Wie konnte das geschehen?

Götz Aly hat eine Sum­me aus sei­nen Arbei­ten zum Natio­nal­so­zia­lis­mus gezo­gen und unter der wei­ter­hin so rele­van­ten Fra­ge­stel­lung „Wie konn­te das gesche­hen?“ ein grund­le­gen­des Werk ver­fasst. Dabei geht er pri­mär chro­no­lo­gisch vor und ana­ly­siert, mit wel­chen Moti­ven und vor allem Metho­den Hit­ler und sei­ne Gefolgs­leu­te das Volk moti­vie­ren konn­ten, ihrer Ideo­lo­gie zu fol­gen, an Krie­gen teil­zu­neh­men und den Holo­caust zu tole­rie­ren und mit zu betreiben.

Er bleibt also nicht bei den Anfän­gen, Grün­den und Moti­va­tio­nen der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Bewe­gung ste­hen, son­dern ver­folgt die Ent­wick­lung bis hin zur end­gül­ti­gen Nie­der­la­ge. Damit ent­steht ein Über­blick über die Geschich­te des Natio­nal­so­zia­lis­mus als Gan­zem. Der Leit­fa­den ist dabei sei­ne titel­ge­ben­de sozi­al­psy­cho­lo­gi­sche Grundfrage.

Da sich durch die his­to­ri­sche Dar­stel­lungs­wei­se jedoch die ein­zel­nen Ant­wor­ten auf die zen­tra­le Fra­ge über das Buch ver­tei­len, möch­te ich die­se als Glie­de­rung einer Inhalts­an­ga­be ver­wen­den. Etwa sechs Fak­to­ren las­sen sich aus Alys Aus­füh­run­gen her­aus­de­stil­lie­ren, die psy­cho­lo­gisch wirk­sam waren. Es konn­te geschehen

  • wegen einer erfahr­ba­ren „Volks­ge­mein­schaft“,
  • wegen einer Ideo­lo­gie des Ras­sis­mus, die als Recht­fer­ti­gung die­nen konnte,
  • wegen der Erfah­rungs­mög­lich­keit, an einer dyna­mi­schen Bewe­gung teilzunehmen,
  • wegen der beloh­nen­den und beru­hi­gen­den sozia­len Siche­run­gen und Gratifikationen,
  • wegen eines mit­rei­ßen­den kul­tu­rel­len Programms,
  • wegen der Pas­si­vi­tät der Vielen.
1. Volksgemeinschaft 

Der Natio­na­lis­mus blieb kein theo­re­ti­sches Kon­strukt, son­dern war erleb­bar als „Volks­ge­mein­schaft“. Der Staat galt als iden­tisch mit der Gesell­schaft. Ein gro­ßes „Wir­ge­fühl“ ent­stand. Die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Deut­sche Arbeits­front initi­ier­te vie­le Ver­an­stal­tun­gen, die „den Werks­stolz und die Werk­ver­bun­den­heit“ weck­ten, so dass sich Unter­neh­mer und Ange­stell­te sich mensch­lich näher kamen. „Zusam­men mit dem Reich­sein­topf­tag, dem Reich­ar­beits­dienst, der Wie­der­ein­füh­rung der Wehr­pflicht und auch der staat­li­chen Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on ent­stand an ver­schie­de­nen gesell­schaft­li­chen Orten eine zumin­dest gefühl­te Volks­ge­mein­schaft“ (S. 152), in der Unter­schie­de abge­schwächt oder rela­ti­viert wurden.
Stän­dig wird das Volk beschwo­ren: „vom Volks­geist über Volks­wa­gen bis zum Volks­sturm, von der Volks­gas­mas­ke bis zum Volks­wohl, von der Volks­auf­klä­rung über den Volks­emp­fän­ger bis zum Volks­ver­mö­gen.“ (S. 240) Nichts soll­te das gro­ße Wir auf­tei­len, auch nicht die bei­den gro­ßen Kir­chen. Es wur­den kon­fes­si­ons­über­grei­fen­de Gemein­schafts­schu­len ein­ge­rich­tet. Die Ein­zel­ge­werk­schaf­ten wur­den „ele­gant ein­ge­glie­dert“ (S.141). Dage­gen galt das Juden­tum als natür­li­cher Feind, weil es „Ent­hei­ma­tung“ sei (so der Theo­lo­ge Paul Alt­haus, S. 106), kos­mo­po­li­ti­sche Nei­gun­gen pflegte.
Nach Kriegs­be­ginn und erst recht nach den Depor­ta­tio­nen der Juden konn­te die Idee der gemein­sa­men Schuld und die Erwar­tun­gen von Rache durch die Kriegs­geg­ner nicht nur im Ein­zel­nen auf­kei­men, son­dern die­se Angst wur­de von Joseph Goeb­bels gera­de­zu instru­men­ta­li­siert. Er war der Schöp­fer des Begrif­fes „Kol­lek­tiv­schuld“ (S. 461) und präg­te die For­mel „Kraft durch Furcht“ (S. 641)! In der End­pha­se (ab 1942) wur­den die Depor­ta­tio­nen bewusst öffent­lich durch­ge­führt. Damit soll­te jeder Teil am grau­sa­men Gesche­hen haben. Die Angst vor der Rache wur­de ange­sichts der deut­schen Gräu­el­ta­ten über­groß (s. S. 516). Goeb­bels froh­lockt, dass er die „Radi­ka­li­sie­rung und Tota­li­sie­rung unse­rer Kriegs­füh­rung“ erfolg­reich vor­an­ge­trie­ben habe (S. 544).
Und die, die sich kurz vor dem Kriegs­en­de dem sinn­lo­sen Kämp­fen und Töten ent­ge­gen­stell­ten, muss­ten eine fana­ti­sche „Jus­tiz“ und gna­den­lo­se Hin­rich­tung befürch­ten (und/oder erleiden).
Wie konn­te das gesche­hen? Durch die geschick­te, und auch tat­säch­lich erfahr­ba­re Schaf­fung eines star­ken Wir, das mit einem durch Abstam­mung defi­nier­ten „Volk“ iden­tisch sein soll­te. Dies konn­te als Auf­wer­tung und auch als Auf­ga­be erfah­ren wer­den: „Eine gro­ße Zeit ver­langt ein gro­ßes Volk. Beweist, dass ihr ein gro­ßes Volk seid!“ rief Göh­ring im Ber­li­ner Sport­pa­last am 28.10.1936 (S. 225).

2. Rassismus 

Die Idee und das Emp­fin­den einer Volks­ge­mein­schaft wur­den ver­stärkt durch die Ideo­lo­gie der „völ­ki­schen Rein­heit“ (S. 104). Schon 1923 war ein Lehr­stuhl für Ras­sen­hy­gie­ne ein­ge­rich­tet wor­den. Die Nürn­ber­ger Geset­ze von 1935 über­führ­ten die­se Ideen spür­bar in die gesell­schaft­li­che Wirk­lich­keit. Die Über­schrift lau­te­te: „Gesetz zum Schutz des deut­schen Blu­tes und der deut­schen Ehre“. Es rich­te­te sich expli­zit gegen die Juden.
Aly zeigt auf, dass eine wesent­li­che Trieb­fe­der für den Juden­hass Neid und ein Unter­le­gen­heits­ge­fühl waren. Er zitiert Theo­dor Heuss, der bereits 1931 in sei­nem Buch „Hit­lers Weg“ kon­sta­tier­te, die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ras­sen­leh­re fol­ge einem „erstaun­li­chen Min­der­wer­tig­keits­ge­fühl“. „Sie ver­got­te die Ari­er »als die Kro­ne der Schöp­fung«, um »ein Man­ko zu ver­de­cken«“ (S. 58 mit Zitat von Heuss). Juden hat­ten sta­tis­tisch einen kla­ren „Bil­dungs­vor­sprung“ (S. 55). Aller­dings ver­rin­ger­te sich die­ser. Ihre „Kon­kur­ren­ten fan­den das poli­ti­sche Ange­bot attrak­tiv, sich mit staat­li­cher Hil­fe jener Posi­tio­nen zu bemäch­ti­gen, die Juden erfolg­reich auf­ge­baut hat­ten und noch inne­hat­ten“ (S. 57). Dies lei­tet zum nächs­ten Punkt über:

3. Junge Bewegung und sozialer Aufstieg

„Mit Vor­lie­be umwarb die NSDAP Jugend­li­che und jun­ge Erwach­se­ne.“ (S. 96) Die Jahr­gän­ge bis 1914 waren sehr stark gewe­sen und die nun jun­gen Män­ner waren wegen des 1. Welt­krie­ges oft vater­los auf­ge­wach­sen. Bei ihnen fand sich „Empö­rer­geist und Bereit­schaft zur Unter­ord­nung“ gleich­zei­tig (S. 99). „Das Durch­schnitts­al­ter der neu [in die NSDAP] Ein­ge­tre­te­nen lag 1927 bei 25 Jah­ren“ (S. 98f). Die for­cier­te Dyna­mik hielt die jun­ge Bewe­gung in Schwung. Immer war von Neu­em, der Zukunft, der Akti­on, der Beschleu­ni­gung die Rede. „Schnel­lig­keit galt Joseph Goeb­bels … als »Mut­ter des Erfol­ges«“ (S.17). „Akti­on, Akti­on, Akti­on: Leben wie im Kino“ über­schreibt Aly das Kapi­tel über das Jahr 1938 mit dem „Anschluss“ Öster­reichs bis zum Münch­ner Abkom­men (S. 243). Das „Herr­schafts­mit­tel Tem­po / Beschleu­ni­gung / Hoch­span­nung“ zieht sich durch die Zeit der NS-Herr­schaft (S. 656).
Sozia­le Not und Arbeits­lo­sig­keit hat­ten vie­le der Gau- und Orts­grup­pen­lei­ter der NSDAP selbst erlebt. Sogar bei Dr. Joseph Goeb­bels war 1929 der Gerichts­voll­zie­her zur Pfän­dung gewe­sen. Die jun­ge Bewe­gung ver­sprach sozia­len Auf­stieg und sozia­le Absi­che­rung. Und sorg­te tat­säch­lich dafür.

Götz Aly: Wie konnte das geschehen?

Götz Aly: Wie konn­te das gesche­hen? Frank­furt am Main: S. Fischer Ver­lag 2026.

4. Soziale Sicherung

Man muss, durch Aly infor­miert, kon­ze­die­ren, dass das „sozia­lis­tisch“ im Namen der Bewe­gung nicht nur tak­tisch moti­viert war. Viel­mehr kam es sofort zu Sozi­al­ge­setz­ge­bun­gen in Serie: Der Schutz vor Pfän­dun­gen, wovon auch Bau­ern­hö­fe pro­fi­tier­ten, wird fest­ge­schrie­ben (S. 120–122), eben­so der Schutz der Mie­ter vor Kün­di­gun­gen bei Zah­lungs­schwie­rig­kei­ten (S. 120 und 125), die Urlaubs­ta­ge wer­den mehr­fach ver­mehrt (S. 172), der 1. Mai zum gesetz­li­cher Fei­er­tag erklärt, die Heimarbeiter*innen erhal­ten Unter­stüt­zung (S. 126f). Die Steu­er­re­form von 1934 ent­las­tet bereits die Fami­lie; 1935 wird zudem das Kin­der­geld ein­ge­führt (S. 231). 1941 wird erst­mals eine Kran­ken­ver­si­che­rung für Rent­ner eta­bliert (S. 453f). Kör­per­li­che Arbei­ten­de erhal­ten grö­ße­re Lebens­mit­tel­ra­tio­nen (S. 82).
Infol­ge­des­sen stieg der wirt­schaft­li­che Opti­mis­mus und dem­entspre­chend auch die Gebur­ten­ra­te (S. 233f).
Hei­kel muss­te, wenn man zudem die Kos­ten der mas­si­ven Auf­rüs­tung seit 1935 mit­be­denkt (S. 259), die Finan­zie­rung all die­ser Aus­ga­ben sein. Einen gewis­sen Anteil hat­ten die Unter­neh­men und Akti­en­ge­sell­schaf­ten zu leis­ten. Das „Anlei­he­stock­ge­setz“ vom Dezem­ber 1934 zwang die Akti­en­ge­sell­schaf­ten, „die Divi­den­den­aus­schüt­tun­gen zu begren­zen und die Über­schüs­se in einem staat­li­chen Anlei­he­stock fest­ver­zins­lich anzu­le­gen“ (S. 173). Die Zin­sen wur­den wenig spä­ter gedros­selt und die für die Anla­ge waren zwar Gut­schei­ne aus­ge­ge­ben wor­den, die aber erst 1941 bzw. dann „nach Kriegs­en­de“ soll­ten ein­ge­löst wer­den kön­nen (S. 174).
Ent­spre­chen­de Maß­nah­men zogen sich durch die Zeit der NS-Herr­schaft: Ver­dop­pe­lung der Kör­per­schafts­steu­er in den Jah­ren 1937–1940 (S. 232), 1942 eine Ablö­sung der Haus­zins­steu­er für die nächs­ten 10 Jah­re trotz Miet­preis­stopps (!), die dem Staat 8,1 Mrd. Reichs­mark von den Haus­be­sit­zern ein­brach­te (ebd.) und schließ­lich die Abga­be des „Zwangs­ar­bei­ter­lohns“ auf ein „Sperr­kon­to“ (S. 453).
Mit Letz­te­rem ist aber schon ange­deu­tet, wie sich das NS-Regime vor allem finan­zier­te: durch Raub, Ent­eig­nung und Aus­beu­tung (S. 254–271). Die Ver­schul­dung des NS-Staa­tes stieg bis 1938 in atem­be­rau­ben­de Höhen. Durch den Anschluss Öster­reichs fie­len der Reichs­bank Gold und Devi­sen in beträcht­li­cher Höhe zu (S. 257f). Tho­mas Mann ver­mu­te­te übri­gens, dass die „Con­fis­ca­ti­on der jüdi­schen Ver­mö­gen“ ein „Haupt­grund für die Erobe­rung Öster­reichs gewe­sen zu sein scheint“ (S. 261).
Dazu kam aber die Ent­eig­nung sowohl der emi­grie­ren­den als auch der depor­tier­ten Juden. Mit einer Ver­ord­nung vom 26. April 1938 muss­ten alle Juden ihr gesam­tes Ver­mö­gen gegen­über den Finanz­äm­tern dekla­rie­ren. Es wur­de bis Novem­ber 1941 ent­eig­net (S. 260) und spül­te 7,4 Mil­li­ar­den Reichs­mark in die Kassen.
Nach dem Pogrom vom 9./10. Novem­ber 1938 ver­häng­te die Reichs­re­gie­rung die bös­ar­tig so bezeich­ne­te „Juden­bu­ße“ von einer Mil­li­ar­de Reichs­mark (S. 267). Zu die­sem Zeit­punkt bestand die Mög­lich­keit, dass das Reich zah­lungs­un­fä­hig wur­de. „Die Regie­rung benö­tig­te Geld und noch­mals Geld. Sie mogel­te sich stän­dig am Staats­bank­rott entlang.“
Schon in sei­nem Buch „Hit­lers Volks­staat“ von 2005 hat­te Goetz Aly nach­ge­wie­sen, wie sehr die sozia­len Wohl­ta­ten und die Auf­rüs­tung das Reich finan­zi­ell über­for­dert hät­ten, wenn es nicht in dem außen­po­li­ti­schen Aktio­nis­mus und dem Raub an den Juden immer wei­ter fort­ge­fah­ren wäre. Zum Gesamt­bild der Mit­tel­be­schaf­fung gehört u.a. auch, dass die Sol­da­ten Raub­gut nach Hau­se sen­den bzw. mit­brin­gen durf­ten (wovon auch ansons­ten als inte­ger betrach­te­te Per­so­nen ger­ne pro­fi­tier­ten, vgl. S. 332) und schließ­lich der Raub an Land und Agrar­pro­duk­ten, der etwa die Bereit­schaft und die erklär­te Ent­schei­dung ein­schloss, Hun­dert­tau­sen­de von sowje­ti­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen ver­hun­gern zu las­sen. Aly spricht von der „blu­tigs­ten Kon­kurs­ver­schlep­pung der Welt­ge­schich­te“ (S. 652).

5. (Brot und) Spiele

Zu den sozia­len Wohl­ta­ten gesell­te sich der sehr bewuss­te und gekonn­te Ein­satz von Unter­hal­tung. Vom Pro­gramm „Kraft durch Freu­de“ und die För­de­rung des Spor­tes, der Film- und Musik­bran­che über die Wochen­schau­en mit ihrer Pro­pa­gan­da bis hin zu pom­pö­sen Fes­ten mit Fah­nen und Auf­mär­schen war für Unter­hal­tung gesorgt. Diver­se Orga­ni­sa­tio­nen wie BDM, Flie­ger-HJ etc. pro­fi­tier­ten vom von der Par­tei „betreu­ten Plu­ra­lis­mus“ (S. 310). Es soll­te dem Volk auch an Tabak, Kaf­fee und Alko­hol nicht man­geln. Goeb­bels war wich­tig, das Volk „bei guter Lau­ne zu erhal­ten; denn die Lau­ne ist wirk­lich kriegs­ent­schei­dend“ (S. 451 als Zitat von Goebbels).

6. Passivität der Vielen

War­um sich so weni­ge zu Wider­stand auf­raf­fen konn­ten, erklärt sich z.T. durch die bei­den vor­an­ge­gan­ge­nen Fak­to­ren. Dazu kommt, dass zunächst für vie­le die Kom­bi­na­ti­on aus „Glanz, Ord­nung, Frie­den“ (S. 250 als Zitat von Vik­tor Klem­pe­rer) durch­aus attrak­tiv war. Es schien ja gut zu gehen. Immer­hin gin­gen außen­po­li­tisch sechs Jah­re ohne Blut­ver­gie­ßen ins Land, so dass von Hit­ler als dem „Gene­ral Unblu­tig“ gespro­chen wer­den konn­te (S. 303). Dabei wur­de ver­kannt, dass Hit­ler den gro­ßen Krieg woll­te und (finan­zi­ell) „brauch­te“. Zunächst han­del­te es sich also durch­aus um eine „Zustim­mungs­dik­ta­tur“, die aber seit 1939 lang­sam und seit Mit­te 1941 schnell brö­ckel­te und „ein von der Pro­pa­gan­da ver­fes­tig­tes Gefühl der Aus­weg­lo­sig­keit, der Ohn­macht und der Angst vor einem Schre­cken ohne Ende die Ober­hand“ gewann (S. 567f).
Geschickt waren auch poten­zi­el­le Geg­ner geschwächt wor­den. Exem­pla­ri­sche Ver­haf­tun­gen wirk­ten früh „gene­ral­prä­ven­tiv“ (S. 667). Hit­ler hielt ins­ge­samt das Zen­trum für den mäch­tigs­ten Geg­ner und so „akti­vier­ten Hit­ler und Goeb­bels 1935 den anti­ka­tho­li­schen Kir­chen­kampf“ (S. 199f). Sie konn­ten dabei die Sitt­lich­keits­pro­zes­se gegen katho­li­sche Ordens­an­ge­hö­ri­ge und Pries­ter nut­zen, sowohl was Fäl­le von (damals und noch lan­ge straf­ba­rer) Homo­se­xua­li­tät als auch Kin­des­miss­brauch betrifft. Die Staats­an­wäl­te ver­folg­ten „– gewis­ser­ma­ßen auf Knopf­druck – in allen deut­schen Pro­vin­zen ein­zel­ne Fäl­le exem­pla­risch“ (mit Schwer­punkt im katho­li­schen Wes­ten), wobei Ver­fah­ren teils in der Schwe­be gehal­ten wur­den, „um den Druck auf­recht­zu­er­hal­ten“ (S. 201).

Götz Aly: Wie konnte das geschehen?

Götz Aly: Wie konn­te das gesche­hen? Frank­furt am Main: S. Fischer Ver­lag 2026.

Zusammenfassung

Mit mei­ner Form der knapps­ten Zusam­men­fas­sung habe ich die chro­no­lo­gi­sche Dar­stel­lung sys­te­ma­ti­siert im Blick auf die Grund­fra­ge: Wie konn­te das geschehen?

Es konn­te gesche­hen, weil die Füh­rer einer jun­gen, dyna­mi­schen, ideo­lo­gi­sier­ten Bewe­gung geschickt auf der psy­cho­lo­gi­schen Kla­via­tur mensch­li­cher Gefüh­le zu spie­len vermochten.

Sie ver­stan­den es, das Bedürf­nis nach einem soli­da­ri­schen Wir­ge­fühl unter den Ange­hö­ri­gen des deut­schen Vol­kes zu för­dern und zu nut­zen. Die­ses Wir wur­de gestärkt durch die Abgren­zung von den „Ande­ren“, zu denen die Juden gerech­net wur­den, die als poten­ti­ell ver­rä­te­risch (inter­na­tio­na­le Ver­bin­dun­gen) betrach­tet wurden.

Zudem nei­de­te man den Juden ihren Erfolg und als die NS-Füh­rung es gerecht­fer­tigt erschei­nen ließ, vom Hab und Gut der Juden zu pro­fi­tie­ren, wider­stan­den nur weni­ge. Die Bevöl­ke­rung spür­te den Auf­schwung und war dank­bar für die sozia­len Wohl­ta­ten. Sie konn­te dabei ver­drän­gen, dass die Füh­rung all dies mit Unrecht (Raub, Ent­eig­nung) ermög­lich­te und ein gro­ßer Krieg fest ein­ge­plant war, um Land im Osten zu kolonisieren.

Die Zustim­mungs­ra­ten san­ken mit Beginn des Krie­ges, wofür Aly fünf Indi­ka­to­ren anführt: „1. Die Häu­fig­keit der Vor­na­men Adolf, Horst und Her­mann; 2. Die Häu­fig­keit der … Kir­chen­aus­trit­te; 3. die Wort­wahl in den Anzei­gen für die Gefal­le­nen; 4. das Spar­ver­hal­ten; 5. Die Anzahl der Todes­ur­tei­le, die aus poli­ti­schen Grün­den gegen Alt­reichs­deut­sche gefällt wur­den.“ (S. 295) Zuneh­mend konn­te gleich­wohl die unver­meid­li­che Angst der deut­schen Bevöl­ke­rung vor der unaus­weich­lich erschei­nen­den Rache der Alli­ier­ten den zuneh­mend ver­zwei­fel­ten Sie­ges­wil­len auf­recht erhalten.

Zum Aspekt des Rassismus

Götz Aly wur­de schon frü­her vor­ge­wor­fen, er sei ein „eng­stir­ni­ger Mate­ria­list“, weil er die ideo­lo­gi­sche Basis der Ent­schei­dun­gen Hit­lers als weni­ger rele­vant erach­te als öko­no­mi­sche und mili­tä­ri­sche Aspek­te. Nun wie­sen aber ande­re For­scher und auch Götz Aly auf, wie sehr die finan­zi­el­le Not­la­ge und die Ent­schlos­sen­heit zum gro­ßen Krieg und Raub­zug (!) jeweils aufs Neue bru­ta­les Vor­ge­hen nach sich zog.

Gleich zwei­mal zitiert Aly Tho­mas Manns Wort vom Ras­sis­mus, den die Nazis als »revo­lu­tio­nä­res Zer­set­zungs­mit­tel« nutz­ten (mit der Fort­set­zung): »Wenn einem nur nicht das Wort ›revo­lu­tio­när‹ noch immer zu gut wäre für die­se nihi­lis­ti­sche Schwei­ne­rei.« (S. 272 und 591)

Es ist ein schwer zu beant­wor­ten­de Fra­ge, wie sich Ras­sis­mus, Natio­na­lis­mus und völ­ki­sche Ideo­lo­gie zuein­an­der ver­hal­ten. Hit­ler beschreibt, wie er von Jugend an sich als Deut­scher in Öster­reich fühl­te. Das Deutsch­tum spiel­te für ihn die ent­schei­den­de Rol­le: Die Natio­nal­hym­ne „Deutsch­land, Deutsch­land über alles“ zitiert er mehr­fach. Über den Fra­gen der Ideo­lo­gie wird leicht über­se­hen, dass Hit­ler als Para­de­bei­spiel für „toxi­sche Männ­lich­keit“ gel­ten kann. Er spricht von „lächer­li­chen wie zweck­lo­sen Wohl­fahrts­du­se­lei­en“, von „bru­ta­ler Ent­schlos­sen­heit in der Nie­der­bre­chung unver­bes­ser­li­cher Auswüchslinge“

Fort­set­zung folgt

Wel­che Fra­gen bedür­fen Ihrer Ansicht nach der wei­te­ren Diskussion?

z.B.:

  • Ist „Ver­ste­hen“ möglich?
Götz Aly: Wie konnte das geschehen?

Götz Aly: Wie konn­te das gesche­hen? Frank­furt am Main: S. Fischer Ver­lag 2026.