, spie­len die­se Aspek­te in sei­nem Buch ver­ständ­li­cher­wei­se eine unter­ge­ord­ne­te Rolle.

Adam Too­ze hat in einer Rezen­si­on zu Alys Buch Hit­lers Volks­staat zur Ein­ord­nung vor­ge­schla­gen, zwei Ach­sen zu unter­schei­den: ideo­lo­gisch ver­sus öko­no­misch, eli­ten­ori­en­tiert ver­sus volksorientiert.

In die­sem Koor­di­na­ten­sys­tem wäre Alys Deu­tung im rech­ten obe­ren Qua­dran­ten ein­zu­ord­nen: Er betont die mate­ria­lis­ti­sche Hal­tung und den mate­ri­el­len Vor­teil wei­ter Tei­le der Bevöl­ke­rung.

Tat­säch­lich the­ma­ti­siert Aly nicht, wie Hit­ler zu sei­nen völ­ki­schen, bio­lo­gis­ti­schen, rigo­ris­ti­schen Hal­tun­gen und zu sei­nen pro­pa­gan­dis­ti­schen Fähig­kei­ten gelangt ist. Natür­lich könn­te die Fra­ge Wie konn­te das gesche­hen? auch nach Erklä­run­gen auf die­sen Gebie­ten suchen.

Was treibt Hit­ler an? In Mein Kampf beschreibt er, wie er von Jugend an sich als Deut­scher in Öster­reich fühl­te. Das Deutsch­tum spiel­te für ihn die ent­schei­den­de Rol­le: Die Natio­nal­hym­ne „Deutsch­land, Deutsch­land über alles“ zitiert er stän­dig. Die­ses Emp­fin­den der Zuge­hö­rig­keit zum deut­schen Volk scheint bio­gra­phisch am Anfang zu ste­hen, dann wird dies durch Ras­se­den­ken und das Schlag­wort Kampf ums Dasein ange­sichts der von ihm vor­aus­ge­sag­ten Über­völ­ke­rung und zuneh­men­den Nah­rungs­mit­tel­knapp­heit über­formt. Hin­zu tritt der ent­schlos­se­ne Wil­le zu Här­te und Bru­ta­li­tät und das Wis­sen um die Wir­kung von Fana­tis­mus und Pro­pa­gan­da.

Dass Aly die ideo­lo­gi­sche Kom­po­nen­te nicht völ­lig igno­riert, ist aller­dings evi­dent. Er zitiert schließ­lich auch Kir­chen­leu­te, die Hit­ler ideo­lo­gisch weit folg­ten, ins­be­son­de­re die Deut­schen Chris­ten (vgl. S. 168), aber er wür­de sicher nicht so weit gehen, mit Dani­el J. Gold­ha­gen von der Mehr­heit der Deut­schen als „wil­li­gen Voll­stre­ckern“ zu spre­chen. Im Anschluss an sei­ne Dar­stel­lung könn­te man viel­leicht von mani­pu­lier­ten und mate­ri­ell besto­che­nen Deut­schen sprechen.

Hit­ler woll­te natür­lich ideo­lo­gi­sche Kampf­ge­fähr­ten bzw. Gefolgs­leu­te, aller­dings wuss­te er um die zu erwar­ten­den Mit­läu­fer und ließ des­halb bereits vom 2. Mai 1933 an für vier Jah­re kei­ne wei­te­ren Par­tei­bei­trit­te zu. Gegen­über der brei­ten Mas­se aber setz­te er, sozi­al­psy­cho­lo­gisch und rhe­to­risch gekonnt, sei­ne von ihm selbst hoch­ge­schätz­ten Pro­pa­gan­da-Metho­den ein.

So gelan­gen wir zu einem neu­en Schaubild:

Grafik zum Nationalsozialismus nach Adam Tooze

Hit­ler war ideo­lo­gie­ge­trie­ben. Und er hat natür­lich nicht nur über mate­ri­el­le Wohl­ta­ten son­dern auch durch ideo­lo­gisch effek­ti­ve Pro­pa­gan­da gewirkt. Die ras­sis­ti­sche Ideo­lo­gie konn­te den Deut­schen, die von Ent­eig­nun­gen von Juden pro­fi­tier­ten, das Gewis­sen etwas entlasten.
In die­sem Schau­bild ist noch die Theo­rie ein­ge­tra­gen, auf die Adam Too­ze eben­falls hin­weist: es sei das Kapi­tal gewe­sen, das den Faschis­mus als Werk­zeug nutz­te. Das ist aller­dings nicht plau­si­bel. Wie u. a. David de Jong in sei­nem Buch Brau­nes Erbe auf­ge­zeigt hat, wur­den die Groß­in­dus­tri­el­len tat­säch­lich schnell „wil­li­ge Hel­fer“, waren aber eben (über­wie­gend) nicht die ursprüng­li­chen Betrei­ber des Faschis­mus. Hit­ler brüs­kier­te sie bei einem ers­ten Tref­fen nach der Macht­er­grei­fung am 20. Febru­ar 1933, indem er ver­spä­tet kam, eine neun­zig­mi­nü­ti­ge Rede hielt und kein Gespräch zuließ. Es waren „zwei Dut­zend der ver­mö­gends­ten und ein­fluss­reichs­ten Geschäfts­män­ner“ (S. 11) der Ein­la­dung gefolgt, unter ihnen Gün­ther Quandt, Fried­rich Flick, August Baron von Finck, Kurt Schmitt und Gus­tav Krupp. Vor allem woll­te Hit­ler Geld für den bevor­ste­hen­den Wahl­kampf, denn die NSDAP war hoch verschuldet.

Am 1. Mai sprach der Füh­rer zum neu ein­ge­führ­ten „Tag der natio­na­len Arbeit“ über Arbeit­neh­mer­rech­te. Gün­ther Quandt und August von Finck waren da recht­zei­tig in die NSDAP ein­ge­tre­ten, denn am nächs­ten Tag trat der Auf­nah­me­stopp in Kraft. Fried­rich Flick und Fer­di­nand Por­sche muss­ten somit „bis Mai 1937  auf ihren Bei­tritt war­ten“ (de Jong S. 89).

Die Arbei­ter wer­den sich durch Hit­lers Rede gestärkt gefühlt haben und sie haben sicher auch von den von Aly genann­ten sozia­len Refor­men pro­fi­tiert – bis sie dann in gro­ßer Zahl zum Kriegs­dienst ein­ge­zo­gen wur­den. In ganz ande­ren Dimen­sio­nen haben die genann­ten Groß­in­dus­tri­el­len pro­fi­tiert, ins­be­son­de­re wenn sie im Rüs­tungs­ge­schäft oder in der Lebens­mit­tel­ver­sor­gung (wie die Oet­ker-Dynas­tie) tätig waren. Wie konn­ten die Gräu­el des „Drit­ten Rei­ches“ gesche­hen? Natür­lich auch des­halb, weil die meis­ten Groß­in­dus­tri­el­len das Regime unter­stütz­ten und dann auch kei­ne Ein­wän­de gegen das Zwangs­ar­bei­ter­sys­tem hat­ten, des­sen Bru­ta­li­tät sie sehr gut kann­ten – auch wenn sie das nach dem Krieg noch lan­ge leug­ne­ten. Vie­le betei­lig­ten sich an Ari­sie­run­gen von jüdi­schen Fir­men oder Betei­li­gun­gen. Auch sie mach­ten also das Gesche­he­ne mög­lich und wirk­lich. Von daher über­rascht es, dass Götz Aly die Groß­in­dus­tri­el­len nicht erwähnt. Übri­gens nimmt auch Richard J. Evans in sei­nem gro­ßen Werk Hit­lers Kom­pli­zen kei­nen von ihnen unter die 24 „Por­trä­tier­ten“ auf. Allen­falls Robert Ley könn­te man dazu­rech­nen, denn als Lei­ter der Arbeits­front war er „Herr über gewal­ti­ge Res­sour­cen“. Dabei hät­te sich ange­bo­ten, unter die Kom­pli­zen etwa August von Finck auf­zu­neh­men, der Hit­ler bereits im Febru­ar 1931 zuge­sagt hat­te, im Fal­le eines lin­ken Put­sches „über die Alli­anz [das Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men] fünf Mil­lio­nen Reichs­mark für die Bewaff­nung der SA zur Ver­fü­gung zu stel­len“ (de Jong S. 63), der offen­bar glaub­te, „dass Hit­ler von Gott gesandt war, um Füh­rer des Deut­schen Vol­kes zu wer­den“ (S. 96) und der von Hit­ler zum Kura­to­ri­ums­vor­sit­zen­den des Hau­ses der Deut­schen Kunst in Mün­chen ernannt wur­de, für das von Finck dann zwölf Mil­lio­nen Reichs­mark orga­ni­sier­te (S. 142). Weder Evans noch Aly erwäh­nen ihn mit einem Wort. Gewiss, wenn Götz Aly an der Reak­ti­on der durch­schnitt­li­chen Bevöl­ke­rung inter­es­siert ist, muss er die Rol­le der Eli­ten nicht zwangs­läu­fig the­ma­ti­sie­ren. Dann aber ergibt sich als Ant­wort auf die Fra­ge „Wie konn­te das gesche­hen?“ kein umfas­sen­des Bild.

Alles, was Aly schreibt, ist rele­vant, lesens- und wis­sens­wert. Wer aller­dings die ideo­lo­gi­sche Vor­ge­schich­te des Ras­sis­mus und Anti­se­mi­tis­mus bes­ser ver­ste­hen möch­te, wird sich etwa Han­nah Are­ndts so detail­rei­cher wie glän­zend geschrie­be­ner Arbeit Ele­men­te und Ursprün­ge tota­ler Herr­schaft zuwen­den. Und wer sich mit der Rol­le der Groß­in­dus­tri­el­len beschäf­ti­gen will, sei z.B. an das Buch von David de Jong Brau­nes Erbe verwiesen.

Götz Aly: Wie konnte das geschehen?

Götz Aly: Wie konn­te das gesche­hen? Frank­furt am Main: S. Fischer Ver­lag 2026.

Was meint Verstehen?

Wir haben nach der Lek­tü­re von Alys Buch etwas ver­stan­den. Was bedeu­tet das? Vor­her haben wir viel­leicht gedacht, es wäre kaum mög­lich ein so „unmensch­li­ches“, „inhu­ma­nes“ Ver­hal­ten zu „erklä­ren“. Ja, viel­leicht spür­ten wir sogar einen Wider­wil­len, das „nach­voll­zieh­bar“ wer­den zu las­sen, was als das „Böse schlecht­hin“ zu betrach­ten ist. Harald Wel­zer hat die­sen Wider­wil­len, das „Böse“ zu ana­ly­sie­ren, in Auf­nah­me von Gedan­ken Ernst Blochs his­to­risch so begründet:

„Der Teu­fel ist nicht säku­la­ri­siert wor­den, Gott schon. Daher steht der Fort­schritts­glau­be der säku­la­ri­sier­ten Gesell­schaft dem Unfall, dem Unglück, der Kata­stro­phe, dem Ter­ror­an­schlag immer als einem Phä­no­men gegen­über, das eigent­lich nicht dazu­ge­hört. Es steht selt­sam quer zur fort­schritt­li­chen Gegen­wart und ruft Adjek­ti­ve auf: »tra­gisch«, »furcht­bar«, »grau­sam«, »fei­ge« und so wei­ter.“ (Wel­zer, Nach­ruf auf mich selbst S. 91)

Aly hat inso­fern Ent­my­tho­lo­gi­sie­rungs­ar­beit geleis­tet: Er macht das Ver­hal­ten der Mehr­heit der Deut­schen „nach­voll­zieh­bar“. Wer Harald Wel­zers Buch Täter gele­sen hat, wird viel­leicht über­rascht gewe­sen sein, wie schlicht die Erklä­rung dafür aus­fällt, „wie aus ganz nor­ma­len Men­schen Mas­sen­mör­der wer­den“ (so lau­tet der Unter­ti­tel). Es geschah nicht, weil sie eine Ver­an­la­gung zum Bösen in sich tru­gen, son­dern, man könn­te fast sagen, im Gegenteil:
Weil sie aus Soli­da­ri­täts­ge­fühl ihre Kame­ra­den bei der bru­ta­len mör­de­ri­schen Arbeit nicht „im Stich las­sen“ woll­ten, nah­men die aller­meis­ten das Ange­bot, sich nicht zu betei­li­gen, nicht wahr.

Natür­lich spie­len auch ande­re Fak­to­ren eine Rol­le, insbesondere,

„dass Men­schen fähig sind, ihr Han­deln in jeweils spe­zi­fi­sche Refe­renz­rah­men ein­zu­ord­nen (»es war eben Krieg«, »es war ein Befehl«, »ich fand es grau­sam, aber ich muss­te es tun«), die es ihnen erlau­ben, ihr Han­deln als etwas von ihrer Per­son Unab­hän­gi­ges zu betrach­ten.“ (Wel­zer: Täter S. 14)

Aber auch dies kön­nen wir nach­voll­zie­hen. In der Regel kön­nen Men­schen Men­schen ver­ste­hen. Das hat Gren­zen. Mensch­li­ches Ver­hal­ten kann unver­ständ­lich wer­den, nicht weil es vom „Bösen“ domi­niert wird, son­dern weil es durch spe­zi­fi­sche Erkran­kun­gen, z.B. Wahn­vor­stel­lun­gen bedingt sein kann. Und als sich US-Psy­cho­lo­gen und Psych­ia­ter an die Unter­su­chung der NS-Ver­ant­wort­li­chen mach­ten, nah­men sie zunächst an, sie wür­den auf typi­sche Krank­heits­sym­pto­me sto­ßen, die die ver­üb­ten Grau­sam­kei­ten erklä­ren könn­ten. Sie muss­ten aber fest­stel­len, dass sich Vie­les durch all­ge­mein­mensch­li­che Eigen­schaf­ten erklä­ren ließ. Das ließ beun­ru­hi­gen­de Schlüs­se zu bezüg­lich der Gefahr, dass z.B. auch in den USA ähn­li­che Ent­wick­lun­gen mög­lich sein könn­ten. Um dies im Blick zu behal­ten, – die all­ge­mein­mensch­li­che Nei­gung zu ange­pass­tem und soli­da­ri­schem Ver­hal­ten, das selbst als abscheu­lich emp­fun­de­ne, grau­sams­te Taten tole­rie­ren kann -, darf man es mit der „Sin­gu­la­ri­tät“ des Holo­caust nicht übertreiben.

Anthropologische Einsichten fundieren die sozialpsychologische Analyse

Denn der Holo­caust ver­blieb über­wie­gend im all­ge­mei­nen Bereich des dem Men­schen Mög­li­chen. Des­halb ist mit Alys Ana­ly­sen natür­lich nicht die fun­da­men­ta­le­re Fra­ge beant­wor­tet: War­um ist der Mensch als bio­lo­gi­sche Spe­zi­es zu sol­chem Ver­hal­ten fähig? Dar­auf kann sinn­voll nur die Evo­lu­ti­ons­theo­rie ant­wor­ten, und dies obwohl aus­ge­rech­net Ras­sen­theo­re­ti­ker sich auf sie berie­fen. Aber ihre nor­ma­ti­ven Ablei­tun­gen aus ver­meint­li­chen Natur­ge­setz­lich­kei­ten (Kampf ums Über­le­ben) mit­samt der absur­den Über­tra­gung auf Völ­ker oder Ras­sen, waren Unsinn.

Was die Evo­lu­ti­ons­theo­rie kann, ist, plau­si­bel zu machen, war­um sich Pri­ma­ten ent­wi­ckeln konn­ten (nicht muss­ten), die enor­me sozia­le und psy­cho­lo­gi­sche Kom­pe­ten­zen ent­wi­ckel­ten und für die die Grup­pe zum Bio­top, zum Lebens­ele­ment wur­de. Es war näm­lich vor­teil­haft, sich auf rezi­pro­ke Bezie­hun­gen von Geben und Neh­men ein­zu­las­sen, es war vor­teil­haft in einer Grup­pe mit ande­ren zu koope­rie­ren, um einen Teil vom Kuchen abzu­be­kom­men, und es war vor­teil­haft, die Gefüh­le und Moti­ve ande­rer deu­ten zu kön­nen. Dies alles war für den Ein­zel­nen (immer inklu­si­ve sei­ner Nach­kom­men­schaft bzw. Ver­wandt­schaft) vor­teil­haft und nicht pri­mär für die Grup­pe als Gan­zes, geschwei­ge denn für die Art (Spe­zi­es), die hier über­haupt kei­ne Rol­le spie­len kann.

Die­ser sozia­le Mensch hat sei­nen Ego­is­mus mit­hin kei­nes­wegs abge­legt, aber die­ser ist so von Sozia­li­tät und Altru­is­mus über­formt, dass man bei­des meist gar nicht von­ein­an­der tren­nen kann.

Nur manch­mal tritt der Ego­is­mus zuta­ge:

  1. Wenn kein Zeu­ge (mensch­li­cher oder gött­li­cher oder ein Ahnen­geist) da ist, ten­diert eine Ent­schei­dung leicht zum Ego­is­mus. Wie ein­fluss­reich der Gedan­ke an einen mög­li­chen Beob­ach­ter ist, zei­gen Expe­ri­men­te mit einem Punkt-Punkt-Kom­ma-Strich-Gesicht, das Men­schen bereits davon abhält, der Kaf­fee­kas­se das Geld zu verweigern.
  2. Wenn die herr­schen­de Norm den Ego­is­mus begüns­tigt, zu ihm ermu­tigt und ihn recht­fer­tigt, las­sen sich vie­le Men­schen das viel­leicht zwei mal sagen, dann aber grei­fen sie zu. Das geschieht logi­scher­wei­se ganz über­wie­gend auf Kos­ten von Drit­ten, denen man „am bes­ten“ nicht in die Augen schau­en muss, weil sie schon geflo­hen, depor­tiert oder ermor­det wor­den sind. Man hät­te die Ari­sie­rung einer Fir­ma viel­leicht nicht initi­iert (und schon gar nicht ver­ant­wor­tet), aber wenn sie das neue Nor­mal, ja das neue Gewünscht war, war­um nicht?

Damit haben wir im Vor­her­ge­hen­den zwei wich­ti­ge Schwach­stel­len der mensch­li­chen Moral benannt. Zum einen die Bereit­schaft, der Ver­su­chung zum Ego­is­mus nach­zu­ge­ben, wenn die herr­schen­de Mei­nung es zulässt, nahe­legt oder gar gebie­tet, zum ande­ren die Bereit­schaft, der Grup­pen­so­li­da­ri­tät alles unter­zu­ord­nen. Indem die Füh­rer der Nazi-Herr­schaft, die­se bei­den Schwä­chen des Men­schen geschickt nutz­ten, gelang es ihnen, jedes Mit­ge­fühl und jeden Sinn für Gerech­tig­keit weit­ge­hend auf das eige­ne Volk zu beschränken.

Es kommt aber noch ein drit­ter Punkt dazu. Die Nazis ver­stan­den es aus­ge­zeich­net eine star­ke Emo­ti­on in den Dienst zu neh­men, die sich leicht len­ken lässt. Der ange­bo­re­ne Ekel vor Unrei­nem, der als Gegen­pol die Bereit­schaft hat, etwas als rein oder gar hei­lig zu betrach­ten, wur­de auf für die Ideo­lo­gie der Ras­sen­rein­heit genutzt, der als gera­de­zu bedroh­lich und abscheu­lich die „Ras­sen­schan­de“ gegen­über­ge­stellt wur­de. Es sei dar­an erin­nert, dass selbst in unse­rer von der Wis­sen­schaft gepräg­ten Welt Men­schen mit­un­ter Angst vor Ver­un­rei­ni­gung bzw. Ver­gif­tung durch rela­tiv harm­lo­se Stof­fe (und womög­lich kei­ne Angst vor gefähr­li­chen) haben. Die Idee der Ras­ser­ein­heit und der Grup­pen­nar­ziss­mus stüt­zen sich natür­lich gegenseitig.

Ja, Göring mag ein nar­ziss­ti­scher Psy­cho­path gewe­sen sein, Rudolf Heß nicht ganz zurech­nungs­fä­hig, Robert Ley von einer Hirn­ver­let­zung bei einem Flug­zeug­ab­sturz gezeich­net gewe­sen ein, dass aber Gräu­el­ta­ten von die­sem Aus­maß gesche­hen konn­ten, muss etwas mit der Natur des Men­schen zu tun haben, und zwar mit der mora­li­schen Natur des Men­schen, die nicht vor­be­rei­tet ist auf gro­ße anony­me Gesell­schaf­ten, in denen die Füh­rer Macht auf sich kon­zen­trie­ren, sich der sozia­len Kon­trol­le ent­zie­hen und sys­te­ma­ti­sche Pro­pa­gan­da betrei­ben kön­nen. Das Ergeb­nis kann dann aller­dings so erschre­ckend sein, dass alle sich fra­gen: Wir konn­te das geschehen?

Diese Lehren können daraus gezogen werden

Einen Möch­te­gern-Dik­ta­tor aus­zu­schal­ten bzw. recht­zei­tig lächer­lich zu machen und in die Schran­ken zu wei­sen, war in Samm­le­rin­nen-Jäger-Kul­tu­ren kein gro­ßes Pro­blem. Seit den Zei­ten der Sess­haf­tig­keit, des Patri­ar­chats, der Köni­ge und Fürs­ten etc. ist es nicht mehr so ein­fach. Prä­ven­tiv kön­nen Regeln des Zusam­men­le­bens wir­ken. Die Demo­kra­tie bie­tet dafür ganz gute Vor­aus­set­zun­gen (z.B. mit Gewal­ten­tei­lung, regel­mä­ßi­gen Wah­len, Amts­zeit­be­gren­zung) unter der ent­schei­den­den Bedin­gung, dass es ihr gelingt, Res­sour­cen- und Macht­kon­zen­tra­tio­nen zu begren­zen (Steu­er­sys­tem).

Kul­tu­rel­les Wis­sen ist eine wert­vol­le Res­sour­ce. Sie ist zu hegen und zu pfle­gen. Zum Glück gibt es eine wis­sen­schaft­li­che Welt­be­trach­tung und Geis­tes­hal­tung, die glo­bal kom­mu­ni­ziert wer­den kann und in einem Rin­gen um Erkennt­nis auf Kon­sens (bzw. geteil­tes Wis­sen) aus­ge­rich­tet ist. Bil­dung ist ein maß­geb­li­cher Fak­tor, um die­se Res­sour­ce zu bewah­ren und weiterzuentwickeln.

Da Grup­pen­ego­is­mus, Feind­bil­der, Ras­sis­mus, Natio­na­lis­mus etc. das größ­te Poten­ti­al haben, den Men­schen zu Gewalt­ta­ten zu ver­füh­ren, die er ohne die­se irra­tio­na­len Kon­struk­te und Über­trei­bun­gen nie­mals ver­üben wür­de, ist hier den Anfän­gen zu weh­ren (Aus­gren­zung behin­der­ter, geflo­he­ner, anders aus­se­hen­der Men­schen etc.).

Das Kon­zept der Rein­heit darf nie­mals ver­wen­det wer­den, um eine Rang­fol­ge unter Men­schen zu etablieren.

Bücher von Harald Welzer und Ernst Bloch

Harald Wel­zer: Nach­ruf auf mich selbst, Suhr­kamp Ver­lag, Frank­furt 2021.

Ernst Bloch: Expe­ri­men­tum Mun­di, Werk­aus­ga­be Bd. 15, Suhr­kamp Ver­lag stw 546 1985 (Erst­auf­la­ge 1975).

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Douglas M. Kelley: 22 Zellen in Nürnberg

Dou­glas M Kel­ley: 22 Zel­len in Nürn­berg, Édi­ti­ons du Cer­cle 2026.
Ori­gi­nal­aus­ga­be: 22 Cells in Nurem­berg 1947, 1974.

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Jack El-Hai: Der Nazi und der Psychiater

Jack El-Hai: Der Nazi und der Psych­ia­ter. Extra­dru­cke der Ande­ren Biblio­thek No 357, Ber­lin 2018.
Ori­gi­nal­aus­ga­be: The Nazi and the Psych­ia­trist. Her­mann, Dr. Dou­glas M Kel­ley, and a Fatal Mee­ting of Minds at the End of WWII, Public Affairs/Perseus New York 2013.