„Der Appell des Dalai Lama an die Welt: Ethik ist wichtiger als Religion.“ So lautete der Titel eines schmalen Buches von 2015.
Der Dalai Lama konstatierte:
„Nach meiner Überzeugung können Menschen zwar ohne Religion auskommen, aber nicht ohne innere Werte, nicht ohne Ethik. Der Unterschied zwischen Ethik und Religion ähnelt dem Unterschied zwischen Wasser und Tee. …
Wir können ohne Tee leben, aber nicht ohne Wasser. Und genau so werden wir zwar ohne Religion geboren, aber nicht ohne das Grundbedürfnis nach Mitgefühl.
Ich sehe immer deutlicher, dass unser spirituelles Wohl nicht von der Religion abhängig ist, sondern der uns angeborenen menschlichen Natur, unserer natürlichen Veranlagung zu Güte, Mitgefühl und Fürsorge für andere entspringt.“ (S. 9–10)
Das sind mindestens vier steile Thesen:
- Dass Menschen ohne Religion auskommen können (und offenbar auch gar nicht so schlecht),
- dass wir ohne Religion geboren werden (nun gut: ohne konkrete Religion ist klar, aber es klingt fast so, als meinte er auch „ohne starkes religiöses Bedürfnis“),
- dass wir Menschen eine natürliche Veranlagung zu Güte, Mitgefühl und Fürsorge besitzen,
- dass spirituelles Wohl der natürlichen Veranlagung zu Güte, Mitgefühl, Fürsorge, entspringt – wie Spiritualität andererseits Güte, Mitgefühl und Fürsorge entfalten und stärken kann.

Der Appell des Dalai Lama: Ethik ist wichtiger als Religion,
Benevento Publishing 2015
Statt von der Religion betont er von der Spiritualität, dass sie und Ethik sich gegenseitig verstärken. Fünf Jahre vorher, 2010, hatte der Dalai Lama den Religionen ins ethische Gewissen geredet. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass er womöglich enttäuscht ist vom ethischen Engagement der Religionen und sich nun an alle Menschen wendet.
Mitgefühl
Dass der Dalai Lama das Mitgefühl ins Zentrum seiner Überlegungen stellt, ist kein Zufall. Denn die Fähigkeit zu Mitgefühl ist wohl ziemlich unstrittig natürlicherweise vorhanden. In Ost und West. Für das Abendland möchte ich folgendes Zitat anführen:
Mag man den Menschen für noch so egoistisch halten, es liegen doch offenbar gewisse Prinzipien in seiner Natur, die ihn dazu bestimmen, an dem Schicksal anderer Anteil zu nehmen, und die ihm selbst die Glückseligkeit dieser anderen zum Bedürfnis machen, obgleich er keinen anderen Vorteil draus zieht, als das Vergnügen, Zeuge davon zu sein. Ein Prinzip dieser Art ist das Erbarmen oder das Mitleid, das Gefühl, das wir für das Elend anderer empfinden, sobald wir dieses entweder selbst sehen, oder sobald es uns lebhaft geschildert wird, daß wir es nachfühlen können. (Smith: Theorie der ethischen Gefühle, Felix Meiner Verlag Hamburg 1994, S. 1)
Dieses Zitat stammt von einem Denker, der uns das gute Gewissen verschafft hat, dass unser Egoismus beim Brötchenkauf und der Egoismus des Bäckers beim Verkauf schon in Ordnung sind, weil so die Wirtschaft gedeiht. Ich meine natürlich Adam Smith, der zwei sehr bedeutende Werke geschrieben hat: Der Wohlstand der Nationen und Theorie der ethischen Gefühle.

Dalai Lama: Das Herz der Religionen
Herder Verlag 2012
Ich glaube, es wird niemand widersprechen, dass irgendetwas in unserer Natur uns dazu bestimmt, „an dem Schicksal anderer Anteil zu nehmen“, vermutlich werden Sie das geradezu für banal halten. Aber ich möchte zu bedenken geben, was Sie wohl auf die Frage geantwortet hätten: Wie kommt es, dass Menschen moralisch sind? Ich vermute, Sie hätten dann geantwortet: durch Sozialisation, durch Erziehung, weil Zusammenleben sonst nicht möglich ist. Das ist auch alles richtig, Aber es gibt eben eine natürliche Disposition dafür, dass wir mit anderen fühlen. Und deshalb ist es nicht verfehlt, dass der Dalai Lama sich an alle Menschen richtet,
Und für den Osten nenne ich den Buddhismus, der diese Fähigkeit reflektiert und auch spirituell übt.
Wer sich etwas im Buddhismus auskennt, ist sicher schon auf die vier göttlichen Verweilzustände gestoßen. Von Buddha ist das Wort überliefert: Tiefe Erleuchtung wird der verwirklichen, „der die vier Grenzenlosen Geisteszustände zusammen mit den Sieben Faktoren des Erwachens, der Vier Edlen Wahrheiten und dem Edlen Achtfachen Pfad praktiziert.“ (Thich Nhat-Hanh: Das Herz von Buddhas Lehre, Freiburg 1999, S. 171 mit Verweis auf Samyukta Agama Sutta 744, Taisho 99). Bedeutsam sind die göttlichen Verweilzustände vor allem auch als Meditationsübung. Es sollen meditiert werden:
- Güte / meta
- Mitgefühl / karuṇā
- Mitfreude / muditā
- Gleichmut / upekkhā
Buddhaghosa, der auf Sri Lanka in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts nach Christus lebte, hat in Visuddhi Magga IX,5 (Der Weg zur Reinheit) die Verweilzustände erörtert. Sri Lanka ist ein wichtiger Ort für den ursprünglichen strengeren (Theravada-)Buddhismus, der sich von Nordindien über ganz Indien bis nach Sri Lanka ausgebreitet hat. Hier wurden viele alte Schriften gepflegt, auch nachdem Indien sich vom Buddhismus wieder abgewandt hatte. Interessanterweise hat Buddhaghosa für alle Verweilzustände einen fernen (rechte Spalte) und einen nahen Feind beschrieben.

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Wir sehen, wie differenziert und anspruchsvoll im Buddhismus das Mitgefühl bedacht und meditiert wird. Mitgefühl wird kultiviert und spirituell gereinigt.
Kann sich der Dalai Lama allein auf das Mitgefühl berufen, wenn er eine Ethik für alle Menschen fördern will?
Moralische Intuitionen
Der Sozialpsychologe Jonathan Haidt hat ein Buch geschrieben, in dem er sehr knapp und einleuchtend und gut systematisiert sechs moralische Intuitionen dargelegt hat: The Rightous Mind, London 2012. Ich gehe zunächst auf die wichtigsten vier ein.

Auch bei Haidt steht an erster Stelle das Mitgefühl, die Fürsorge.
Dazu tritt eine Intuition für Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeitsthematik umfasst einen Komplex mit unterschiedlichen Aspekten. Eine natürliche Intuition ist insbesondere anzunehmen für einen Sinn für das Gleichgewicht von Geben und Nehmen. Das spiegelt sich in zahlreichen Sprichwörtern wie do ut des, eine Hand wäscht die andere usw. Marcel Maus hat in seiner Studie Die Gabe von 1950 dieses Phänomen umfassend untersucht. Und auch die Spieltheorie hat die Reziprozität als effektive Strategie erkannt: Wir führen gewissermaßen Buch, wem wir noch etwas schulden; denn wir möchten nicht als jemand erscheinen, der andere ausnutzt. Und wenn uns jetzt gar nicht so viel einfällt, dann liegt das vielleicht nur daran, weil wir längst bereits für einen gerechten Ausgleich gesorgt haben – durch eine Gegeneinladung etc. Wir haben natürlich auch im Hinterkopf, wer uns eigentlich noch etwas schuldig ist.
Die dritte moralische Intuition ist, dass wir kooperieren sollten. Es macht Freude etwas in der Gruppe zu erreichen und wir sind ja auch gemeinsam erfolgreicher, aber wir empfinden das gemeinsame Handeln, Kämpfen als Belohnung in sich.
Die vierte moralische Intuition ist Freiheitsstreben, Freiheit von Bevormundung, von Unterdrückung. Keiner möchte ein Sklave/eine Sklavin sein, der/die schlecht behandelt wird. Es mag für uns schwer zu glauben sein, aber die Berichte über Sammlerinnen und Jägerkulturen wissen wenig von Häuptlingen und viel über Beratungen mit dem Ziel einen Konsens zu erreichen, auch viel über rollenspezifische Autorität – und viel Abneigung gegen Dominanzstreben.
Warum gibt es dann so massive und zementierte Herrschaftsverhältnisse, seitdem Menschen sesshaft geworden sind? Nun ja, heute reicht es einfach nicht mehr aus, dass 4–5 sich zusammentun, um es dem Möchtegern-Häuptling mal richtig zu zeigen. Dazu hat der sich schon zu viel Ressourcen gesichert.
Nun können wir uns fragen: Geht der Dalai Lama auch auf die anderen drei moralischen Intuitionen ein?
Bleiben wir gleich mal bei der Freiheit:
Franz Alt im Gespräch mit ihm: „Ich war im Herbst 1989 in Berlin dabei, als begeisterte Menschen Sie auf die Mauer hoben, die gerade geöffnet worden war. Sie trugen eine Kerze in der Hand und sagten: So wie Deutschland jetzt wiedervereinigt wird, so wird Tibet eines Tages frei sein. Sind Sie davon noch immer überzeugt?
Ja klar. Alle Menschen streben nach Freiheit.“ (S. 22)
Aber es ist auch klar: ich könnte keinen klassischen buddhistischen Text zum Thema Freiheit nennen und bei der einleitenden Wertschätzung der Ethik kam sie beim Dalai Lama auch nicht vor. Von Freiheit spricht der Buddhismus allein im Blick auf die Befreiung von der leidvollen Existenz. Als 9. und 10. Faktor des gemeinhin 8‑fachen Pfades nennt er rechtes Verstehen und rechte Befreiung – so dass bei den Praktizierenden, den Arhats.
Kommt der Dalai Lama auch auf Gerechtigkeit zu sprechen? Ja, als das Gespräch mit Franz Alt auf die Geschlechter kommt, sagt der Dalai Lama:
Wirkliche Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung von Frau und Mann sind eine wichtige Voraussetzung für eine bessere Welt. Auch hier haben alle Religionen Nachholbedarf. Das ist ein wesentlicher Aspekt einer säkularen Ethik. Und zudem eine Frage der Gerechtigkeit und des Mitgefühls. Viele Frauen sind uns Männern bei der Entwicklung innerer Werte etwas voraus. (S. 32)
Vielleicht hätte der Dalai Lama beim Nachholbedarf der Religionen auch ausdrücklich den Buddhismus nennen können, denn die misogynen Äußerungen, die von Buddha überliefert sind, haben es in sich. Nur aufgrund der Fürsprache seines Lieblingsschülers Ananda lässt er die Bildung von Nonnengemeinschaften zu. Und im Zuge der Me-Too-Bewegung sind auch die sexuellen Übergriffe von buddhistischen Lehrern ans Licht gekommen. Zudem irritiert etwas, dass die Gleichberechtigung der Frau auch eine Sache des Mitgefühls sei, nein, sie ist eine Frage der Gerechtigkeit (und Rationalität).
Das zeigt: Der Dalai Lama ist sich bewusst, dass auch Gerechtigkeit und Freiheit moralische Intuitionen sind, aber sie stehen in seiner buddhistischen Verwurzelung hinter der Güte und dem Mitgefühl. Einen (womöglich gewaltsamen) Freiheitskampf würde er nicht befürworten. Und eine gerechte Vermögensverteilung steht nicht auf seiner Prioritätenliste.
Wir haben ein komplexes implizites Wissen von Werten, von „Gut und Böse“, aber wir es ist uns nicht recht bewusst, geschweige denn, dass wir es in seiner Komplexität und den Wechselwirkungen reflektieren. Kulturen unterscheiden sich nicht so sehr in den Grundwerten selbst, sondern in ihrer Gewichtung.
Die Erweiterung des „Wir“
Aber wie steht es mit der Kooperation? Dazu der Dalai Lama:
„Es ist meine Überzeugung, dass die menschliche Entwicklung auf Kooperation und nicht auf Wettbewerb beruht. Das ist wissenschaftlich belegt.“ (S. 20) Jetzt haben wir allerdings globale Probleme, und das heißt für den Dalai Lama:
„Wir müssen jetzt lernen, dass die Menschheit eine einzige Familie ist. Wir alle sind physisch, mental und emotional Brüder und Schwestern.“ (S. 10–11) „Bleibt unser Mitgefühl auf die eigene Familie oder Freunde beschränkt, mit denen wir uns weitgehend identifizieren können? Wir müssen also nachdenken, nachdenken, nachdenken. Und forschen, forschen, forschen. Ethik hat also im Wesentlichen mit unserem Geisteszustand zu tun und nicht mit der formalen Zugehörigkeit zu einer Religion.“ (S. 25)
Es ist deutlich, dass mettā auf eine Haltung des Wohlwollens allen Wesen gegenüber zielt, wobei vorausgesetzt wird, dass dazu ein spiritueller Weg beschritten werden muss:
Der Gelehrte des Theravada-Buddhismus Bhadantācariya Buddhaghosa, skizziert in Visuddhi Magga IX, 5 eine Metta-Meditation:
[Man] beschränke … sich zuerst auf eine einzige Behausung [Wohnhaus] und entfalte die Güte zu den dort wohnenden Wesen, in der Weise: ‚Mögen die Wesen in dieser Behausung, frei sein von Haß usw.!‘ Hat man darauf seinen Geist weich und geschmeidig gemacht, so umfasse man zwei Behausungen und dann, der Reihe nach, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun und zehn Behausungen, dann eine Straße, ein halbes Dorf, ein ganzes Dorf, eine Gegend, ein Land, eine Himmelsrichtung. Und indem man so eine Weltsphäre oder ein noch größeres Gebiet umfasse, entfalte man die Güte zu den jedesmal dort lebenden Wesen. In derselben Weise sind das Mitleid und die übrigen Göttlichen Verweilungszustände zu entfalten. Dies ist die Methode, wie man das Vorstellungsobjekt ausweitet.
Dies ist nun allerdings eine sehr bedeutsame Meditation.
Denn ich habe bislang übergangen, dass unsere wunderbare moralische Intuition und freudige Bereitschaft zur Kooperation und Loyalität leider, leider sich primär gegenüber denen entfaltet, die wir zu den Unseren rechnen. So dass die Ausweitung des Mitgefühls und die Ausweitung der Kooperationswilligkeit auf alle Menschen ein höchst anspruchsvolles Unternehmen darstellt. Und vielleicht braucht es viel viel Reflexion, vielleicht braucht es viel viel Meditation und vielleicht auch viel viel Bildung, um dies wirklich und wahrhaft zu wollen: Keinem, nur weil er/sie anders ist, unser Wohlwollen (meta) zu verweigern.
Denn normalerweise hat das Wir einen „bitteren Beiklang. Denn während es einschließt, schließt es zugleich auch aus. Das »Wir« verweist implizit auf das »Ihr«, das nicht nur das Ergebnis einer Abspaltung ist, sondern einen beinahe kriegerischen Akzent bekommt. Um gar nicht erst vom »Sie« [von Denen] zu reden. Was das »Wir« von sich unterscheidet und abtrennt, wird zum »Ihr«, das noch eine personale Würde besitzt, auch wenn es bereits von Feindseligkeit gezeichnet ist. Was das »Wir« hingegen nicht mehr erreichen, nicht mehr sichten oder greifen kann, nachdem es einmal aus seinem hellen und klangvollen Bereich ausgeschlossen wurde, wird dem dunklen und stummen »Sie« zugeschlagen.“ – So die treffenden Reflexionen der italienischen Philosophin Donatella Di Cesare in ihrem Buch Philosophie der Migration (S. 119f).
Der Primatologe und Schimpansenforscher Fanz de Waal schloss sein großes Buch über Empathie mit den Worten: „Wenn ich eines ändern könnte [an der menschlichen Natur] würde ich die Grenzen des Zusammengehörigkeitsgefühls erweitern. Angesichts so vieler verschiedener Gruppen, die auf unserem überfüllten Planeten unmittelbar Berührung haben, ist die übermäßige Bindung an die eigene Nation, Gruppe oder Religion heute das größte Problem. Menschen sind zu extremer Geringschätzung gegenüber jedermann fähig, der anders aussieht oder denkt … .“ (S. 263)
Und der Dalai Lama fordert: „Wir müssen jetzt lernen, dass die Menschheit eine einzige Familie ist. Wir alle sind physisch, mental und emotional Brüder und Schwestern.“ (S. 10) Das ist das alte, auch christliche, sehr hilfreiche Framing, von Brüdern und Schwestern zu reden, hilfsweise auch von Genossen und Genossinnen. Denn damit werden noch archaischere Assoziationen hervorgerufen.
Aus historischer Sicht besteht eine der Stärken der Weltreligionen darin, dass jede mit ihren Mitgliedern ein breites Spektrum von Ethnien und geografischen Landschaften umfasst hat. Jetzt ist es notwendig, dieses Spektrum noch mehr auszuweiten, ohne irgendjemanden auszuschließen, seien es Mitglieder anderer Religionen oder Nichtgläubige. (Das Herz der Religionen S. 234)
Und man muss sagen, der Buddhismus hat in der Übung der Metta‑, also der Güte-Meditation diese Ausweitung klarer als Ziel erfasst als selbst die christliche Religion, die zwar betont, dass es in Christus weder Herr noch Knecht, Sklave noch Freier, Mann noch Frau gebe, allerdings dieses „in Christo“ als Vorbehalt gegen die „anderen“ gedeutet werden konnte, die nicht in Christus sind. Genau davon will der Dalai Lama die Religionen abbringen. Zudem kann die christlich-theologische Behauptung einer Erbsünde das Wohlwollen dämpfen. Dagegen erscheint mir das Christentum darin überlegen, dass es tatsächlich zur Tat drängt und motiviert. Sie sehen, ich mache fast die Ethik zum Maßstab für die Religion.
Altruismus im Buddhismus?
Denn die Frage an den Buddhismus ist ja: Bleibt das Mitgefühl letztlich eingeschlossen in die Gleichmut? Wird das Meditieren von metta nicht durch das Meditieren von Gleichmut relativiert?
Muss man beim Buddhismus von einer Mystik mit geschlossenen Augen sprechen, der eine Mystik der offenen Augen entgegengestellt werden kann – wie Johann Baptist Metz das getan hat? Das ist bestritten worden, etwa von Perry Schmidt-Leukel; denn: was tat Buddha nach seiner Erleuchtung? Er ging nicht in die Erlösung, obwohl er die „Versuchung“ empfand:
‚Das Dhamma lehr’n, genug davon,
Das selbst für mich so schwierig war;
Denn niemals wird’s verstanden sein
Von jenen voller Gier und Haß.
Gehüllt in Lust und Dunkelheit
Sie tiefes Dhamma niemals seh’n;
Dies schwimmt nicht mit der Weltlichkeit,
Tiefgründig, schwierig und subtil.‘Indem ich dies erwog, neigte mein Geist eher zur Untätigkeit als zum Lehren des Dhamma.
20 … da erkannte der Brahmā Sahampati mit seinem Herzen den Gedanken in meinem Herzen … [und sagte]:
‚Ehrwürdiger Herr, möge der Erhabene das Dhamma lehren, möge der Vollendete das Dhamma lehren. Es gibt Wesen mit wenig Staub auf den Augen, die zugrunde gehen, wenn sie das Dhamma nicht hören. Es wird jene geben, die das Dhamma verstehen werden.‘ So sprach der Brahmā Sahampati …
Majjhima Nikaya 26, 19–20 Übersetzung von Kay Zumwinkel
Nach einer anderen Überlieferung war es Mara, eine übelgesinnte Gottheit, die zunächst versucht hatte, die Erleuchtung des Buddha zu verhindern, und als dies misslungen war, ihm einflüsterte, nun da der Buddha sein Ziel erreicht habe, könne er doch die Welt verlassen und endgültig in das Nirvana eingehen.
Buddha antwortet der Gottheit Mara:
„Nicht werde ich, du Böser, vollkommen erlöschen, bis nicht dieser Reinheitswandel wächst, gedeiht und sich ausbreitet, von vielen angenommen, allen bekannt, von den Menschen verstanden wird.“ Digha Nikaya 16,3
In einer dritten Version ist es ein Yakkha (Volksgruppe im heutigen Nepal), der zu Buddha sagt:
„Da du aller Bande entledigt bist, losgelöst,
Ein Samana, ist es nicht recht von dir, daß du einen anderen unterweisest.“
Darauf antwortet der Erhabene:
„Wenn er mit glaubensfrohem Herzen einen anderen unterweist,
So wird er dadurch nicht an ihn gefesselt: Erbarmen ist Mitleid.“ Samyutta Nikaya 10,2
Es ist also richtig, dass der Buddha nicht dem Kreislauf der Wiedergeburten entweichen wollte, ohne auch seinen Mönchen und Nonnen und vielen Menschen den Weg zur Erlösung gewiesen zu haben. Er ist damit nach dem strengeren Theravada-Buddhismus grundsätzlich der einzige Bodhisattva. Aber es ging ihm dabei um die Veränderung der irdischen Verhältnisse und das Mitgefühl konzentriert sich auf die Hilfe für andere auf dem Pfad zur Erleuchtung voranzukommen.
„Es gibt auch Fälle, in denen Buddha selber sich zum Handeln in Liebe fortreißen läßt“ formuliert Albert Schweitzer deshalb, wie ich finde, sehr treffend.
Denn: eine sehr häufig zitierte Stelle müssen wir uns hier noch anschauen, aus dem Mahavagga (1. Buch des Ersten Korbes des Palikanon, also der Mönchsregeln):
„Eines Abends, bei einem Gang durch die Schlafstätten, trifft er [Buddha] einen an Dysenterie leidenden und durch sie bereits entkräfteten Mönch in seinem Unrat liegend an. Mit Hilfe Ānanda’s, der mit ihm ist, wäscht er ihn ab und bettet ihn um. Nachher ruft er die Mönche zusammen und belehrt sie über das Helfen, das sie sich gegenseitig schulden. Dieses Dienen begründet er aber nicht aus einem allgemeinen Gebote der Liebes-Tätigkeit, sondern daraus, daß sie weder Vater noch Mutter bei sich hätten, die für sie sorgen könnten, und also einander Vater und Mutter ersetzen müßten.“ „Die Ermahnung schließt mit dem Satze: «Wer, o Mönche, mich pflegen würde, der soll den Kranken pflegen.» So gibt Schweitzer die Passage aus dem Mahavagga wieder in seinem Buch Die Weltanschauung der indischen Denker (in Kap. VI Verlag C.H.Beck 2010 S. 127–128).
Natürlich erinnert uns das an Matthäus 25, aber Jesus ist deutlich radikaler, insofern er wieder einmal nicht die Angehörigen der Gemeinschaft nennt, dem etwas gegeben oder getan wird, sondern einen beliebigen Gefangenen, der besucht wird, ein Nackter, der bekleidet wird etc. Buddha will im Grunde nur eine unausweichliche Regel für seinen Mönchsorden statuieren.
Jetzt muss ich einschieben:
Albert Schweitzer hat im Jahr 1934 eine 240-seitige Schrift fertiggestellt mit dem Titel: Die Weltanschauung der indischen Denker mit dem Untertitel Mystik und Ethik. Dieses Buch besprach Hermann Hesse zweimal und hat es sehr empfohlen, in der Neuen Rundschau 1935 und im Januar 1936 in einer Stockholmer Zeitung. Schon Schweitzers Buch von 1932 Aus meinem Leben und Denken hatte Hesse empfohlen.
Religiöses Weltbild und Ethik
Schweitzers Interesse kreist genau darum: Ethik und Mystik/Spiritualität/Religion und ihre Verbindung. Ich war extrem skeptisch, ob es ihm denn tatsächlich gelungen sein könnte, neben all dem, wofür er bekannt geworden ist, auch dazu Relevantes zu Papier gebracht zu haben. Doch ja, es ist ihm gelungen. Er bietet eine unglaublich erhellende Geschichte des indischen Denkens von den ältesten Veden über die Brahmanische Mystik und die Upanishaden über die Samkhya-Lehre des Hinduismus, über den Jainismus und die Lehre Buddhas mit Ausblicken auf den Buddhismus in China und Japan, die Bhakti-Mystik bis hin zu Tagore, Ramakrishna, Vivekananda und Gandhi. Er versteht es, nicht zu oberflächlich und nicht zu ausführlich zu werden, und er hat natürlich einen Leitfaden, der das Ganze zusammenhält, nämlich wie Ethik sich in den einzelnen Strömungen und Lehren entfalten kann oder gehemmt wird.
Zwei Beispiele greife ich heraus:
Die Wiedergeburtslehre: In ihr wird Ethik relevant, denn die Taten bestimmen über die Art der Wiedergeburt. Dafür steht Dharma, als Pflicht und moralische Ordnung. Dāna wird hochgeschätzt als Freigebigkeit, etwa in der Essensspende und Sevā, der selbstlose Dienst. Die spirituelle Dimension dominiert dabei über das emotionale Mitgefühl, was dazu führen kann, dass es im Hinduismus zu der Vorstellung kommen konnte, dass die Gabe an Brahmanen zu besserem Karma führe als die an Angehörige niederer Kasten. Der natürliche Impuls, denen zu geben, die bedürftig sind, wird also modifiziert.
Das Mitgefühl kann auch relativiert werden durch den Gedanken, dass eine leidende Person vielleicht gerade durch geduldiges Ertragen ihr Karma verbessert. Wie könnte ich sie mit meiner Hilfeleistung in der aktuellen Verbesserung ihres Karmas darin stören? Bei einem entsprechenden Weltbild, kann ausgerechnet das Mitgefühl paradoxerweise eine solche Frage stellen und von der Hilfeleistung Abstand nehmen.
Das zweite Beispiel: Im Hinduismus gibt es eine berühmte Schrift, die die Tat geradezu verherrlicht: die Bhagavadgita, die ein Abschnitt des Mahabharata (im 6. Buch) darstellt. Wilhelm von Humboldt nannte sie „das schönste, ja vielleicht das einzig wahrhafte philosophische Gedicht, das alle uns bekannten Literaturen aufzuweisen haben.“ (zit. nach Leopold von Schroeder in der Einleitung zur Bhagavadgita. Des Erhabenen Sang, Jena 1912 S. I)
Wunderbar wird formuliert, wie Arunja das Mitgefühl überkommt, als er auf beiden Seiten des Schlachtfeldes Verwandte und Lehrer stehen sieht.
Von höchstem Mitleid übermannt, sprach er kleinmütig dieses Wort:
ARUNJA SPRACH
Ich sehe der Verwandten Schar, o Krishna, kampfbereit genaht,
Da werden meine Glieder schwach und es verdorret mir der Mund,
Ein Zittern geht durch mein Gebein und meine Haare sträuben sich;
Gandiva (mein Bogen) sinkt mir aus der Hand, die Haut an meinem Körper brennt,
Nicht länger kann ich aufrecht stehn, wie unstät irrt mein Geist umher.
Und Zeichen schau ich, aber ach, gar böse Zeichen, Kecava [Beiname des Krishna]!
Kein Heil mehr seh‘ ich, wenn im Kampf ich die Verwandten umgebracht. (Bhagavadgita, hg.v. Leopold von Schroeder, a.O. S. 6)
Allein diese ergreifenden Worte dürften die These vom Dalai Lama bestätigen, dass Mitgefühl etwas natürlich Gegebenes ist und den Menschen aller Zeiten (von schweren Psychopathen abgesehen) zu eigen ist und für die Verbundenheit mit den Verwandten gilt das Gleiche.
Die Kultur kann diese Intuition abschwächen oder verstärken. In beiden Fällen verwischt sie die Spuren der Natur. Und ich finde, das gelingt ihr gerade bei den Geistes- und KulturwissenschaftlerInnen bis heute ganz gut.
Aber nun das grandiose Beispiel dafür, dass die religiöse Auffassung sich der natürlichen Intuition des Mitgefühls, der Hemmung, gegen Verwandte und Lehrer zu kämpfen und sie zu töten, entgegenstellen kann.
Krishna antwortet nämlich:
Vergänglich sind die Leiber nur, – in ihnen weilt der ew’ge Geist,
Der unvergänglich, unbegrenzt – drum kämpfe nur, du Bharata!
Wer denkt, es töte je der Geist oder werde getötet je,
Der denkt nicht recht! Er tötet nicht, noch wird jemals getötet er. (A.O. S. 10)
Also: Auf in den Kampf, Arunja, nicht das Ergebnis zählt, sondern dein Wille, dein Gehorsam.
Es gibt einen ausgezeichneten Wikipedia-Artikel zur Bhagavadgita. Er ist sehr ausführlich und zitiert viele berühmte AutorInnen, die Lobeshymnen über diese indische Dichtung geschrieben haben, und ich betone noch einmal, es finden sich wirklich unglaublich schöne Verse in ihr. Der Artikel führt dann noch ein paar kritische Stimmen an und schließt dann mit einem Zitat von Albert Schweitzer aus seinem genannten Buch:
„Die Bhagavad-Gītā hat einen Sphinx-Charakter.
Weil sich in ihr so wunderbare Sätze von der innerlichen Losgelöstheit von der Welt, von der haßlosen und gütigen Gesinnung und von der liebenden Hingebung an Gott finden, pflegt man das Nicht-Ethische, das sie enthält, zu übersehen. Sie ist nicht nur das meistgelesene, sondern auch das meist idealisierte Buch der Weltliteratur.“
Dies sind zwei Beispiele dafür, wie Ethik mit dem religiösen Weltbild verflochten ist.
Albert Schweitzer nennt es bezeichnend, dass Buddha in seinen Reden auf die Laien-Ethik kaum eingeht. Hier gäbe es ja ein Bedürfnis nach Handlungsorientierung, weil man sich nicht in konfliktfreier Ehelosigkeit und auf Gaben und Spenden vertrauend der Meditation widmen kann. Selbst im Dhammapada (Pfad der Wahrheit) findet sich fast nichts zur Laienethik.
Genau wegen dieses sozialethischen Defizits haben Buddhisten wie Thich Nath Hanh einen „socially engaged buddhism“ begründet. Grundsätzlich hat überhaupt der Mahayana-Buddhismus im Zuge seiner Ausdehnung nach China und Südostasien eine stärkere ethische Ausrichtung angenommen. Er konnte das, weil er grundlegend ein positivere Haltung zur Welt und zum Leben hatte, bzw. weil er eine solche in China und Südostasien vorfand und im Zuge der Akkulturation integrierte.
wird fortgesetzt



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