Welt in Aufruhr

Der Titel Welt in Auf­ruhr scheint eine auf­re­gen­de Ana­ly­se der gegen­wär­ti­gen Kri­sen zu ver­spre­chen. Was Mün­k­ler aber lie­fert, ist eine Dar­stel­lung von Typo­lo­gien von Welt­ord­nun­gen, Macht­struk­tu­ren und geo­po­li­ti­sche Stra­te­gien von Thuky­di­des bis Carl Schmitt.

Was führte zum Krieg gegen die Ukraine?

Natür­lich kom­men bei Mün­k­ler recht bald die Ursa­chen für den Krieg in der Ukrai­ne zur Sprache.

Erhel­lend ist die Gegen­über­stel­lung der bei­den Nar­ra­ti­ve bezüg­lich der initia­ti­ven Akteu­re: Ist hier Russ­land zu nen­nen und die Linie zu zie­hen von den bei­den Tsche­tsche­ni­en­krie­gen über den Geor­gi­en­krieg bis hin zur Anne­xi­on der Krim? Oder beginnt man mit den NATO-Luft­an­grif­fen auf Ser­bi­en im Jahr 1999 und dem drit­ten Golf­krieg der USA? Je nach­dem, wor­auf der Fokus der Auf­merk­sam­keit gerich­tet ist, erfol­gen übli­cher­wei­se auch die ent­spre­chen­den Schuldzuweisungen.

Nach Mün­k­ler wur­den jeden­falls die NATO-Angrif­fe von 1999 auf das über­wie­gend ortho­do­xe Ser­bi­en von Russ­land „als eine schwe­re Demü­ti­gung emp­fun­den“. Die Legi­ti­mie­rung der west­li­chen Luft­schlä­ge zum Schutz einer eth­ni­schen Min­der­heit „avan­cier­te zur rus­si­schen Begrün­dung für mili­tä­ri­sches Ein­grei­fen von Geor­gi­en über die Krim bis zum Don­bas: Auch hier war durch­weg vom Schutz der rus­si­schen Min­der­heit die Rede.“ (S. 40)

Nach Äuße­run­gen Putins könn­te man anneh­men, dass er einen NATO-Bei­tritt der Ukrai­ne ver­hin­dern wollte.

Einer ande­ren Sicht zufol­ge ist Russ­land „nicht von der NATO und ihren Rake­ten ein­ge­kreist wor­den, son­dern von der Idee der Demo­kra­tie, der Men­schen­rech­te, des Rechts­staats, der indi­vi­du­el­len Frei­heit und vor allem dem Wunsch nach einem bes­se­ren Leben.“ (S. 92)

Die­se Deu­tung macht „ver­ständ­lich“, war­um es „Russ­land in die­sem Krieg nicht nur um die Zer­schla­gung der poli­ti­schen Struk­tu­ren der Ukrai­ne, „son­dern auch um eine mög­lichst umfas­sen­de Zer­stö­rung des Lan­des, sei­ner Infra­struk­tur, der Fabri­ken sowie der export­ori­en­tier­ten Land­wirt­schaft“ geht (S. 91). Auch wenn Mün­k­ler hier einen Erklä­rungs­an­satz refe­riert, irri­tiert doch, dass er häu­fig von Russ­land spricht, wäh­rend er rich­ti­ger von Putin spre­chen soll­te. Gera­de sein eige­ner Erklä­rungs­an­satz setzt die­se Dif­fe­ren­zie­rung gera­de­zu vor­aus, wes­halb Mün­k­ler dann doch kon­kret „die Her­ren im Kreml“ nennt:

„Es ging und geht dar­um, an den Gren­zen des real exis­tie­ren­den Russ­land ein alter­na­ti­ves Russ­land zu ver­hin­dern, das eine für die Her­ren im Kreml gefähr­li­che Attrak­ti­vi­tät gewin­nen könn­te. Folgt man die­ser Erklä­rung, so war mehr als ein NATO-Bei­tritt der Ukrai­ne, deren EU-Mit­glied­schaft die für die rus­si­sche Poli­tik aus­schlag­ge­ben­de Her­aus­for­de­rung…“. (S. 91)

Die inter­es­san­ten Aus­füh­run­gen zur Ukrai­ne ent­spre­chen den durch den Titel geweck­ten Erwartungen.

Welt in Aufruhr?

Nun hät­te ich erwar­tet, dass auch ande­re bri­san­te The­men erör­tert wer­den, wie die Migra­ti­ons­the­ma­tik oder die sich ver­schär­fen­den Fol­gen der Kli­ma­kri­se, die popu­lis­ti­schen Dyna­mi­ken oder die Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen, die auch durch Coro­na­pan­de­mie an Rele­vanz und Bri­sanz gewon­nen haben.

Jedoch: Zu all die­sen The­men fin­det sich so gut wie nichts.

Mün­k­ler ver­folgt in sei­ner Dar­stel­lung also nicht ein­zel­ne Pro­blem­be­rei­che, son­dern folgt Typo­lo­gien und sys­te­ma­ti­sie­ren­den Model­len, die er durch Bei­spie­le anrei­chert. Er spricht selbst von einer „modell­theo­re­ti­schen Sicht“ (z.B. S. 428). Der Titel weck­te ande­re Erwartungen.
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Herfried Münkler: Welt in Aufruhr

Her­fried Mün­k­ler: Welt in Auf­ruhr, Rowohlt 2023.

Revisionistische Bestrebungen

Sehr auf­schluss­reich und fak­ten­ge­sät­tigt sind dabei Mün­k­lers Aus­füh­run­gen über Revi­sio­nis­mus (S. 72ff). In den Frie­dens­ver­trä­gen von Müns­ter und Osna­brück von 1648 und im Wie­ner Kon­gress von 1815 sei es gelun­gen, Frie­dens­ord­nun­gen zu schaf­fen, die kei­ne Macht mit dem Vor­be­halt zurück­ließ, bei nächs­ter Gele­gen­heit doch noch zu ihrem „Recht“ zu kommen.

Aber nach dem deutsch-fran­zö­si­schen Krieg mit dem Frie­dens­schluss von 1871 war Frank­reich revi­sio­nis­tisch gesinnt. Vor allem aber wur­de nach dem  ers­ten Welt­krieg Deutsch­land durch den Ver­sailler-Ver­trag zu einer revi­sio­nis­ti­sche Macht, aber auch Russ­land, das trotz sei­nes hohen Blut­zolls im Ers­ten Welt­krieg nicht an den Ver­hand­lun­gen betei­ligt wor­den war. Zudem war Ita­li­en revi­sio­nis­tisch gesinnt, weil es nicht die zuge­sag­ten Gebie­te an der dal­ma­ti­schen Küs­te erhal­ten hat­te.  (Nur die Tür­kei, die sich dem dem vor­ge­se­he­nen Kur­den­staat wider­setz­te war mit ihren Vor­be­hal­ten erfolg­reich.) Mün­k­ler führt die­se Bei­spie­le für revi­sio­nis­ti­sche Bestre­bun­gen an, ohne wirk­lich die psy­cho­lo­gi­schen und tak­ti­schen Mecha­nis­men zu ana­ly­sie­ren. So war es ja nicht küh­le macht­stra­te­gi­sche Unzu­frie­den­heit, die Hit­ler den zwei­ten Welt­krieg begin­nen ließ, son­dern Hit­ler nutz­te die Krän­kungs­er­fah­run­gen durch den Ver­sailler Ver­trag pro­pa­gan­dis­tisch für sei­ne irra­tio­na­len Kriegs­zie­le aus.

Nach dem zwei­ten Welt­krieg ver­such­te man erst gar nicht, eine Frie­dens­ord­nung zu eta­blie­ren. Und als die­se Mög­lich­keit nach der Wen­de von 1989 von Ita­li­en und Polen ins Gespräch gebracht wur­de, erfuhr die­ses Ansin­nen eine schar­fe Zurück­wei­sung durch die USA. Man hoff­te viel­mehr auf die pazi­fi­zie­ren­den Wir­kun­gen einer umfas­sen­den wirt­schaft­li­chen Ein­bin­dung. De fac­to hat nun aber Russ­land bzw. Putin (!) revi­sio­nis­ti­sche Zie­le offenbart.

Aus mei­ner Sicht kann das The­ma Revi­sio­nis­mus nicht ohne eine Ana­ly­se der „poli­ti­schen Gefüh­le“ sinn­voll bear­bei­tet wer­den. Inwie­weit speis­ten sich die diver­sen revi­sio­nis­ti­schen Bestre­bun­gen durch das Gefühl der unge­rech­ten Behand­lung? Was nähr­te die­se Gefüh­le? Was hät­te sie mil­dern kön­nen? Wel­che Rol­le spie­len Nar­ra­ti­ve? Und wer ver­brei­tet (aus wel­chen Grün­den) wel­che Narrative?

Hat, um nur ein pro­mi­nen­tes Bei­spiel zu nen­nen, die Äuße­rung von Oba­ma am 25. März 2014, in der er Russ­land als Regio­nal­macht, regio­nal power, bezeich­ne­te, Öl ins Feu­er revi­sio­nis­ti­scher Gefüh­le und Kräf­te gegossen?
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Wie kann revisionistischen Bestrebungen begegnet werden?

Poten­zi­ell frie­dens­ge­fähr­den­den revi­sio­nis­ti­schen Bestre­bun­gen kann nach Mün­k­ler in drei­er­lei Wei­sen begeg­net wer­den: durch Wohl­stands­trans­fer, Appease­ment und Abschre­ckung und deren Kombinationen.

  1. Als Bei­spiel für Appease­ment führt Mün­k­ler den Frie­dens­schluss Isra­els mit Ägyp­ten von 1979 an (Land gegen Frie­den), wobei hier der Begriff nicht ganz passt, denn es kam hier (bemer­kens­wert genug!) schlicht zu einem Frie­dens­schuss nach 2 Krie­gen (dem 6‑Ta­ge-Krieg von 1967 und dem Jom-Kip­pur-Krieg von 1973), so dass man weder Ägyp­ten in den anschlie­ßen­den 6 oder nur 5 Jah­ren Waf­fen­still­stand (das Camp-David-Abkom­men war bereits 1978) als eine „revi­sio­nis­ti­sche Macht“ wird bezeich­nen kön­nen, noch die Bereit­schaft, besetz­tes Land zurück­zu­ge­ben im Inter­es­se eines dau­er­haf­ten Frie­dens, als „Appease­ment“. Und natür­lich spiel­ten auch wirt­schaft­li­che Vor­tei­le eine Rol­le, sowohl aus sich eröff­nen­den wech­sel­sei­ti­gen Han­dels- und Ver­kehrs­be­zie­hun­gen (in der Ziel­set­zung mehr als dann in der Wirk­lich­keit) als auch und vor allem durch die (beloh­nen­de) Unter­stüt­zung bei­der Staa­ten durch die USA.
    Auch im Mins­ker-Abkom­men von 2015 sieht Mün­k­ler Ele­men­te von Appease­ment, „inso­fern es … euro­päi­sche Zuge­ständ­nis­se in der Krim­fra­ge für eine Beru­hi­gung im Don­bas ins Spiel“ brach­te. (S. 81) Ähn­lich wie Hit­ler sich nach dem Münch­ner Abkom­men von 1938 nicht ver­trags­treu gezeigt hat, so gilt dies auch für Putin. Aller­dings habe die Ukrai­ne die Zeit nach dem Mins­ker Abkom­men mit Hil­fe der USA für Trai­ning und Auf­rüs­tung eben­so genutzt, wie Cham­ber­lain mit einer „entschiedene[n] Poli­tik der Auf­rüs­tung“ begann, „ohne die Groß­bri­tan­ni­en die Luft­schlacht über Eng­land im Som­mer 1940 wahr­schein­lich nicht gewon­nen hät­te.“ (S. 82)
  1. Als über­ra­schen­des Bei­spiel für den Ver­zicht auf Revi­sio­nis­mus auf Grund von Wohl­stands­ge­win­nen nennt Mün­k­ler die West­deut­schen: „das erreich­te Wohl­stands­ni­veau war die Grund­la­ge dafür, dass sie Ende der 1960er Jah­re der Ost­po­li­tik Wil­ly Brandts zustimm­ten“ (S. 78). Ob hier nicht auch die Kriegs­schuld und somit Wer­te eine Rol­le gespielt haben? Mit­ge­fühl und ein Sinn für Gerech­tig­keit etwa, die sag­ten, dass Polen nun in gesi­cher­ten und aner­kann­ten Gren­zen exis­tie­ren kön­nen soll­te? Auch wenn Mün­k­ler die Ori­en­tie­rung an „Wer­ten“ für pro­ble­ma­tisch hält (s. unten), soll­te er sie doch nicht in ihren rea­len Wir­kun­gen negie­ren. Es ist ver­mut­lich eine offe­ne sozi­al­psy­cho­lo­gi­sche Fra­ge, wie stark die Fak­to­ren „erreich­tes Wohl­stands­ni­veau“ bzw. mora­li­sche Intui­tio­nen von Mit­ge­fühl und Gerech­tig­keit wirk­sam waren.
    Tref­fen­der­wei­se the­ma­ti­siert Mün­k­ler die Hoff­nung, die in Deutsch­land ver­brei­tet war, dass der Import von rus­si­schem Gas und Öl zu einer gegen­sei­ti­gen Abhän­gig­keit füh­ren wür­de, die auch Russ­land nicht aufs Spiel set­zen wür­de. Mün­k­ler, der sich hier mit Bewer­tun­gen zurück­hält, scheint die­se Stra­te­gie nicht grund­sätz­lich für naiv zu hal­ten, son­dern beschreibt sie nüch­tern als eine Opti­on neben Appease­ment und Abschre­ckung. Viel­leicht kann man sogar sagen, dass es den Ver­such wert gewe­sen sei, zumal wenn das Risi­ko stär­ker begrenzt wor­den wäre.
    Ein Pro­blem bei der Hoff­nung auf Wohl­stands­ge­win­ne war auch, dass die­se vor­ran­gig bei den Olig­ar­chen lan­de­ten, die ihr Geld aber im Wes­ten aus­ga­ben, so dass es nicht zu einem „Durch­si­ckern des Wohl­stan­des in die brei­te Bevöl­ke­rung kam“ (S. 86) und damit nicht zur „Auf­lö­sung von Res­sen­ti­ments“ – wobei hier wie­der die Fra­ge ist, ob Res­sen­ti­ments bei der Bevöl­ke­rung das Pro­blem waren oder viel­mehr das geziel­te Wach­ru­fen sol­cher Gefüh­le durch Putin. Mün­k­ler sagt an ande­rer Stel­le selbst, dass in auto­kra­ti­schen Sys­te­men die Men­schen lei­dens­be­rei­ter sei­en. Die Tat­sa­chen, dass Putin im Blick auf den Krieg in der Ukrai­ne von einer „Spe­zi­al­ope­ra­ti­on“ sprach (und teil­wei­se noch spricht) und dass er pri­mär Sol­da­ten aus ent­le­ge­nen Pro­vin­zen und unter Straf­ge­fan­ge­nen rekru­tier­te, weist dar­auf hin, dass er jeden­falls nicht mit einer son­der­li­chen Kriegs­be­geis­te­rung rech­ne­te. So scheint aus­ge­rech­net an der einen Stel­le, in der Mün­k­ler poli­ti­sche Gefüh­le the­ma­ti­siert und zurecht dar­auf hin­weist, dass Wohl­stands­trans­fer nicht alles ist, die Anwend­bar­keit auf die rus­si­sche Bevöl­ke­rung sehr frag­lich. Ansons­ten hat er völ­lig Recht, dass ein Wohl­stands­trans­fer womög­lich nicht „Wut und Zorn“ kom­pen­sie­ren kann, „die in «her­un­ter­ge­schluck­ter» Form als Groll von lan­ger Dau­er sind“ (S. 87).
  1. Abschre­ckung ist mit den höchs­ten Kos­ten ver­bun­den, da auf eine „Frie­dens­di­vi­den­de“ weit­ge­hend ver­zich­tet wer­den muss (S. 83). Dies muss von der Bevöl­ke­rung erst ein­mal „akzep­tiert wer­den“. Außer­dem besteht immer die Gefahr, dass „der abzu­schre­cken­de Revi­sio­nist sie nicht als Abschre­ckung, son­dern als Bedro­hung wahr­nimmt“ (S. 83 Her­vor­he­bung von mir, G. R.). „Das ist das Dilem­ma einer Poli­tik der Abschre­ckung, die im Nach­hin­ein frei­lich, wenn der Revi­sio­nist den Krieg begon­nen hat, in der Öffent­lich­keit als ein­zig sinn­vol­ler Umgang mit der Her­aus­for­de­rung dar­ge­stellt wird …“ (S. 84). Dies ist eine sehr erhel­len­de und rele­van­te Beobachtung.

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Wie kann eine Friedensordnung aussehen?

In einer wei­te­ren Typo­lo­gie unter­schei­det Mün­k­ler drei Model­le für eine Frie­dens­ord­nung (S. 42ff):

Im Vege­ti­us-Modell (nach dem römi­schen Mili­tär­theo­re­ti­ker Fla­vi­us Vege­ti­us) kann der Frie­den bei drei oder mehr Mäch­ten gewahrt wer­den, wenn jede Macht weiß, dass sie es mit den ande­ren Mäch­ten zu tun bekommt, wenn sie den Frie­den bricht.

Im Dan­te-Modell (nach dem Dich­ter und Poli­tik­theo­re­ti­ker Dan­te Ali­ghie­ri, der ein hier­ar­chi­sches Frie­dens­mo­dell ent­wor­fen hat) gibt es gera­de kein aus­ba­lan­cier­tes Gleich­ge­wicht der Kräf­te. Viel­mehr hat Dan­te anknüp­fend an das Pro­blem der Vor­macht­stel­lung von Papst oder Kai­ser das Pri­mat der Uni­ver­sal­mon­ar­chie mit ihren Rechts­vor­ga­ben als idea­le Ord­nung entworfen.

Das Comte-Spen­cer-Modell schließ­lich ver­spricht sich von den Han­dels­be­zie­hun­gen und den dadurch ent­ste­hen­den Ver­flech­tun­gen gene­rell eine Schwä­chung des Mili­ta­ris­mus und sieht Wirt­schafts­sank­tio­nen als Instru­ment der Bestrafung.

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Pentarchie als Weltordnung?

Konn­te die Zeit des Kal­ten Krie­ges als eine binä­re Welt beschrie­ben wer­den, kamen die USA nach der Wen­de in die Nähe der Vor­macht­stel­lung wie sie das Dan­te-Modell kennt, die Ana­lo­gie zum römi­schen Reich liegt nahe. Mit dem (Wieder-)Erstarken Chi­nas aber ist die Welt in eine mul­ti­po­la­re Welt­ord­nung ein­ge­tre­ten. Nach Mün­k­ler gibt es gene­rell eine Ten­denz zu fünf Welt­mäch­ten, Pen­t­archien, die eine frie­dens­si­chern­de Wir­kung haben. Dabei  kann durch­aus eine Macht durch eine ande­re ersetzt wer­den, ohne dass die Fünf­zahl und der Frie­de im Gan­zen gefähr­det werden.

Als Bei­spie­le für Pen­t­archien (S. 196f) kön­nen schon aus dem 15. Jahr­hun­dert die Kon­stel­la­ti­on von Vene­dig, Mai­land, Flo­renz, Nea­pel und das Papst­tum genannt werden,

sowie nach dem West­fä­li­schen Frie­den: Wie­ner Kai­ser­haus, Spa­ni­en, Frank­reich, Eng­land und Schweden;

im 19. Jahr­hun­dert ver­scho­ben sich die Kräf­te letzt­lich hin zu einer Pen­t­archie von Russ­land, Deutsch­land, Öster­reich-Ungarn, Frank­reich und England.

Mün­k­ler erör­tert nun die Fra­ge, wie es „zum Ver­sa­gen des Gleich­ge­wichts­me­cha­nis­mus in der euro­päi­schen Pen­t­archie“ und damit zum 1. Welt­krieg kam (S. 202, Her­vor­he­bung von mir, G.R.).
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Der 1. Weltkrieg – ein Versagen der europäischen „Pentarchie“?

„Die Fra­ge danach ist nicht iden­tisch mit der nach der Schuld am Krieg“ betont Mün­k­ler. Nicht erwähnt wird aller­dings die Mög­lich­keit, dass die Staa­ten in den Krieg hin­ein­ge­stol­pert sind – völ­lig unab­hän­gig (nicht von Bünd­nis­ver­pflich­tun­gen und vie­lem ande­ren, aber) von so etwas wie einer „Pen­t­archie“. Jeden­falls inter­es­siert sich Mün­k­ler vor allem für die Fra­ge, war­um Groß­bri­tan­ni­en nicht „an sei­ner Rol­le als «Züng­lein an der Waa­ge» fest­hielt und sich als balan­cie­ren­der Fünf­ter ver­stand“ (S. 202).

Mün­k­ler weist dar­auf hin, dass in „einem Teil der For­schungs­li­te­ra­tur“ die Ver­let­zung der Neu­tra­li­tät Bel­gi­ens im Rah­men des Schlief­fen­plans als Grund für den Kriegs­ein­tritt Eng­lands ange­ge­ben wird.

Mün­k­ler stellt dane­ben (aus­führ­li­cher) die Auf­fas­sung, es kön­ne „der eng­li­schen Poli­tik seit Beginn des 20. Jahr­hun­derts dar­um [gegan­gen sein], den wei­te­ren Auf­stieg Deutsch­lands zu blo­ckie­ren“ (S. 204). Mün­k­ler bezieht sich auf die soge­nann­te „Thuky­di­des-Fal­le“, die dar­in besteht, sich wegen des erstar­ken­den Geg­ners genö­tigt zu sehen, recht­zei­tig noch die eige­ne Über­le­gen­heit aus­zu­spie­len – so wie Thuky­di­des es im Blick auf Spar­ta gegen­über dem pro­spe­rie­ren­den Athen beschrieb (vgl. S. 46).

„Die­ser Sicht zufol­ge“ wäre die Pen­t­archie geschei­tert, „weil die Macht des Aus­gleichs und der Balan­ce mit Blick auf ihre eige­nen Inter­es­sen die ihr zukom­men­den Auf­ga­ben nicht mehr erfüll­te und in einen Krieg ein­trat, den doch gera­de sie hät­te begren­zen sol­len.“ (S. 204)

Die­se Sicht, die sich Mün­k­ler nicht expli­zit zu eigen macht, für die er aller­dings auch kei­ne Quel­len nennt und die er rela­tiv aus­führ­lich dar­stellt, ist gelin­de gesagt höchst fragwürdig.

Camp-David-Abkom­men, Foto vom 7. Sep­tem­ber 1978
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1. Eng­lands Ent­schei­dung zum Kriegs­ein­tritt stand auf Mes­sers Schnei­de, wie Mün­k­ler selbst in sei­nem gro­ßen Werk zum Krieg schreibt: „Den­noch war 1914 nicht von Anfang an klar, ob es in der libe­ra­len Regie­rung unter Her­bert Hen­ry Asquith eine kla­re Ent­schei­dung für den zunächst kei­nes­wegs popu­lä­ren [!] Kriegs­ein­tritt geben wür­de. Bis zum deut­schen Ein­marsch in Bel­gi­en blieb das offen; erst die Ver­let­zung der bel­gi­schen Neu­tra­li­tät mach­te es der poli­ti­schen Füh­rung Groß­bri­tan­ni­ens leicht, die Unter­stüt­zung der Bevöl­ke­rung für die­sen Schritt zu gewin­nen.“ (Der gro­ße Krieg, Ber­lin: Rowohlt 2014, S. 77). Auch die genaue Nach­zeich­nung der Tage vor Kriegs­be­ginn durch Chris­to­pher Clark macht deut­lich: Noch am 31. Juli war die Mehr­heit des Kabi­netts gegen einen Kriegs­ein­tritt und wur­de auch von „Bank- und Han­dels­krei­sen in Lon­don unter­stützt“ (Die Schlaf­wand­ler, Mün­chen: Deut­sche Ver­lags-Anstalt 2013 S. 960). Am 1. August war sich John Mor­ley „des Sie­ges der Nicht­in­ter­ven­tio­nis­ten so sicher, dass er vor Chur­chill mit dem Sieg der »Frie­dens­par­tei« prahl­te“ (Clark S. 961). Zudem hat­te Groß­bri­tan­ni­en innen­po­li­ti­sche Pro­ble­me, ins­be­son­de­re mit iri­schen Natio­na­lis­ten. Nach dem 1. Welt­krieg kam es dann von 1919–1921 zu einem blu­ti­gen Bür­ger­krieg und 1922 zur Grün­dung des Iri­schen Freistaats.

2. Es war die Rede von Außen­mi­nis­ter Grey vor dem Unter­haus, die am 3. August die Ent­schei­dung brach­te: Er beton­te die mora­li­sche Ver­pflich­tung gegen­über Frank­reich, weil die Freund­schaft, die zwi­schen Eng­land und Frank­reich ent­stan­den sei, Frank­reich ein Gefühl der Sicher­heit gege­ben habe. „Die fran­zö­si­sche Flot­te befin­det sich im Mit­tel­meer und ist seit eini­gen Jah­ren infol­ge des Gefühls von Ver­trau­en und Freund­schaft, das zwi­schen bei­den Län­dern bestand, dort kon­zen­triert wor­den.“ (zitiert nach Chris­to­pher Clark, a. O. S. 963) Grey erwähn­te auch noch ein macht­po­li­ti­sches Argu­ment bezüg­lich der etwa­igen Not­wen­dig­keit, selbst im Mit­tel­meer aktiv zu wer­den. Dass die mora­li­schen Argu­men­te kei­ne Rol­le gespielt hät­ten (oder womög­lich – wegen der Domi­nanz der geo­po­li­ti­schen Macht­po­li­tik – nie eine Rol­le spie­len wür­den) wäre jeden­falls eine abwe­gi­ge Behauptung.

3. Wenn Eng­land die Auf­ga­be zuge­schrie­ben gewe­sen wäre (wer auch immer das nach Mün­k­ler so ver­fügt hät­te), die Macht „des Aus­gleichs und der Balan­ce“ zu sein, so hät­te es durch eine Neu­tra­li­täts­er­klä­rung wie Deutsch­land sie for­der­te, die­ses gera­de­zu zum Krieg ermu­tigt. Und wäre Eng­land jener Auf­ga­be bes­ser gerecht gewor­den, wenn es Deutsch­land gegen Bel­gi­en und Frank­reich freie Hand gelas­sen hät­te und neu­tral geblie­ben wäre? Hät­te das zu einer „Begren­zung“ des Krie­ges geführt? Mün­k­ler sagt jeden­falls nicht expli­zit, wie das Niall Fer­gu­son in sei­nem Buch The Pity of War tat­säch­lich schluss­fol­ger­te, dass eine Neu­tra­li­tät Eng­lands und ein Sieg Deutsch­lands über Frank­reich und Russ­land his­to­risch gese­hen begrü­ßens­wer­ter gewe­sen wären; und erst recht sagt Mün­k­ler nicht, denn das wür­de natür­lich sei­ner Hypo­the­se, dass Groß­bri­tan­ni­en Deutsch­land als bedroh­li­che Macht emp­fand, krass wider­spre­chen, dass selbst ein sieg­rei­ches Deutsch­lands für Groß­bri­tan­ni­en kei­ne Gefahr bedeu­tet hät­te. Genau dies ist näm­lich die Auf­fas­sung von Fer­gu­son. Die­ser schließt sein Buch (dt. Über­set­zung: Der fal­sche Krieg, Mün­chen 2013) mit den Wor­ten: „Indem sie 1914 gegen Deutsch­land in den Kampf zogen, hal­fen Asquith, Grey und ihre Kol­le­gen, dafür zu sor­gen, daß Groß­bri­tan­ni­en, als Deutsch­land schließ­lich die Vor­herr­schaft auf dem Kon­ti­nent erreich­te, nicht mehr stark genug war, dazu ein Gegen­ge­wicht zu bil­den.“ (S. 514). In jedem Fall hät­te man im Fal­le der Neu­tra­li­tät Groß­bri­tan­ni­ens wohl kaum von einer gelun­ge­nen Auf­recht­erhal­tung einer Pen­t­archie spre­chen können.
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Herfried Münkler: Der Große Krieg

Her­fried Mün­k­ler: Der Gro­ße Krieg. Die Welt 1914–1918,
Rowohlt 2013.

Christopher Clark: Die Schlafwandler

Chris­to­pher Clark: Die Schlafwandler,
Deut­sche Ver­lags-Anstalt, Mün­chen 2013.

Niall Ferguson: Der falsche Krieg

Niall Fer­gu­son: Der fal­sche Krieg,
Pan­the­on Ver­lag 2013.

Pentarchie im 21. Jahrhundert?

Das Vor­kriegs­eu­ro­pa scheint genau das nicht zu sein, was Mün­k­ler in ihm sehen will: Eine Pen­t­archie, die bei rol­len­ge­rech­tem Ver­hal­ten von Groß­bri­tan­ni­en funk­ti­ons­fä­hig geblie­ben wäre. Das ist nicht nur von his­to­ri­scher Bedeu­tung, denn Mün­k­ler kon­sta­tiert bzw. erwar­tet wie­der­um eine Pen­t­archie, in der „Chi­na, Russ­land, Indi­en, die USA und die Euro­päi­sche Uni­on die Welt­ord­nungs­mäch­te des 21. Jahr­hun­derts sein wer­den“ (S. 406). Und hier fällt es nach Mün­k­ler, Indi­en zu, „Züng­lein an der Waa­ge“ zu sein (S. 456). Da er selbst Indi­en „die gro­ße Unbe­kann­te“ nennt, scheint es noch nicht so weit zu sein, dass Indi­en zu den Mäch­ten gehört, die „die Welt­ord­nung prä­gen und kon­trol­lie­ren“. Also leben wir der­zeit ohne eine Pen­t­archie als Welt­ord­nung. Ist die Welt­la­ge des­halb insta­bil? Wohl eher aus ande­ren Grün­den. Auch das Bild des „Clubs“ (z. B. S. 455) für die­se fünf Mäch­te scheint völ­lig ver­fehlt, als wür­den sie ver­trau­ten Umgang mit­ein­an­der pfle­gen und hät­ten sie nicht außer­halb die­ses „Clubs“ die eigent­li­chen Freunde.

Mün­k­ler stra­pa­ziert das Kon­zept der Pen­t­archie noch wei­ter, indem er ver­mu­tet, dass sich auch inner­halb der EU eine Fün­fer­kon­stel­la­ti­on ent­wi­ckeln könn­te, zu der Frank­reich, Deutsch­land, Polen, Ita­li­en, Spa­ni­en gehö­ren wür­den. (S. 453) Denn nur die­se könn­ten tat­säch­lich eine Kraft in der glo­ba­len Pen­t­archie bilden.
Mün­k­ler  dis­ku­tiert nicht, war­um auch im Fal­le einer Koope­ra­ti­on ein Fün­fer­bünd­nis sinn­voll sein soll­te. Hier käme es doch auf gute Koope­ra­ti­on an, und nicht auf die gegen­sei­ti­ge Beschrän­kung der Macht. War­um soll­ten das nicht genau­so gut 2,3 oder mehr sein kön­nen, wenn sie denn gemein­sa­me Wer­te und Inter­es­sen, ein gemein­sa­mes Nar­ra­tiv besit­zen? Auch die Zahl von Bun­des­staa­ten oder Bun­des­län­dern oder Depart­ments spielt für die gemein­sa­me Außen­po­li­tik ja kei­ne Rol­le. In einer Welt­ord­nung, einer Pen­t­archie kann und wird es ver­schie­de­ne und gegen­sätz­li­che Inter­es­sen geben, in einer Staa­ten­grup­pe, die als eine Macht in der Pen­t­archie auf­tre­ten will, wäre genau das sehr problematisch.
Neu­gie­rig macht der Ver­such Mün­k­lers (jen­seits von modell­theo­re­ti­schen Über­le­gun­gen) die iden­ti­täts­stif­ten­den Nar­ra­ti­ve der Ukrai­ne, Russ­lands, der USA und Chi­nas zu skizzieren.
blind

Nationale Narrative – wozu sind sie gut?

Das ukrai­ni­sche und das rus­si­sche Nar­ra­tiv befin­den sich gegen­wär­tig in einer Um- und Neu­bil­dung, sind also nicht über län­ge­re Zeit orga­nisch gewach­sen. Das Kon­stru­ier­te und Gewoll­te ihrer aktu­el­len Nar­ra­ti­ons­bil­dun­gen zeigt sich etwa dar­an, dass his­to­ri­sche Kon­tin­gen­zen ver­deckt und über­spielt wer­den, die His­to­rie geglät­tet und teleo­lo­gisch aus­ge­rich­tet wird.

Im Fal­le der USA gibt es wenig Sub­stan­zi­el­les zu berich­ten. Kaum hat Mün­k­ler das US-Ame­ri­ka­ni­sche „Nar­ra­tiv“ benannt, näm­lich durch soft power welt­weit Demo­kra­ti­sie­rungs­pro­zes­se, indi­vi­du­el­le Frei­heit und wirt­schaft­li­chen Wohl­stand zu för­dern (S. 268), da dekon­stru­iert er die­ses Nar­ra­tiv bereits durch den Ver­weis auf die zahl­rei­chen Bei­spie­le von Inter­ven­tio­nen aus ego­is­ti­schem und macht­po­li­ti­schem Inter­es­se – und geht über zur Dar­stel­lung eines sehr spe­zi­el­len und äußerst dubio­sen Nar­ra­tivs, näm­lich dem der Neo­cons, der Ver­tre­ter eines Neo­kon­ser­va­tis­mus. Die­se waren näm­lich, so Mün­k­ler, der Auf­fas­sung, dass durch lan­ge Frie­dens­zei­ten den USA, wie schon dem alten Rom, der Nie­der­gang dro­he. „Die Kriegs­ori­en­tie­rung, der die USA wäh­rend der Prä­si­dent­schaft von Geor­ge W. Bush frön­ten, war eine von den Neo­cons ange­ra­te­ne Ver­si­che­rung gegen den dro­hen­den Nie­der­gang.“ (S. 270) Mün­k­ler stellt abschlie­ßend Posi­tio­nen des Jour­na­lis­ten und Poli­tik­be­ra­ters Robert Kagan dar, der „neo­kon­ser­va­ti­ven Zir­keln“ zuzu­rech­nen ist (aktu­ell aller­dings ein­dring­lich vor der Gefahr einer Trump-Dik­ta­tur warnt). Inwie­fern die poli­ti­schen Ein­schät­zun­gen von Kagan Bau­stei­ne zum US-ame­ri­ka­ni­sche „Nar­ra­tiv“ bei­steu­ern, bleibt von Mün­k­ler undiskutiert.

Bei der her­aus­for­dern­den Auf­ga­be der Skiz­zie­rung eines chi­ne­si­schen Nar­ra­tivs ret­tet sich Mün­k­ler in die Dar­stel­lung des ohne Zwei­fel bedeu­ten­den Buches von ZHAO Tin­gyang (der Nach­na­me steht am Anfang). Mün­k­ler stellt das Tianxia-Prin­zip „Alles unter einem Him­mel“ mäßig ver­ständ­nis­voll dar und ent­nimmt ihm mehr chi­ne­si­schen Domi­nan­zwil­len als es der Wort­laut her­gibt. Wer Mün­k­ler liest, wird kaum zur Lek­tü­re des Buches von Zhao moti­viert. Dabei ist es hoch­in­ter­es­sant und lehr­reich, sich in ein alter­na­ti­ves Denk­mo­dell im Kon­text Glo­bal­po­li­tik zu ver­tie­fen. Völ­lig zutref­fend ist die Kri­tik Mün­k­lers, dass es an kri­ti­schen Pas­sa­gen z.B. zur (ehe­ma­li­gen) Kolo­ni­al­macht Russ­land oder (mei­ne Ergän­zung:) gar zum heu­ti­gen Chi­na völ­lig fehlt. Aller­dings ist offen­kun­dig, dass das Tianxia-Prin­zip mit sei­ner Beto­nung der gewalt­frei­en Koope­ra­ti­on nicht der staat­li­chen Poli­tik Chi­nas ent­spricht und Zhao sagt expli­zit: „Das heu­ti­ge Chi­na ist ein sou­ve­rä­ner Staat, kein Tianxia, Arg­wohn gegen­über dem heu­ti­gen Chi­na kann kei­ne Zwei­fel am Tianxia-Sys­tem begrün­den.“ (Alles unter dem Him­mel S. 235)

Wer braucht eigent­lich ein natio­na­les Nar­ra­tiv? Dass die Ukrai­ne um eine Stand­ort­be­stim­mung ringt, ist sehr ver­ständ­lich, dass Putin ein Nar­ra­tiv braucht, ist plau­si­bel. Aber müs­sen plu­ra­lis­ti­sche Gesell­schaf­ten Nar­ra­ti­ve pfle­gen? Brau­chen sie sol­che? Ja, kön­nen sie sich sol­che über­haupt leis­ten, wenn sie Min­der­hei­ten nicht aus­gren­zen wol­len? Wir sind hier mit­ten in dem The­men­feld von Leit­kul­tur ver­sus Ver­fas­sungs­pa­trio­tis­mus, aber dies wird von Mün­k­ler nicht ein­mal ange­deu­tet, so dass unklar bleibt, wel­che Bedeu­tung er den Nar­ra­ti­ven zuschreibt.
blind

ZHAO Tingyang

ZHAO Tin­gyang: Alles unter dem Himmel,
Suhr­kamp Ver­lag 2020

Demokratien im Nachteil?

Mün­k­ler betont mehr­fach, dass Auto­kra­tien und Demo­kra­tien unter­schied­li­che spe­zi­fi­sche Stär­ken und Schwä­chen haben:

„Auto­kra­ten haben Vor­tei­le bei der Ent­wick­lung lang­fris­tig ange­leg­ter Stra­te­gien; Demo­kra­tien sind im Vor­teil, wenn es dar­um geht, die Vor- und Nach­tei­le, Chan­cen und Risi­ken sol­cher Stra­te­gien abzu­wä­gen.“ (S. 24)
In Demo­kra­tien spielt „die Gegen­wart eine deut­lich grö­ße­re Rol­le … als der Blick auf das, was in Zukunft ein­tre­ten könn­te“ (S. 71f).

Zudem dreht sich die Poli­tik in Demo­kra­tien auf­grund der Wäh­ler­ori­en­tie­rung „eher um innen- als um außen­po­li­ti­sche Fra­gen“ (ebd.). Die­se Ana­ly­se ist bedeut­sam und ver­dient eine stän­di­ge Refle­xi­on durch ver­ant­wort­li­che Poli­ti­ker in Demo­kra­tien. Es dürf­te ihnen die Auf­ga­be zufal­len, die Bevöl­ke­rung bei lang­fris­ti­gen Her­aus­for­de­run­gen, zu denen sicher die Kli­ma­ver­än­de­run­gen gehö­ren, „mit­zu­neh­men“ (wie es so unschön heißt), indem sie durch Infor­ma­ti­on und klu­ges Ein­ge­hen auf die unver­meid­li­chen Emo­tio­nen eine sach­ge­rech­te Poli­tik begleiten.

Nutzlose Werte?

Durch das Buch zieht sich eine Skep­sis gegen­über dem Gel­tend­ma­chen und womög­lich sogar auch der Moti­va­ti­on durch Werte.

„Je weni­ger von Wer­ten die Rede ist, des­to leich­ter wer­den sich Regeln im Umgang der gro­ßen Mäch­te mit­ein­an­der fest­le­gen las­sen. Man muss sich also ent­schei­den, was einem wich­ti­ger ist: das fol­gen­lo­se Gel­tend­ma­chen von Wer­ten oder die Ver­stän­di­gung auf ver­bind­li­che Regeln.“ (S. 26)

Aller­dings reflek­tiert Mün­k­ler nicht, dass Regeln wer­te­ba­siert sind. Sie die­nen ja z.B. dem Frie­den oder der Wohl­stands­meh­rung etc. Zudem setzt die Beach­tung der Regeln den Wert der Ver­trags­treue vor­aus. Mün­k­ler schreibt völ­lig zurecht:

„Die poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Eli­ten des glo­ba­len Südens glau­ben «dem Wes­ten» nicht, dass er es mit den von ihm pro­kla­mier­ten Wer­ten wirk­lich ernst meint, jeden­falls nicht für sie im «Süden», und sind des­we­gen dar­auf bedacht, sich aus den geo­po­li­ti­schen Kon­flik­ten des Nor­dens her­aus­zu­hal­ten.“ (S. 119)

Bedeu­tet eine sol­che Ana­ly­se nicht, dass die ange­spro­che­nen Län­der sich wün­schen wür­den, der Wes­ten wür­de die Wer­te auch ihnen gegen­über beach­ten? Bestä­ti­gen sie damit nicht die Wer­te als Wer­te und kri­ti­sie­ren die Heuchler?

Wer­te schei­nen für Mün­k­ler – in der inter­na­tio­na­len Poli­tik jeden­falls – nur dann „sinn­voll“ zu sein, wenn man sie auch durch­set­zen kann. Wenn Wer­te nicht durch­ge­setzt wer­den kön­nen, weil kein „Hüter“ da ist, der bereit wäre, sei­ne Macht und sei­ne Kraft für sie ein­zu­set­zen, sind sie für Mün­k­ler „blo­ßer Ges­tus“, Mah­nun­gen und Apel­le, die nichts brin­gen (vgl. S. 437). So ist für ihn auch

das „Dilem­ma einer «wert­ori­en­tier­ten Außen­po­li­tik»: Letz­ten Endes ist sie auf einen Hüter ange­wie­sen, den es aber auf Dau­er nicht gibt – oder sie muss des­sen Auf­ga­ben selbst über­neh­men, womit sie aber struk­tu­rell über­for­dert ist“ (S. 190).

Der Wer­te­be­griff von Mün­k­ler scheint mora­lis­tisch ver­engt zu sein. Er ver­kennt, dass Poli­ti­ker wie alle Men­schen not­wen­di­ger­wei­se mit Gerech­tig­keit und Fair­ness argu­men­tie­ren, auf zuge­füg­tes Lei­den (Mit­ge­fühl) ver­wei­sen oder man­geln­der Soli­da­ri­tät bekla­gen etc.
Dass jedes Land wie jeder Mensch immer auch die eige­nen Inter­es­sen ver­folgt, ist dazu nicht der gerings­te Widerspruch.

Globalisierung am Ende?

Noch in einem letz­ten wich­ti­gen Punkt kann ich Mün­k­ler nicht fol­gen. Er behaup­tet recht pau­schal, dass das „Pro­jekt eines offe­nen Welt­mark­tes … vor­erst als geschei­tert ange­se­hen wer­den“ müs­se (S. 423). Nun hat sich aller­dings die wirt­schaft­li­che Ver­net­zung in einer atem­be­rau­ben­den Wei­se in den letz­ten Jahr­zehn­ten ent­wi­ckelt. Bedeu­tet ein Boy­kott Russ­lands und eine ange­streb­te gerin­ge­re Abhän­gig­keit von eini­gen Roh­stof­fen aus Chi­na schon ein Schei­tern des offe­nen Welt­mark­tes? Wird nicht selbst das Embar­go gegen Russ­land von fin­di­gen Fir­men umgan­gen und von vie­len Län­dern gar nicht mit­ge­tra­gen? Die wirt­schaft­li­che Glo­ba­li­sie­rung mag Rück­schlä­ge erlei­den und ihre Zukunft ist offen, für einen Abge­sang ist aber die Zeit kei­nes­wegs gekommen.

Mün­k­ler meint, auch poli­tisch sei die „Eine-Welt-Vor­stel­lung“ über­holt, weil „sich die Ver­ein­ten Natio­nen als zu schwach und zu zer­strit­ten erwie­sen“ um die Auf­ga­be des Hüters wahr­zu­neh­men (S. 437). Nie­mand bestrei­tet die Pro­ble­me der Ver­ein­ten Natio­nen, allen vor­an die Blo­cka­de­mög­lich­keit des Sicher­heits­ra­tes durch das Veto­recht der fünf stän­di­gen Mit­glie­der. Aller­dings wird dabei doch wohl die beharr­li­che Arbeit der vie­len Unter­or­ga­ni­sa­tio­nen nicht aus­rei­chend bedacht. Und könn­te man nicht im Gegen­teil auch dar­über stau­nen, dass es die­se Orga­ni­sa­ti­on mit ihren Kom­pe­ten­zen über­haupt gibt? Auch der Inter­na­tio­na­le Straf­ge­richts­hof (außer­halb der UNO) wäre hier zu wür­di­gen. Noch ist auch hier nicht der Punkt gekom­men, in dem ein Enga­ge­ment für die UNO als über­flüs­sig und nutz­los betrach­tet wer­den könnte.

Das Buch für Mün­k­ler ist denen zu emp­feh­len, die sich für eine rela­tiv abs­trak­te, eben „modell­theo­re­ti­sche“ Sicht auf Geo­po­li­tik interessieren.

Die Fra­ge, wie Krie­ge in der Ver­gan­gen­heit been­det wor­den sind, wird kom­pakt von Jörn Leon­hard erör­tert. Bei ihm kom­men Fra­gen der Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen den Mäch­ten und „poli­ti­sche Gefüh­le“ zu ihrem Recht. Star­ke Empfehlung!

Mit Recht hoch­ge­lobt wird auch das Werk von Niko­lai Epp­lée: Die unbe­que­me Ver­gan­gen­heit. Ein län­ge­rer ers­ter Teil beschreibt das Rin­gen in Russ­land um einen ange­mes­se­nen Umgang mit der Ver­gan­gen­heit, vor allem der Revo­lu­ti­on von 1917 und dem Stal­in­ter­ror. Wei­te­re Kapi­tel beschäf­ti­gen sich sodann mit der „Ver­gan­gen­heits­ar­beit“ in Argen­ti­ni­en, Spa­ni­en, Süd­afri­ka, Polen, Deutsch­land und Japan. Der drit­ter Teil dient dann der Zusam­men­schau. Hier geht es um tief­schür­fen­de Aspek­te etwa der „Arbeit des Akzep­tie­rens“, des „Aus­han­delns der Wahr­heit“ oder der „Infra­struk­tur“ des Erinnerns.
Die Rede von Nar­ra­ti­ven erweckt den Ein­druck einer Abge­klärt­heit, an die im Streit um For­men des Geden­kens an die Opfer von Gewalt noch nicht zu den­ken ist.

Eine Rezen­si­on zu Mar­tha Nuss­baums Buch Poli­ti­cal Emo­ti­ons fin­det sich hier.

Jörn Leonhard: Über Kriege und wie man sie beendet

Jörn Leon­hard: Über Krie­ge und wie man sie been­det, Mün­chen: C.H.Beck 2023.