Mar­tha Nuss­baums Plä­doy­er, Gefüh­le in der Poli­tik nicht nur ernst zu neh­men, son­dern sie auch zu adres­sie­ren, zu kul­ti­vie­ren und sich auf sie zu stüt­zen, wider­spricht einer üblich gewor­de­nen Vor­stel­lung von ver­ant­wor­tungs­be­wuss­ter Poli­tik. Geht es in der Poli­tik nicht um Argu­men­te und um den ver­nünf­ti­gen Diskurs?

Mar­tha Nuss­baum behaup­tet dagegen:

ALL SOCIETIES ARE FULL OF EMOTIONS. Libe­ral demo­cra­ci­es are no excep­ti­on.[1]

Gegen den Ein­wand, Gefüh­le hät­ten in der Poli­tik nichts ver­lo­ren, argu­men­tiert sie dreifach:

Ers­tens: Es ist unstrit­tig, dass schlech­te Zie­le von Emo­tio­nen beglei­tet und unter­stützt wur­den: Nazis­mus, reli­giö­se Ver­fol­gung, unge­rech­te Krie­ge. Aber es gibt auch die Gegen­bei­spie­le: Die Abschaf­fung der Skla­ve­rei, die Bür­ger­rechts­be­we­gung, die Bewe­gung für grö­ße­re öko­no­mi­sche Gerech­tig­keit und der Kampf um die Gleich­be­rech­ti­gung von Frau­en stütz­ten sich eben­falls auf Emo­tio­nen. Glaubt jemand, dass z. B. Hit­ler hät­te bezwun­gen wer­den kön­nen ohne star­ke Lei­den­schaf­ten, die sich aus dem Wil­len, die eige­ne Nati­on zu bewah­ren, speis­ten, ob es sich nun um Groß­bri­tan­ni­en oder die Ver­ei­nig­ten Staa­ten han­delt? Dass Win­s­ton Churchill’s Auf­ruf zu “blood, sweat, and tears” und ande­re emo­tio­na­le Auf­ru­fe irrele­vant gewe­sen wären für die Stär­kung der bri­ti­schen Ent­schlos­sen­heit in die­ser har­ten Zeit?

Zwei­tens: Wer den Ein­wand erhebt, scheint anzu­neh­men, dass gute Zie­le sich von selbst ver­wirk­li­chen und Bestand haben ohne star­ke emo­tio­na­le Moti­va­ti­on. Die Geschich­te zeigt, dass dies falsch ist. […]

Drit­tens: Zudem scheint der Ein­wen­der zu ver­ges­sen, dass die schlech­ten Zie­le und die schlech­ten Emo­tio­nen nicht ver­schwin­den, wenn wir ruhig die guten Zie­le ver­fol­gen. Es ist aber kei­nes­wegs aus­ge­macht, wer in der Kon­kur­renz zwi­schen dem emo­ti­ons­los ver­folg­ten Guten und dem emo­ti­ons­ge­la­de­nen Bösen gewinnt.[2]

Zu Nuss­baums Argu­men­ten möch­te ich noch vier­tens hin­zu­fü­gen: Wer sagt denn, dass die Argu­men­te sich nicht auf der Basis von unbe­wuss­ten Emo­tio­nen ent­wi­ckelt haben? Gibt es nicht im Gegen­teil vie­le Hin­wei­se dar­auf, dass wir für das, wozu wir gefühls­mä­ßig nei­gen, recht zwang­los gute Argu­men­te finden?

Emo­tio­nen haben eine mora­li­sche Tönung. Sie kön­nen poli­ti­sche Zie­le, für die es gute ethi­sche Argu­men­te gibt, unter­stüt­zen. Sie sind aber oft ambi­va­lent und kön­nen, wie schon bemerkt, auch destruk­tiv wirken.

Pro­ble­ma­tisch ist vor allem die Angst.

Angst

Schwer zu wider­spre­chen ist vor allem der Fest­stel­lung Nuss­baums, dass Regie­run­gen immer Ent­schei­dun­gen tref­fen, die die Angst der Men­schen berührt, das Angst­le­vel sen­ken oder erhö­hen. (S. 338) In jeder Gesell­schaft wird dis­ku­tiert, was für Gefah­ren dro­hen (poli­tisch, wirt­schaft­lich, finan­zi­ell, von Sei­ten der Natur und für die Natur) und wie man ihnen am bes­ten ent­ge­gen­tritt. Oft wer­den aber auch Gefah­ren „beschwo­ren“, die so nicht exis­tie­ren. Wenn Poli­ti­ker die Angst­an­fäl­lig­keit von uns Men­schen igno­rie­ren, sind sie jeden­falls naiv. Sie haben die Ver­ant­wor­tung, ihre Ein­schät­zung über das Aus­maß der Bedro­hung dar­zu­le­gen und dazu ihre Kon­zep­te, die die Bedro­hung reduzieren.

Nur ver­ant­wor­tungs­lo­se Poli­ti­ker wer­den Angst dazu benut­zen, um Aggres­sio­nen gegen „Ande­re“ zu schü­ren. Denn die Angst, dass Ande­re das soli­da­ri­sche Wir gefähr­den könn­ten, kann schnell aufflackern.

Nuss­baum hat län­ge­re Zeit in Finn­land gelebt und hat die Bes­ser­ge­stell­ten gefragt, war­um sie ohne Pro­ble­me hohe Steu­ern bezah­len und damit das effek­ti­ve sozia­le Siche­rungs­sys­tem finan­zie­ren. „Die Ant­wort, die ich typi­scher­wei­se höre, ist, dass die Abwe­sen­heit von Neid zwi­schen den Klas­sen zum gro­ßen Teil sich daher her­lei­te, dass die­se klei­ne Gesell­schaft wie eine Fami­lie sei, in der die Per­spek­ti­ven aller Bür­ger mit­ein­an­der ver­bun­den sei­en. Die­ses gute Merk­mal der fin­ni­schen Gesell­schaft ist aber eng ver­knüpft mit einem pro­ble­ma­ti­schen: das ist die extre­me Homo­ge­ni­tät und der Wider­wil­le, Immi­gran­ten zu akzep­tie­ren oder Asylsuchende.“

Die Nei­gung des Men­schen zur Soli­da­ri­tät einer­seits, aber auch zur Aus­gren­zung und Aggres­si­ons­be­reit­schaft gegen­über „Ande­ren“ wird auf die­ser Home­page an meh­re­ren Orten beleuch­tet. Was Mar­tha Nuss­baum in beson­de­rer Schär­fe the­ma­ti­siert ist das Gefühl des Ekels, der dabei eine Rol­le spie­len kann.

Ekel

Nuss­baum, die sehr frei­mü­tig über ihre per­sön­li­che Ent­wick­lung spricht, erzählt von der bemer­kens­wer­ten Offen­heit ihres Vaters, der ihr mit Ver­gnü­gen Frei­hei­ten auch für Unkon­ven­tio­nel­les ermög­lich­te. Nuss­baums Vater stamm­te aus einer Arbei­ter­fa­mi­lie und hat sich auch durch sei­ne Ener­gie aber auch durch vie­le glück­li­che Umstän­de zu einem sehr erfolg­rei­chen Anwalt hoch­ge­ar­bei­tet. Er gelang­te zu der Über­zeu­gung, „dass der ame­ri­ka­ni­sche Traum allen offen ste­he“. Gleich­zei­tig berich­tet sie über sei­nen „tief­sit­zen­den Ras­sis­mus, mit dem er von Haus­halts­hil­fe ver­lang­te, dass sie ein sepa­ra­tes Bade­zim­mer benutz­ten, und sogar damit droh­te, mich zu ent­er­ben, wenn ich in der Öffent­lich­keit in einer grö­ße­ren Grup­pe (einer Thea­ter­grup­pe) auf­tre­ten wür­de, zu der ein Afro­ame­ri­ka­ner gehör­te. … Der Abscheu mei­nes Vaters vor Min­der­hei­ten erstreck­te sich auf vie­le, die (trotz sozia­ler Hin­der­nis­se) durch har­te Arbeit Erfol­ge erzielt hat­ten: ins­be­son­de­re auf Afro­ame­ri­ka­ner und Juden der Mit­tel­schicht.“[3] Der Ekel betraf gemein­sa­me sani­tä­re Ein­rich­tun­gen eben­so wie gemisch­te Ehen.

Ekel im Blick auf Per­so­nen­grup­pen kann allein in ihrer Anders­ar­tig­keit wur­zeln, wird aber ver­stärkt ins­be­son­de­re durch Essens­vor­lie­ben (und die damit ver­bun­de­nen Kör­per­ge­rü­che). Und auch Frau­en unter­la­gen in eini­gen Kul­tu­ren Kon­zep­ten von Unrein­heit, die sie von Sozi­al­kon­tak­ten und ‑akti­vi­tä­ten aus­schlos­sen. Ein­drück­lich beschreibt Nuss­baum den Kampf von Gan­dhi und Rabin­dra­nath Tago­re gegen das indi­sche Kas­ten­we­sen mit sei­nem rigi­den Kon­zept von Unreinheit.

Der Über­gang zu vol­lem gegen­sei­ti­gem Respekt erfor­dert kör­per­li­chen Kon­takt (S. 188), der z. B. in Sport, Kul­tur und Pfle­ge ermög­licht wer­den kann.

Beschämung

Auf der Sei­te der vom Ekel­ge­fühl Betrof­fe­nen ruft die Stig­ma­ti­sie­rung ein Gefühl der Scham her­vor. Eine libe­ra­le Gesell­schaft aber darf nicht zulas­sen, dass sich Men­schen ihrer Haut­far­be oder ihrer kör­per­li­chen Behin­de­rung zu schä­men haben. Genau dies aber unter­stütz­ten sogar noch Geset­ze diver­ser Städ­te. Men­schen mit Behin­de­run­gen wur­de ver­bo­ten, in die Öffent­lich­keit zu tre­ten. (Vgl. S. 371 und Anm. auf S. 436) Chi­ca­go ver­bot im Jah­re 1911 Men­schen, die „unan­sehn­lich“ oder „absto­ßend“ („unsight­ly or dis­gus­ting“) wären, auf öffent­li­chen Wegen oder Plät­zen zu erschei­nen – bei einer Höchst­stra­fe von 50 Dol­lar. Die­se Ver­ord­nung wur­de erst 1974 auf­ge­ho­ben. Aber Nuss­baum will nicht aus­schlie­ßen, dass Beschä­mun­gen auch eine Berech­ti­gung haben, etwa wenn Men­schen ver­an­lasst wer­den, sich ihrer Gier oder ihres Ego­is­mus zu schämen.

A libe­ral socie­ty asks peo­p­le to be asha­med of exces­si­ve greed and sel­fi­sh­ness, but it does not ask them to blush for their skin color or their phy­si­cal impairm­ents. (S. 23)

Beschä­mung als maß­geb­li­chen Motor mora­li­scher Ent­wick­lung hat Kwa­me Antho­ny Appiah in sei­nem Buch „Eine Fra­ge der Ehre“ ein­drück­lich dar­ge­stellt.

Zu den genann­ten „pro­ble­ma­ti­schen“ Emo­tio­nen gehö­ren auch Wut und Neid, auf die Nuss­baum eben­falls aus­führ­lich ein­geht. Angst, Wut und Neid kön­nen eine wich­ti­ge Signal­funk­ti­on haben: Aus­lö­ser der Angst kann eine rea­le Bedro­hung sein, Aus­lö­ser der Wut eine ekla­tan­te Rück­sichts­lo­sig­keit oder Unge­rech­tig­keit. Auch Neid kann ein Indiz für Unge­rech­tig­keit und man­geln­de Soli­da­ri­tät sein.

Wut und Rache

Für die Wut hat Nuss­baum schön her­aus­ge­ar­bei­tet[4], dass sie nur als Über­gangs­phä­no­men eine mora­lisch-ethi­sche Berech­ti­gung haben kann. Wut kann mir signa­li­sie­ren, dass ich mich so nicht behan­deln las­sen will. Und sie kann natür­lich, wenn sie geäu­ßert wird, ande­ren signa­li­sie­ren, dass hier eine Norm­ver­let­zung vor­liegt, die man nicht durch­ge­hen las­sen darf. Aber für Nuss­baum ist es ein fun­da­men­ta­ler Unter­schied, ob dies mit Rache­ge­dan­ken und ‑wün­schen ver­bun­den ist oder nicht. So kann man sich über kras­se sozia­le Ungleich­heit empö­ren, für sozia­len Aus­gleich ein­tre­ten und in Kauf neh­men, dass sich die Rei­chen ärgern, ohne dass man möch­te, dass sie „lei­den“. Wenn Wut ohne den Rache­ge­dan­ken aus­kommt, spricht Nuss­baum von „Über­gangs­wut“ (Tran­si­ti­on-Anger). Sie meint, dass der „Ver­gel­tungs­in­stinkt“ zwar zutiefst mensch­lich sei, sowohl durch eine evo­lu­tio­nä­re Ten­denz als auch durch kul­tu­rel­le Ver­stär­kung. Aber Rache­wün­sche, das Gefühl, die­je­ni­gen „ver­dien­ten es zu lei­den“, sind destruk­tiv. Wer Rache will, macht den Feh­ler zu mei­nen, dass das Lei­den des Übel­tä­ters etwas wie­der­her­stellt oder aus­gleicht. Aber das Lei­den des Schul­di­gen bringt kei­ne Per­son oder ein zer­stör­tes Gut wie­der zurück.[5] Viel­mehr könn­te das Gefühl ganz aus dem Gedan­ken besteht: „Wie empö­rend! Es muss etwas dage­gen getan wer­den.“ Gegen die Unge­rech­tig­keit, nicht um an einer Per­son Rache zu neh­men. Über­gangs­wut ver­pflich­tet sich zur Suche nach Stra­te­gien. Sie fokus­siert sich völ­lig auf das Gemeinwohl.

Mar­tha Nuss­baum sieht die­se Ein­sicht in über­ra­gen­der Wei­se in Nel­son Man­de­la ver­kör­pert. Weder er noch Mar­tin Luther King schlos­sen (im Gegen­satz zu Gan­dhi) Gewalt völ­lig aus, aber selbst die­se müss­te, wenn sie ziel­ge­rich­tet ein­ge­setzt wird, in einem Geist von „non-anger“ und mit dem Ziel der künf­ti­gen Koope­ra­ti­on aus­ge­übt werden.

Kritische Anmerkung

So sehr es zu wür­di­gen ist, dass Mar­tha Nuss­baum die „wahr­schein­lich“ evo­lu­tio­nä­ren Wur­zeln (ins­be­son­de­re) des Gefühls der Wut wie­der­holt erwähnt, so wenig wer­den die­se von ihr reflek­tiert und erör­tert, etwa im Blick auf den evo­lu­tio­nä­ren Vor­teil, den z.B. das Wut­ge­fühl gebo­ten haben könn­te. Ein­mal geht sie kurz dar­auf ein, wenn sie schreibt:

Wut … hat einen sehr begrenz­ten aber rea­len Nut­zen, der wahr­schein­lich (very likely) zurück­geht auf ihre Rol­le als „Kampf-oder-Flucht“-Mechanismus.[6]

Es kann zwar schon sein, dass man Wut ent­wi­ckelt z.B. auf ein Tier, von dem man plötz­lich ange­grif­fen wird oder auf einen Unbe­kann­ten, der einen über­fällt. Den­noch hat die typi­sche Wut oder der typi­sche Zorn ihren/seinen Sitz im Leben eher in der eige­nen sozia­len Grup­pe und nicht in einer reflex­ar­ti­gen Kampf­si­tua­ti­on. Wut und Zorn sagen eher:

Du sollst so nicht davon kom­men mit dei­nem unfai­ren oder sogar betrü­ge­ri­schem Verhalten!

Oder: Dein unso­li­da­ri­sches oder gar ver­rä­te­ri­sches Ver­hal­ten muss bestraft werden!

Das eine Mal geht es um eine Ver­let­zung der Fair­ness, das ande­re Mal um eine Ver­let­zung der Soli­da­ri­tät, bei­des mora­li­sche Grund­in­tui­tio­nen, wie an ande­rer Stel­le aus­ge­führt. Damit gewähr­leis­tet das Wut­ge­fühl eine wich­ti­ge sozia­le Funk­ti­on: den Schutz der Grup­pe vor Betrü­gern und Tritt­brett­fah­rern. Und dar­in besteht der evo­lu­tio­nä­re Vor­teil für ein hoch­ko­ope­ra­ti­ves Lebe­we­sen. Die Bestra­fung kann dabei von „Denk­zet­tel“ über „Demü­ti­gung“, sons­ti­ge Bestra­fung bis hin zum Aus­schluss aus der Grup­pe rei­chen. Auf eine Gleich­ar­tig­keit von Ver­ge­hen und Stra­fe kommt es dabei nicht an! Des­halb mag das Prin­zip „Auge um Auge“ sich kul­tu­rell nahe­le­gen, auch als Ana­lo­gie zum natür­li­cher­wei­se sehr sorg­fäl­tig beob­ach­te­ten Gleich­ge­wicht von Geben und Neh­men. Das (rächen­de) Ver­gel­tungs­prin­zip im Sin­ne von „Glei­ches mit Glei­chem“ dürf­te aber nicht evo­lu­tio­när ver­an­kert sein.

Voll zuzu­stim­men ist Mar­tha Nuss­baums Kri­tik an jeder Form von Rache. Die Über­gangs­wut ist viel­mehr zu trans­for­mie­ren in ver­nünf­ti­ge Prä­ven­ti­on, wobei natür­lich eine Bestra­fung auch mit dem Ziel der Abschre­ckung sinn­voll sein kann.

Nun wur­den bis­her über­wie­gend pro­ble­ma­ti­sche bzw. ambi­va­len­te (poli­ti­sche) Gefüh­le the­ma­ti­siert. Es sind aber natür­lich ins­be­son­de­re die kon­struk­ti­ven Gefüh­le, die Mar­tha Nuss­baum moti­vie­ren, auch im poli­ti­schen Raum den Gefüh­len eine wich­ti­ge Rol­le zuzu­spre­chen. An ers­ter Stel­le zu nen­nen ist

Compassion – Mitgefühl

Nuss­baum erör­tert aus­führ­lich die Fra­ge der Kon­ti­nui­tät von Mit­ge­fühl, zu dem auch man­che Tier­ar­ten fähig sind, und dem mensch­li­chen Mit­ge­fühl. Hun­de haben einen recht fle­xi­blen cir­cel of con­cern, der neben Men­schen mit­un­ter auch Kat­zen und Pfer­de ein­schlie­ßen kann. Ele­fan­ten wie­der­um schei­nen die Geburt eines Ele­fan­ten-Babys zu fei­ern und um Ver­stor­be­ne zu trau­ern. Emo­tio­na­le Anste­ckung fin­det sich bei Tie­ren und Menschen.

Wozu die­nen die­se Über­le­gun­gen zur Stam­mes­ge­schich­te unse­rer Emo­tio­nen? Sie hel­fen nach Nuss­baum fol­gen­de Fra­gen zu beantworten:

Was ist unser gemein­sa­mes Erbe? Wel­che beson­de­ren Ver­mö­gen haben wir Men­schen, die sich als hilf­reich erwei­sen kön­nen? Und war zeigt uns die Gegen­über­stel­lung zu ande­ren Tie­ren über die Fall­stri­cke, die ver­mie­den wer­den müs­sen?[7]

Zum Mit­ge­fühl gehö­ren für Nuss­baum drei „Gedan­ken“ (thoughts, frü­her sprach sie auch von jud­ge­ments, aber dies sei pro­ble­ma­tisch, weil es zu sehr an eine sprach­li­chen Vor­gang den­ken las­se; viel­leicht könn­te man auch von „Wahr­neh­mungs­deu­tun­gen“ sprechen):

Ers­tens: der Gedan­ke der Ernst­haf­tig­keit und Rele­vanz des Lei­dens;

zwei­tens: der Gedan­ke, dass das Unglück nicht selbst ver­ur­sacht ist; denn tat­säch­lich nimmt dann das Mit­ge­fühl dras­tisch ab, ja in einer sozio­lo­gi­schen Stu­die wird gezeigt, dass vie­le Ame­ri­ka­ner des­halb kein Mit­ge­fühl mit den Armen emp­fin­den, weil sie glau­ben, dass die­se die Armut durch Faul­heit (lazi­ness) und einen Man­gel an Anstren­gung selbst auf sich gezo­gen haben[8]; Tie­re wer­den wohl nicht die Fra­ge der Selbst­ver­schul­dung berück­sich­ti­gen, was Nuss­baum am Hund Rol­lo ver­an­schau­licht, der im Gegen­satz zu Effis Eltern ihr natür­lich kei­ne Schuld an ihrem Unglück zuschreibt und ihr bis zum Ende treu ist;

drit­tens: (bei den meis­ten Men­schen) der Gedan­ke einer ähn­li­chen Ver­letz­lich­keit, die das Opfer mit dem Mit­füh­len­den ver­bin­det oder sogar eine dar­über hin­aus­ge­hen­de Ähn­lich­keit der Person.

Men­schen kön­nen zutiefst mit­füh­len, wenn ihnen das Leid von Men­schen durch einen Erd­be­ben in Chi­na geschil­dert wird (die­ses Bei­spiel erör­ter­te schon Adam Smith), doch die­ses Mit­ge­fühl schwin­det schnell durch Ereig­nis­se in der nahen Umge­bung und die per­sön­li­chen Pro­ble­me. Nuss­baum betont an die­ser Stel­le bereits, dass es eine Auf­ga­be von jeder poli­ti­schen Nut­zung (use) von Mit­ge­fühl sein müs­se, sta­bi­le Struk­tu­ren von Bedeut­sam­keit (con­cern) zu schaffen:

Thus one task of any poli­ti­cal use of com­pas­si­on will be to crea­te sta­ble struk­tures of con­cern that extend com­pas­si­on broadly …

Hier zeigt sich wie­der, dass Nuss­baum es durch­aus für eine Auf­ga­be ver­ant­wor­tungs­vol­ler Politiker*innen hält, Emo­tio­nen nicht nur zu beach­ten, son­dern in eine gute Rich­tung zu ent­wi­ckeln, aller­dings auch, sie zu fun­die­ren durch „unpar­tei­ische Prinzipien“.

Emo­tio­na­ler Fun­da­men­ta­lis­mus ist genau­so schäd­lich wie die Miss­ach­tung der Emotionen.

Es müs­se ein stän­di­ger und wach­sa­mer Dia­log zwi­schen der leben­di­gen Vor­stel­lung und unpar­tei­ischen Prin­zi­pi­en ein­ge­rich­tet wer­den (arran­ge).

Anzu­mer­ken ist, dass com­pas­si­on bereits eine kogni­ti­ve Tönung besitzt, die im Deut­schen eher im Wort Empa­thie zum Aus­druck gebracht wird. Das Eng­li­sche empa­thy ent­spricht eher dem deut­schen Mit­leid oder unmit­tel­ba­ren Mit­füh­len. Vgl. den Bei­trag zum The­ma Empathie.

Freiheit 

Neben dem Mit­ge­fühl ist das Bedürf­nis nach Frei­heit eine Emo­ti­on, die im poli­ti­schen Raum eine bedeu­ten­de kon­struk­ti­ve Rol­le spie­len kann. Nuss­baum ist seit ihrer Jugend­zeit (ganz im Gegen­satz zu ihrem Vater) begeis­tert von dem, was Frank­lin D. Roo­se­velt u. a. mit sei­nem New Deal erreicht hat. Sie meint, dass gera­de die auf den New Deal fol­gen­de Geschich­te zei­ge, dass gute Geset­ze und Insti­tu­tio­nen die andau­ern­de Unter­stüt­zung durch die Gefüh­le der Men­schen brau­chen und vor dem zer­set­zen­den Ein­fluss der schlech­ten Emo­tio­nen bewahrt wer­den müs­sen (S. 136)

Roo­se­velt hat nicht nur Mit­ge­fühl für die schwie­ri­ge wirt­schaft­li­che Lage von vie­len Ame­ri­ka­nern bei den Wohl­ha­ben­den geweckt und dabei nicht ver­säumt das Unver­schul­det­sein her­vor­zu­he­ben, er hat nicht nur die Gefüh­le von Angst und Neid in guter und geschick­ter Wei­se the­ma­ti­siert. Vor allem hat er den star­ken ame­ri­ka­ni­schen Wert der Frei­heit ins Zen­trum gestellt. In sei­ner Frei­heits­re­de von 1941 hat er urame­ri­ka­ni­sche Frei­heits­be­stre­bun­gen  the­ma­ti­siert: Die Frei­heit der Rede, die Frei­heit der Reli­gi­on und die Frei­heit von Furcht, letz­te­re sehr rele­vant in jener (Vor-)Kriegszeit. In die­se Frei­hei­ten hat Roo­se­velt aller­dings als 3. Frei­heit die Frei­heit von Man­gel und Not (free­dom from want) ein­ge­schmug­gelt, und damit in den Begriff der Frei­heit sozia­le Absi­che­rung als Wert ein­ge­zeich­net. Die Rede von den vier Frei­hei­ten erfuhr enor­me Reso­nanz und wur­de die vier Frei­hei­ten wur­den sprichwörtlich.

In der “Second Bill of Rights” speech von 1944 buch­sta­biert Roo­se­velt aus, wel­che Rech­te zu berück­sich­ti­gen und spricht 8 Rech­te an, zu denen u. a. das Recht auf Gesund­heits­ver­sor­gung und das Recht auf Bil­dung gehö­ren und fährt fort:

All of the­se rights spell secu­ri­ty. And after this war is won we must be pre­pared to move for­ward, in the imple­men­ta­ti­on of the­se rights, to new goals of human hap­pi­ness and well-being. (350)

Links

Stern­stun­de Phi­lo­so­phie SRF Kul­tur, 2015, Gespräch mit Bar­ba­ra Blei­sch, 57 Minuten
Nuss­baums Ant­wor­ten sind auf Deutsch synchronisiert
The­ma: Nuss­baums Buch über „Poli­ti­sche Gefühle“
https://youtu.be/2231IcAhL3g

Poli­ti­cal Emo­ti­ons 1 Stun­de 46 Min. Vor­trag und Aussprache
Bel­gi­en Vooruit, nur englisch
https://youtu.be/87hwtoLfd6I

Zu Nuss­baums Capa­bi­li­ties Approach

[1] So Mar­tha Nuss­baum in ihrem Buch Poli­ti­cal Emo­ti­ons. Why Love Mat­ters for Jus­ti­ce S. 1, das 2013 erschie­nen ist, Cam­bridge (Mass.) – Lon­don. Ich zitie­re aus der Kind­le-Aus­ga­be. Die Sei­ten­an­ga­ben im Text bezie­hen sich auf die­ses Buch.
[2] A. O. S. 212f. Her­vor­he­bun­gen und die Über­set­zung von mir.
[3] Mar­tha Nuss­baum: König­reich der Angst. Gedan­ken zur aktu­el­len poli­ti­schen Kri­se, Darm­stadt 2019, S. 11.
[4] Mar­tha Nuss­baum: Anger and For­gi­ve­ness: Resent­ment, Gene­ro­si­ty, Jus­ti­ce. New York: Oxford Uni­ver­si­ty Press 2016, Kap. 2, ins­be­son­de­re S. 34–39 der Kindle-Ausgabe.
[5] Ebd. Kap. 1 S. 5.
[6] Ebd. S. 39.
[7] Poli­ti­cal Emo­ti­ons S. 141 der Kindle-Ausgabe.
[8] Ebd. S. 143 mit Ver­weis auf die Stu­die von Can­dace Clark: Mise­ry and Com­pa­ny: Sym­pa­thy in Ever­y­day Life, Chi­ca­go: Uni­ver­si­ty of Chi­ca­go Press 1997.

Neben ihrem Buch „Poli­ti­sche Gefüh­le“ hat Mar­tha Nuss­baum wei­te­re Bücher zu Angst und Into­le­ranz, aber auch Mit­ge­fühl und Gerech­tig­keit geschrieben.